17.11.2020
Umweltschutz

Strom aus Gülle - Mit intelligenter Kreislaufwirtschaft will der Seiml-Hof Schöpfungsverantwortung ernstnehmen

Schon lange kritisieren Umweltverbände übermäßiges Odeln als Grund für steigende Nitratwerte im Grundwasser. Was man aus dem Mist stattdessen machen kann, zeigen Landwirte wie Thomas Mitterer aus dem Chiemgau.

Landwirtschaftsmeister Thomas Mitterer kniet auf einer runden Betonplatte, hinter der sich die mächtige grüne Kunststoffkuppel der neuen Biogasanlage wölbt.

Der 43-jährige Chef des Seiml-Hofs in Ilzham bei Obing nahe des Chiemsees zeigt auf eine Glasscheibe im Beton, unter der ein zäher brauner Brei zu sehen ist. Aus ihm steigen ständig dicke Blasen auf und zerplatzen. "Das ist Methan, ein umweltschädliches Gas, aus dem wir Strom und Wärme produzieren", erklärt er.

Seit letztem Jahr ist die neue Biogasanlage, die ohne den Anbau von Energiemais auskommt, auf dem Chiemgauer Bio- und Schulbauernhof in Betrieb. Denn Thomas Mitterer ist überzeugt: "Klimaschutz darf nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben."

Energieversorgung durch die Biogasanlage

Die 75-Kilowatt-Hofanlage versorgt das Unternehmen mit seinen 1.000 Quadratmetern Wohnfläche mit Wärme und Energie. Zusätzlich speist der Seiml-Hof rund 650.000 Kilowattstunden pro Jahr ins Netz ein und versorgt damit rein rechnerisch 200 Haushalte mit Strom.

"Für uns ist die neue Umweltstation ein weiterer wichtiger Baustein für eine Kreislaufwirtschaft, die Zukunft hat. Sie liefert wertvolle Energie und schützt Menschen, Tiere und Natur", sagt der Landwirt.

Befüllt wird die Anlage mit Mist und Gülle, den die 60 Milchkühe samt Kälbernachwuchs produzieren. Bei 120 "Großvieheinheiten" wie auf dem Seiml-Hof kommen pro Tag rund fünf Tonnen davon zusammen. Die Gärreste, die am Ende übrig bleiben, werden als wertvoller Dünger auf den rund 100 Hektar Acker und Grünland ausgebracht, die Mitterer bewirtschaftet. "Ganz ohne Gestank", wie er ergänzt.

Der Bio- und Erlebnisbauernhof

Den Bio- und Erlebnisbauernhof mit seinen elf Mitarbeitern begreift Mitterer als lebendigen Arbeits- und Lebensraum, der ökologische, ökonomische, soziale und bildungsrelevante Ziele miteinander verbindet.

Rund 3.500 Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Jahr bekämen als Teilnehmer von Umweltseminaren praxisnah Einblick in umweltschonende und tiergerechte Zucht, in Landbewirtschaftung und -pflege, Lebensmittelproduktion und Verbraucherschutz sowie in soziale Verantwortung.

Zu den Anliegen des unterstützenden Vereins "Chiemgauer Schulbauernhof" gehört außerdem die Integration von Menschen mit Behinderungen, die dort ihren Arbeitsplatz haben. Nicht zuletzt deshalb ist der Seiml-Hof auch Mitglied in der Stiftung "Wertebündnis Bayern" mit 194 Kooperationspartnern.

Moderne Technik im Einsatz

Dass für die komplexen Betriebsabläufe und Sicherheitsaspekte auch modernste Technik im Einsatz ist, demonstriert Mitterer kurz auf seinem Smartphone. Über die Tierdatenbank, den Mitarbeiterchat samt Dokumentation und über die 44 Kameras auf dem Hof lassen sich viele Abläufe digital kontrollieren oder vom Homeoffice aus an anderen Orten erledigen.

Eignet sich der Seiml-Hof somit als Beispiel für flächendeckende, nachhaltige Produktionskreisläufe und als Modellbetrieb, der seine Schöpfungsverantwortung ernst nimmt?

Umweltschutz in der Landwirtschaft

Stefan Haberstetter, der beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Rosenheim als Betriebsberater für erneuerbare Energien zuständig ist, sieht "innovative Ansätze und großes Engagement" beim Seiml-Hof. Wie er erklärt, sind in den sieben von ihm betreuten Landkreisen im bayerischen Alpenraum seit 2012 rund 60 gülle- und mistbasierte Anlagen mit vergleichbarer Leistung entstanden.

Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im kommenden Jahr würden die ersten Alt-Anlagen, die Rohstoffe wie Energiemais nutzen und damit höhere Leistungen erzielen, aus der Förderung fallen.

Es ist wie immer diffizil: Eine Ertüchtigung dieser 20 Jahre alten Anlagen sei laut Haberstetter mit reduzierter Stromvergütung grundsätzlich möglich, jedoch nicht für alle Bauern rentabel. Unter anderem gebe es im EEG aber künftig die Möglichkeit, solche Alt-Anlagen in kleinere umzuwandeln, die dann ebenfalls mit Gülle und Mist betrieben werden könnten.

Die neuen, kleinen Anlagen rechneten sich allerdings erst ab etwa 50 Kühen. Damit seien sie für viele Kleinbetriebe ökonomisch uninteressant, so der Experte.

Mögliche Lösung: Betriebsgemeinschaften

Thomas Mitterer sieht das anders. Er hält Zusammenschlüsse von Kleinbauern als Betreibergemeinschaft von gülle- und mistbasierten Biogasanlagen für eine Lösung.

Damit die Idee flächendeckend Schule machen könne, müsse zudem die Leistungsdeckelung der Anlagen angehoben werden. "Die wirksame Reduzierung des Methanausstoßes und die sinnvolle Verwendung von Mist und Gülle für den Klima- und Umweltschutz sollte uns das wert sein." 

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