23.01.2019
Spiritueller Impuls

Simone Weils einsame Gottsuche

Im August 1943 stirbt in einem englischen Sanatorium eine junge Frau, die keinen Platz in dieser Welt gefunden hat. Die Französin Simone Weil stirbt im Alter von 34 Jahren, weil sie aufgehört hat zu essen; und sie hat aufgehört zu essen, weil nichts ihren Hunger nach absoluter Wahrheit stillen konnte. Über die Bedeutung des Festessens für eine mystische Asketin schreibt Äbtissin Erika Schweizer.
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Für den Menschen, der in dieser Welt lebt, ist die wahrnehmbare Materie das universelle Kriterium für das Wirkliche.

Von diesem Bündnis zwischen Materie und den wirklichen Gefühlen rührt die Wichtigkeit der Mahlzeiten bei feierlichen Anlässen her, bei Festen, bei Zusammenkünften innerhalb der Familie oder unter Freunden.

Und die von besonderen Speisen: Truthahn und kandierte Kastanien zu Weihnachten, Navettes zu Mariä Lichtmess in Marseille, Ostereier und tausend lokale oder regionale volkstümliche Bräuche (die beinahe verschwunden sind).

Die Freude und die geistige Bedeutung des Festes liegt in der für das Fest typischen Leckerei.

(Simone Weil, Londoner Notizheft 1943)

Es mag erstaunen, dass ausgerechnet Simone Weil diese Notiz geschrieben hat. Sie, die selbst nur karg gegessen hat, krank war aus "Hunger nach Gerechtigkeit" (Mt. 5,6) und mit 34 Jahren an Entkräftung starb. Zugleich lesen wir in ihrem letzten Notizbuch ein solch berührendes Zitat, aus dem starke Zärtlichkeit und tiefe Einsicht spricht.

Der Grundgedanke liegt im letzten Satz: Es geht um Freude und geistige Bedeutung, es geht um den Pakt des Geists mit der Materie. Das Materielle ist untrennbar mit geistiger Bedeutung beschickt. Wirklichkeit und die ihr mitgegebene Bedeutung sind eins.

Heimat finden in der Kultur

Darum ist für Simone Weil wesentlich, dass der Mensch seine Einwurzelung in der sinnhaften Schöpfung erleben kann. Dort, wo er zu Hause ist, in seiner regionalen Kultur bis hin zu Festen, die den Zusammenhang von bestimmten Speisen und damit verbundener Bedeutung so schmackhaft wie sinnfällig machen.

Weil Materielles und Geist eins sind, darf der Mensch nicht von der spirituellen Ganzheitlichkeit getrennt werden. Wissend, wie hart und entbehrungsreich Leben sein kann, verteidigt Simone Weil das seelische Bedürfnis des Menschen, eingewurzelt zu sein in eine Umwelt und Kultur, die die Seele nährt. Mystik und Politik gehören für sie deshalb zusammen.

Gott sehnt sich nach den Menschen

In der Mystik gilt Lebenszeit als Zeitraum des Wartens auf Gott, der sich nach den Menschen sehnt. "Sterne, Berge, Meer, alles was uns von der Zeit spricht, bringt Gottes Flehen zu uns." Die Bereitschaft, auf Gott zu warten, verpflichtet zu Liebe, zu kulturpolitischer Seelsorge – auch in der Weise, wie wir öffentliches Leben gestalten.

Dazu gehören die kleinen, gewichtigen Dinge des Lebens wie Rituale, Feste, Zeremonien. "Die Zeremonie, die alle Menschen in ihrer Poesie einander gleich macht, ist Warten für alle." Ebenso sind Feste und Festessen dieses

Warten aus Liebe und Freude.

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