30.01.2019
Spiritueller Impuls

Mertons Mystik baute Brücken von West nach Ost

Heimat für Heimatlose und das Glück der Unvollkommenheit: Das Leben des Trappistenmönchs Thomas Merton ist geprägt von Spannungen – und ihrer Überwindung. Über das Paradox von Gottes ferner Nähe schreibt Anselm Grün.
quellentext thomas merton

Gott ist immer bei uns. Aber wir erfahren ihn als den, der sich uns entzieht. Von dieser paradoxen Erfahrung spricht Thomas Merton:

Gott naht sich uns,
indem er uns entschwindet.
Wir lernen ihn nie ganz kennen,
wenn wir ihn uns als Beute vorstellen,
die wir in das Gehege unserer eigenen Vorstellungen einzäunen können.
Wir wissen mehr von ihm, wenn wir ihn losgelassen haben.

Der Herr fährt in allen Richtungen zugleich dahin.
Der Herr kommt aus allen Richtungen zugleich auf uns zu.

Wo wir auch sein mögen, es wird uns klar, dass Gott gerade von dort geschieden ist.
Wohin immer wir gehen, wir entdecken, dass er gerade vor uns angekommen ist.

Und doch entspricht diese Erfahrung unserer Beziehung zu Gott. Der heilige Benedikt versteht den Mönch als einen, der sein Leben lang Gott sucht. Er sucht ihn immer wieder von Neuem. Auf diesem Weg kann er Gott immer wieder einmal berühren. Aber dann entschwindet ihm Gott wieder.

Gott ist immer schon gegenwärtig,

bevor wir bei ihm angekommen sind. Wir verfehlen ihn, weil wir lange brauchen, um erst einmal bei uns selbst anzukommen. Und wenn wir nicht bei uns sind, werden wir Gott immer als den erfahren, der gerade dort war, wo wir nach langer Stille und Meditation gerade ankommen.

Gott ist nicht nur der, der sich uns immer wieder entzieht, wenn wir ihn gerade festhalten wollen. Er ist auch der, den wir nicht mit unseren eigenen Vorstellungen und Bildern festlegen können.

Wir brauchen Bilder von Gott, um uns ihn überhaupt vorstellen zu können. Aber dann erfahren wir immer wieder schmerzlich, dass Gott sich all unseren Vorstellungen entzieht. Gott ist jenseits aller Bilder.

Thomas Merton, der so viel über Gott und Gotteserfahrung geschrieben hat, weiß, dass er mit all seinen Worten Gott nicht wirklich beschreiben kann. Er kann nur beschreiben, wie Gott sich entzieht. Und er kommt Gott dort am nächsten, wo er ihn losgelassen hat, wo er es aufgegeben hat, ihn in seine theologischen Vorstellungen hineinzuzwängen.

Indem ich die Bilder von Gott loslasse, geht mir Gott auf als die reine Gegenwart, die mich immer umgibt, die ich aber nur erahnen kann,

wenn ich selbst ganz gegenwärtig bin.

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