Religion spielt im Leben von Cem Özdemir eine Rolle – allerdings anders, als es seine Herkunft zunächst vermuten lässt. Der Politiker mit türkisch-tscherkessischen Wurzeln beschreibt sich selbst als säkularen Muslim, der religiöse Tradition eher kulturell versteht.

Gleichzeitig prägen christliche Einflüsse aus seiner Jugend sowie ein starkes Bekenntnis zu Religionsfreiheit und Grundrechten sein öffentliches Auftreten.

Säkular geprägt im Elternhaus

Özdemir wächst in einer Familie auf, die er selbst als "säkulare Muslime" beschreibt. Religion sei im Alltag seiner Eltern weniger als strenge Glaubenspraxis präsent gewesen, sondern vor allem als kulturelle Tradition und als Quelle von Werten.

Diese Werte – etwa Respekt, Anstand, Fleiß und Achtung vor anderen Menschen – nennt er immer wieder als zentrale Orientierung seines Lebens. Der persönliche Gottesglaube steht in seinen Äußerungen dagegen meist weniger im Vordergrund.

Stattdessen betont Özdemir ein humanistisch geprägtes Verständnis von Moral. Vorbilder seien für ihn Menschen, "die sich für Freiheit und Menschlichkeit eingesetzt haben".

Prägende Jahre im evangelischen Religionsunterricht

Eine wichtige Rolle für sein Verhältnis zur Religion spielte die Schule. Seine Eltern entschieden bewusst, ihn in den evangelischen Religionsunterricht zu schicken. Sie waren überzeugt, dass er dort "etwas Richtiges" lernen würde.

Özdemir selbst sagt, dieser Unterricht habe ihn "tief geprägt". Besonders die biblischen Schöpfungsberichte und die Evangelien hätten ihn fasziniert. Nach eigenen Angaben stellte er seinem Religionslehrer so viele Fragen, dass er ihm "Löcher in den Bauch gefragt" habe.

Neben dem Unterricht engagierte er sich auch in einer christlichen Jugendgruppe. Diese Erfahrungen führten dazu, dass christlich geprägte Werte und Traditionen früh Teil seines Alltags wurden.

Religion im Familienalltag

Die interreligiöse Perspektive zeigt sich auch in Özdemirs eigener Familie. Er war bis vor kurzem mit einer argentinischstämmigen Katholikin verheiratet. In der Erziehung ihrer Kinder wollten beide Eltern unterschiedliche religiöse Traditionen sichtbar machen.

Özdemir beschreibt diesen Ansatz mit einem bewusst einfachen Bild: Jesus und Mohammed seien Freunde, die gemeinsam auf die Menschen schauen. Die Darstellung soll verdeutlichen, dass religiöse Unterschiede nicht trennen müssen.

Diese Haltung steht für eine offene, symbolische Form religiöser Vermittlung – ohne Anspruch auf eine strenge religiöse Praxis.

Klare Positionen in der Religionspolitik

Politisch vertritt Özdemir eine deutlich säkulare Linie. 2018 gehörte er zu den Mitgründern der Initiative Säkularer Islam, die sich für ein Islamverständnis einsetzt, das mit Demokratie, Menschenrechten und Gleichberechtigung vereinbar ist.

Gleichzeitig äußert er sich kritisch über islamistische Strömungen und über staatlich beeinflusste religiöse Organisationen. Besonders deutlich positioniert er sich gegenüber dem Verband DITIB, dessen enge Verbindung zur türkischen Regierung er mehrfach kritisiert hat.

In der Debatte um Religionsunterricht spricht sich Özdemir dafür aus, dass staatliche Angebote unabhängig von ausländischem politischen Einfluss bleiben. Grundlage müsse immer das Grundgesetz sein.

Zwischen Herkunft, Glaube und Politik

Özdemirs Verhältnis zur Religion ist von mehreren Einflüssen geprägt: einer säkularen muslimischen Herkunft, christlichen Erfahrungen in Schule und Jugend sowie einer interreligiösen Familie.

Politisch verbindet er diese biografischen Erfahrungen mit einer klaren Betonung von Religionsfreiheit und staatlicher Neutralität.