27.06.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Tabuthemen Geld & Arbeit

Frau K. dachte, sie könne jetzt, wo das letzte der Kinder aus dem Haus ist, beruflich etwas kürzer treten. Doch ihr Mann ist da ganz anderer Meinung.
Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander.
Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander: Die obersten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland verfügen über mehr als 50 Prozent des Nettovermögens – die untere Hälfte nur über ein Prozent.

Unsere jüngste Tochter ist demnächst mit dem Studium fertig und hat schon eine gute Anstellung in Aussicht. Für uns, meinen Mann (58) und mich (56), bedeutet das, dass wir finanziell endlich mal ein bisschen Luft haben, nachdem unsere drei Kinder nun alle aus dem Haus sind.

Ich arbeite als Krankenschwester und ich träume davon, dass ich in absehbarer Zeit aufhören oder deutlich weniger arbeiten kann. Das Geld könnte trotzdem für uns reichen, ich habe viele Hobbys, ich will endlich Zeit haben zum Töpfern, für meinen Garten und verschiedene Ehrenämter – ich werde meinen Beruf nicht vermissen und wäre erleichtert, wenn diese anstrengenden Jahre endlich hinter mir lägen.

Nun hat mein Mann neulich gesagt, dass er froh ist, dass das Geld, das wir verdienen, jetzt endlich mal zurückgelegt werden kann fürs Alter. Ich bin erschrocken – weil das ja bedeutet, dass ich jetzt für unser Alter weiterarbeiten muss. Eigentlich hab ich mir mein Alter ganz anders vorgestellt … Ich weiß nicht, wie ich meinem Mann sagen soll, dass ich meiner Meinung nach genug finanziell geleistet habe. In unserer Familie ist Geld ein Tabuthema.

Frau K.

"Man kann über alles reden, nur nicht über Geld, Sex und Religion." Diese Plattitüde ist mir eingefallen, als ich über Ihren Brief nachgedacht habe. Mit diesen Themen sind ganz grundsätzliche persönliche Werte und Haltungen verbunden. Das heißt aber auch: Es geht bei Ihrer Frage vielleicht gar nicht nur um Geld – sondern um eine viel grundlegendere und persönlichere Frage, über die Sie sich verständigen müssen.

Wenn erwachsene Kinder das Haus verlassen, ist das ein guter Zeitpunkt, gemeinsam zurückzuschauen auf das, was Sie alles gut geschafft haben –

und nach vorne auf die Wegstrecke, die vor Ihnen liegt. Und da scheint im Moment – unausgesprochen – für Sie und Ihren Mann Unterschiedliches wichtig zu sein: Sie möchten die Lasten des Berufs loswerden zugunsten dessen, was Sie lieber machen, wo Sie sich freier und unabhängiger fühlen.

Und für Ihren Mann ist der Gedanke ans Älterwerden womöglich leichter zu ertragen, wenn er dabei ein finanzielles Polster hat für … – ja, wofür eigentlich? Für gemeinsame Reisen? Für Notfälle? Für die Enkelkinder? Da ist vieles vorstellbar – genauso, wie auch Ihre Überlegungen ja nicht notwendigerweise sofort auf die Alternative "Krankenhaus oder Kunsthandwerk" herauslaufen müssen, sondern eher auf ein Neusortieren.

Es geht also um wichtige Klärungen, und es wird alles damit beginnen, dass Sie einander jeweils Ihre Sicht der Dinge mitteilen: Was hat es für Sie bedeutet, so lange in einem anstrengenden Beruf weiterzumachen? Welche Bedeutung hat Geld für Sie, für Ihren Mann? Wie haben Sie es bisher hinbekommen, gemeinsam Perspektiven zu entwickeln und die größeren und kleineren Träume zu verwirklichen oder zu verändern?

Und welche Gelegenheit können Sie beide sich für so einen Austausch vorstellen? Ein gemeinsamer Spaziergang? Ein ruhiger Abend auf der Terrasse? Sie werden das gemeinsam herausfinden. Und es wird sicher nicht bei einem Gespräch bleiben.

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