27.01.2019
Gedenktage

Holocaust-Gedenktag: Warum wir die Erinnerungskultur wachhalten müssen

Unsere Erinnerungskultur muss sich verändern. Denn sonst droht die Geschichte zu verblassen.
KZ-Dachau mit Stacheldraht und Turm im Winter

Holocaust-Gedenktag: Erinnerungskultur steht vor großen Herausforderungen

Der zunehmende Antisemitismus und der Umgang mit der Erinnerungskultur standen im Mittelpunkt der Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag. "Wir dürfen nicht vergessen, was damals in unserem Land Menschen anderen Menschen angetan haben", erklärte der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm in Frankfurt. "Das ist umso dringlicher, als derzeit kaum eine Woche ohne Meldungen über antisemitische Vorfälle vergeht. Unsere Aufgabe ist es, die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten."

Die Präses der Synode der EKD, Irmgard Schwaetzer, unterstrich die Herausforderung, die Erinnerung angesichts der zunehmenden zeitlichen Distanz lebendig zu halten. "Wir erleben, dass Geschichte zu verblassen droht, wo sie nicht mehr Teil des eigenen Erlebens wird", sagte Schwaetzer. "Es ist kein Zufall, wenn Wiedererstarken nationalistischer und populistischer Parolen und die zunehmende Verweigerung des Gedenkens und der Erinnerung an die dunkelste Epoche deutscher Geschichte Hand in Hand gehen." Den Kirchen komme angesichts ihrer Verstrickung in die nationalsozialistischen Verbrechen eine besondere Verantwortung zu, dafür zu sorgen, dass sich so etwas niemals wiederhole.

Historiker Morsch warnt vor unkritischer Übernahme von Erzählungen

Der frühere Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, wies darauf hin, dass die Zeitzeugen langsam verschwinden: "Die Zeitzeugen, vor allem aus dem Kreis der Opfer der NS-Verbrechen, waren in der Lage durch ihre Präsenz und ihre eindrucksvollen Berichte, eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu schlagen", betonte Morsch. Diese Brücke lasse sich nicht länger aufrechterhalten. Dadurch ändere sich auch die persönliche Auseinandersetzung.

Neuere Untersuchen ließen vermuten, dass mit zeitlichem Abstand unkritische Übernahmen von Rechtfertigungserzählungen der Großeltern und Urgroßeltern immer noch wirksam seien, sagte Morsch "Immer schon klafften Familiengedächtnis und erlernte Geschichte auseinander", sagte der Historiker. Diese Kluft sei nicht kleiner, sondern eher noch größer geworden.

Die allgemeine Anerkennung und Verurteilung der zahlreichen nationalsozialistischen Verbrechen gehöre zwar zum allgemein akzeptierten Geschichtsverständnis, betonte Morsch. Gleichzeitig werde aber die Zustimmung oder Beteiligung eigener Familienmitglieder abgestritten oder zumindest tabuisiert.

Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts

Am Sonntag (27. Januar 2019) wurde weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Der 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamierte Holocaust-Gedenktag macht auf die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 aufmerksam. Die Vereinten Nationen riefen den Tag 2005 als "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" aus.

Veranstaltungs-Tipp

"Evangelische Kirche und Konzentrationslager"

Am Donnerstag, 31. Januar 2019 um 19.30 findet zum Thema  "Evangelische Kirche und Konzentrationslager" eine Buchvorstellung mit Zeitzeugengespräch mit Dr. Heinz H. Niemöller in der Evangelischen Versöhnungskirche Dachau statt. Neben der Autorin des gleichnamigen Buches, Dr. Rebecca Schwerf, wird die EKD-Synoden-Präses Dr. Irmgard Schwaetzer ein Grußwort halten. #WeRemember

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