9.01.2005
Nach dem Erdbeben

Fragen nach Liebe und Allmacht Gottes

Über 165.000 Tote, zerstörte Dörfer und Städte: Ausgerechnet am Weihnachtsfest kam grenzenloses Leid über die Menschen, die in Südostasiens Küstenregionen leben oder dort Urlaub machten. Christen fragen sich: Wie kann Gott das zulassen? Spätestens seit dem verheerenden Erdbeben von Lissabon vor 250 Jahren werden bei Naturkatastrophen Gottes Liebe und Allmacht in Frage gestellt.
Schwarzweiß Aufnahme des Convetno Do Carmo in Lissabon

Am Morgen des 1. November 1755 machen sich die Menschen in Lissabon auf, um in den Kirchen ihrer Stadt zu beten. Es ist Allerheiligen, und an diesem Tag sind die Gotteshäuser gut besucht. Doch die Feiern enden jäh. Um 9.40 Uhr erschüttert ein gewaltiger Erdstoß die Stadt. Kirchenmauern wackeln, Glockentürme und Gewölbe stürzen auf die Gottesdienstbesucher hinunter. Hunderte sterben in den Trümmern. Die noch lebend nach draußen gelangen, erleben dort den zweiten Erdstoß. Im Gassengewirr werden viele von herabstürzenden Steinen getroffen. Häuser, Paläste, Brücken und Türme fallen in sich zusammen.

Die dritte und heftigste Erschütterung versetzt der Hauptstadt des ehemaligen portugiesischen Weltreiches den Todesstoß. Eine Staubwolke verdunkelt den Himmel, bevor alles in Flammen aufgeht. Brennende Öllampen und offene Kochstellen entfachen einen Feuersturm, der sich drei Tage durch die Trümmer frisst. Menschen, die das Beben überlebt haben, fliehen zum Hafen. Dort hat sich das Wasser weit ins Meer zurückgezogen. Doch dann kommt das Meer zurück. Mehrere bis zu zwölf Meter hohe Wellen rollen über das Hafenviertel und reißen Schiffe, Häuser und Menschen hinaus ins offene Meer. Ein apokalyptischer Schlussakkord.

Erschütterter Fortschrittsglaube

Das Beben, das Feuer und die Flut machen die Perle am Tejo zur Hölle. Von den 275.000 Einwohnern sterben 35.000, zwei Drittel der Stadt sind zerstört. Die Erschütterung ist von Finnland bis nach Afrika zu spüren. In Schottland und der Schweiz steigen die Wasserstände der Seen, in Holland und Schweden reißen Schiffe aus ihren Verankerungen. Das Zentrum des Erdbebens liegt einige hundert Kilometer vor der Küste im Bereich der Azorenschwelle und verursacht die Tsunamiwellen.

Wie das Seebeben in Südostasien in diesen Tagen und Wochen Menschen in aller Welt nahe geht, so war damals der Untergang Lissabons bald in ganz Europa Gesprächsthema. Menschen auf der Straße diskutierten über das Unglück, Pfarrer richteten ihre Gottesdienste danach aus. Der Schock saß tief, Theologen und Philosophen kamen durch das Unglück gleichermaßen in Erklärungsnöte. Die Pest, blutige Religionskriege und andere Katastrophen galten als Sache der Vergangenheit, man glaubte Gott und die Welt im Griff zu haben. Die Weltanschauung des 18. Jahrhunderts, bestimmt von Fortschritt, Optimismus und Wohlstand, war gewaltig erschüttert, das Selbstverständnis des aufgeklärten Menschen tief getroffen.

Viele Denker versuchten, die Katastrophe in Gedichten, Predigten und Aufsätzen zu verarbeiten: Voltaire und Rousseau, Casanova, Goethe und Kant. Mensch, Gott, Gesellschaft, nichts war mehr sicher. Ist die grausame Natur stärker als Gott? Oder hat er sich von seiner Schöpfung abgewendet? Gibt es Gott womöglich gar nicht?

Goethe beschrieb Jahrzehnte später in "Dichtung und Wahrheit", wie die "schrankenlose Willkür der Natur" den Kinderglauben des damals Sechsjährigen zerstörte: "Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am 1. November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen." Goethe stellte die Frage, ob angesichts solcher Ereignisse noch allen Ernstes von einem gnädigen Gott gesprochen werden könne.

Hilflos reagierte die katholische Kirche, die das Unglück zur göttlichen Strafe für die in ewiger Sünde verhafteten Menschen erklärte. Die Botschaft kam nicht an: Die Gläubigen waren noch mehr verstört, das gebildete Bürgertum interpretierte das Unglück auf seine Weise: Mit den Erdstößen an Allerheiligen 1755 begann die aufgeklärte Gesellschaft, von Katastrophe und Risiko zu sprechen und nicht mehr von Sünde und Schuld, von Geologie und Seismologie und nicht mehr von Sintflut und der Strafe Gottes. Insofern ist das Erdbeben von Lissabon das erste Datum der modernen Risikogesellschaft - aber auch Moment einer kritischen Theologie. Die Frage "Wie kann Gott das zulassen?" drängte sich auf, sie wurde im Nachbeben von 1755 zur Generalfrage der westlichen Christenheit und markiert das Problem der Rechtfertigung Gottes, der Theodizee: Kann so ein Gott überhaupt gut und liebend sein?

Schwacher, missgünstiger Gott?

Gott fand sich nach Lissabon auf der Anklagebank der Geschichte wieder, aber ganz neu war das Problem freilich nicht. Bereits der griechische Philosoph Epikur (341-270 v. Chr.) formulierte: "Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft. Oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist. Oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott."

Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz antwortete darauf 1710 mit seiner These von der "besten aller möglichen Welten". Gott habe aus einer unendlichen Anzahl möglicher Welten nur eine geschaffen, nämlich die Vollkommenste, in der das Übel den kleinsten Raum hat. Mit dem Übel meint er die Endlichkeit und die Unvollkommenheit der Geschöpfe überhaupt. Gäbe es diese Unvollkommenheit nicht, wäre der Mensch wie Gott. Sünde und Schmerz dienen nach Leibniz dem höheren Zweck, das Gute hervorzubringen und das Versöhnungswerk Christi auszulösen.

Voltaire hat nach dem Erdbeben von Lissabon diese Optimismus-Philosophie in einer beißenden Satire angegriffen: "Entsetzt, bestürzt, seiner Sinne nicht mächtig, über und über blutend und zitternd, sagte Candide sich: Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen dann erst die anderen sein?"

Auch gläubige Christen waren irritiert vom Widerspruch zwischen der Allmacht und Liebe Gottes auf der einen Seite und dem Leid in der Welt auf der anderen Seite. Warum macht Gott nicht mit allem Chaos einfach ein Ende, mit Kriegen, Hunger und Krankheiten? Die Frage stellt sich nach dem Seebeben von Südostasien heute nicht anders. Es gibt aber auch Leid, das jede Frage verstummen lässt, denkt man an das Münchner Ehepaar, das bei der Flut in Thailand seine beiden drei- und einjährigen Kinder verloren hat. Auch die Theologie kann und darf in ein solches Geschehen keinen tieferen Sinn legen. Es bleiben angesichts solchen Leids nur seelsorgerlicher Beistand, Solidarität und Hilfe in jeder Form.

Die Bibel sagt unzweideutig, dass Gott gut ist (Jakobus 1,17), dass er Licht ist und keine Finsternis in ihm (1. Johannes 1,5). An die Stelle der Verzweiflung über das Leid tritt die Glaubensgewissheit der neuen Welt Gottes (Offb. 21,4). Und das Evangelium bezeugt, dass aus der Katastrophengeschichte der Welt letztlich doch eine Heilsgeschichte werden wird.

Ein Vorschein darauf sind Geschichten von wunderbarer Rettung, wie es sie auch bei der Flut in Südostasien gab. Zum Beispiel das zwanzig Tage alte Baby, das gerade schlief, als die Welle das Restaurant seiner Eltern überflutete. Vater und Mutter wurden von den Wassermassen aus dem Gebäude gerissen, erst Stunden später gelang es ihnen zurückzukehren. Im Schlafraum fanden sie ihr Baby: "Tulasi lag weinend auf einer Matratze. Diese schwamm im etwa anderthalb Meter tiefen Wasser", erzählt der Vater. Oder der vierjährige Vathanyu Phaopas im thailändischen Khao Lak, der mehr als zwei Tage lang ohne Essen und Trinken auf einem Baum ausharrte, bevor ihn dort sein Vater nach langer Suche entdeckte. "Es grenzt an ein Wunder, dass er noch lebt", sagte der Vater. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, ihn jemals wieder zu sehen. Er konnte doch nicht schwimmen."

Durch das Böse Gutes schaffen

Luther war überzeugt, dass Gott auch durch das Böse Gutes schafft, wie das tiefste Dunkel des Leidens und Sterbens Christi die Tür zum Reich Gottes öffnet. Er hielt aber auch daran fest, dass Gott heilig und gerecht bleibt, auch wo es gegen den Sinn und Verstand der Menschen geht. Nicht Gott habe sich vor dem Forum des Menschenverstandes zu rechtfertigen, sondern der Mensch müsse von Gott gerechtfertigt werden. Erst mit der Wiederkunft Christi werde alles Leid vergangen sein und werden sich alle Geheimnisse des Glaubens offenbaren. Für das theologische Problem um die Frage "Warum lässt Gott das zu?" hat Luther keine Lösung, er verweist auf die Erlösung.

Immer wieder wurde in der Theologiegeschichte versucht, das Theodizeeproblem zu lösen, indem an der Allmacht oder an der Liebe Gottes Abstriche gemacht wurden. Durch die Kreuzigung Christi sei die Ohnmacht Gottes deutlich geworden, sagte die evangelische Theologin Dorothee Sölle, und sie kam zum Schluss: "Gott hat keine anderen Hände als die unseren." Ist das aber noch Gott?

Muss man sich Gottes Allmacht überhaupt so vorstellen, dass Gott alles Böse und Unbegreifliche im Vorhinein aus dem Lauf der Dinge herausschneidet? Doch wohl eher nicht. Gott lässt in großer Freiheit den Menschen gewähren. Jede Katastrophe sagt deshalb auch wenig über Gott, aber viel über den Menschen aus. Etwa über sein Verhältnis zur Natur mit ihren Gesetzen. Der Mensch, der meint, über die Natur herrschen zu können, stößt mit seinem Machtanspruch an Grenzen.

Wenn Gott dem Menschen Freiheit gewährt - hat Gott hat sich dann zurückgezogen? Das behaupteten jedenfalls mehrere amerikanische Fernsehprediger im Anschluss an das Attentat auf das World Trade Center am 11. September 2001. Pat Robertson beispielsweise stimmte ein Klagelied darüber an, dass Gott seine schützende Hand von Amerika genommen habe und nannte auch die vermeintlichen Gründe für die Strafaktion: zu viel Sex und zu wenig Frömmigkeit. Jerry Falwell entdeckte die Schuldigen für die Katastrophe in der Bürgerrechtsbewegung, bei den Abtreibungsbefürwortern, den Homosexuellen und Atheisten. Falwell wörtlich: "Alle, die ihr mitgeholfen habt, Amerika zu verweltlichen, ich zeige mit dem Finger direkt in euer Gesicht und sage: Ihr habt mit geholfen, dass das passiert!"

Biblisch ist diese Sichtweise nicht. Das einfache Schema, wonach Unglück Folge von Sünde sei, wurde bereits von Jesus ausdrücklich zurückgewiesen: "Meint ihr, dass jene achtzehn, auf die der Turm am Teich Siloah stürzte und sie erschlug, schuldbeladener gewesen seien als alle anderen Einwohner von Jerusalem?" (Lukas 13, 1-5).

"Kein Menschenrecht auf Wunder"

Die Theorie, Gott habe sich aus der Welt zurückgezogen, vertrat auch der deutsche Evangelist Wilhelm Busch (Jesus unser Schicksal): "Die Gebote Gottes werden nicht mehr beachtet und sind den meisten Menschen nicht mal bekannt. Dies ist nun also ein klares Nein zu Gott. Gott respektiert dies und zieht sich weitgehend, aber nicht ganz, zurück." Die These Buschs greift freilich nicht dort, wo arme Fischer und Bauern das wenige verlieren, das sie haben.

Dietrich Bonhoeffer trieb den Gedanken des "vertriebenen Gottes" auf die Spitze: "Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz." Gleichwohl sieht Bonhoeffer Gott nicht fern, sondern ganz nahe bei uns: "Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns."

Dem christlichen Glauben gehe es gar nicht darum, das Übel zu erklären, sondern zu verkünden, dass Gott aus dem Übel rettet, sagt der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger. Mit der Schöpfungsgeschichte argumentiert er, Gott habe das Böse nicht geschaffen (es war alles gut!), sondern das Böse war bereits gegeben, als Gott zu wirken begann. Gott schafft die Welt als einen Bereich der Ordnung, der dem lebensfeindlichen Chaos abgerungen wurde. Das Chaos und die Mächte, die den Menschen und das Leben bedrohen, werden hier vorerst zurückgedrängt, die Chaosmächte sind aber weiterhin anwesend und gefährlich, sobald die Anwesenheit Gottes schwindet.

Berger stellt dabei die Allmacht Gottes in Frage und erklärt sie als Element der griechischen Philosophie. Gott ist demnach dabei, in einer bösen Welt und einer unfertigen, schwachen Schöpfung sein Reich aufzubauen - aber eben nicht mit einem Fingerschnippen und nicht in einem Augenblick. "Allmacht heißt nicht, dass Gott alles und jedes jederzeit wirkt, sondern dass letzten Endes die Verheißung des Reiches Gottes und der vollendeten Schöpfung erfüllt wird."

Das Geheimnis der Zeit steht zwischen der "schwachen Schöpfung" und der Erfüllung der Verheißung. Berger sagt: "Gott ist nicht grausam, davon bin ich überzeugt. Gott will die Überwindung des Todes in all seinen Formen. Es gibt aber auch kein Menschenrecht auf Wunder. Der Tod gehört zu dieser Schöpfung hinzu, weil sie schwach ist." Bis dass sein Reich kommt.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt