26.03.2021
Corona-Pandemie

Theologin Bahr: Corona hat Trauer rasant privatisiert

Die während der Corona-Pandemie verhängten Einschränkungen haben Medizinern und Trauma-Experten zufolge zu gravierenden psychischen Problemen geführt. Beim Thementag der bayerischen Landessynode unter dem Motto "Glaube in verletzlicher Zeit" sprachen sie darüber. Die hannoversche Regionalbischöfin Petra Bahr gab einen theologischen Vortrag.
Eine Frau leidet (Symbolbild)

Was hat Corona theologisch in der bayerischen Landeskirche ausgelöst und welche Konsequenzen könnten die Pandemie-Erfahrungen für den christlichen Glauben und die Kirchenleitung haben? Mit diesen und ähnlichen Fragen hat sich die Landessynode während ihrer Frühjahrstagung beschäftigt. Beim Thementag unter der Überschrift "Glaube in verletzlicher Zeit" gaben unter anderem Trauma-Therapeutin Martina Bock und der Palliativ-Mediziner Marcus Schlemmer Impulse - ein theologischer Vortrag kam von Hannovers Regionalbischöfin Petra Bahr.

Experten: Einschränkungen der Corona-Pandemie führen zu psychischen Problemen

Nach Beobachtung von Medizinern und Trauma-Experten haben die wegen der Corona-Pandemie verhängten Einschränkungen zu gravierenden psychischen Problemen geführt. Durch die Einschränkungen hätten Menschen die Sicherheit fester Strukturen etwa im Beruf oder im Privatleben verloren, was Verunsicherung und existenzielle Angst auslösen könne, sagte die Traumapädagogin Martina Bock vor der in digitaler Form tagenden bayerischen Landessynode.

Vor allem bei Menschen, die bereits unter belastenden Erfahrungen leiden, könnten alte Traumata aufbrechen. Als Beispiel nannte die Trauma-Expertin von der Stiftung "Wings of Hope" Opfer von Gewalt- und Sexualverbrechen. Denn durch die Masken, die häufig auch die Täter getragen haben, würden sie an diese Verbrechen und ihr Leid erinnert.

Palliativ-Mediziner: "Kulturschock", dass Menschen einsam sterben mussten

Der Palliativ-Mediziner Marcus Schlemmer bezeichnete es als "Kulturschock", dass Menschen in Intensivstationen einsam und ohne Begleitung sterben mussten. In dieser Situation seien auch Kontakte über Zoom oder Telefon keine Hilfe, da Trauer und Trost nur durch menschliche Begegnung möglich sei. Deshalb habe es vor der Pandemie in palliativen Einrichtungen keine festgelegten Besuchszeiten gegeben, damit man Sterbende jederzeit auch nachts besuchen konnte, sagte der Chefarzt der Palliativen Klinik am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in München, die mit 32 Plätzen die größte Station für schwerstkranke Menschen in Deutschland ist.

Theologin Petra Bahr: Corona hat Trauer rasant privatisiert

Die Hannoversche Regionalbischöfin und frühere Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Kultur, Petra Bahr, wies in ihrem theologischen Impuls darauf hin, dass sich Trauer seit der Pandemie "in rasanter Geschwindigkeit" privatisiert habe. Dieser Prozess der Privatisierung sei freilich schon vor Corona zu beobachten gewesen.

Die staatlichen Teilnehmer-Begrenzungen bei Beerdigungen hätten ihn aber enorm beschleunigt, sagte die Theologin weiter: "Ob Traditionen, die so lange unterbrochen waren, wiederkommen - das steht zu bezweifeln."

Weil die Toleranz in der Gesellschaft für unterschiedliche Einschätzungen der Pandemie abnehme, müssten "Dialogräume" geschaffen werden, schlug die Trauma-Expertin Martina Bock vor. In diesen Räumen solle jeder seine unterschiedlichen Erfahrungen und Ansichten mitteilen können, ohne abgestempelt zu werden.

Als eine mögliche positive Auswirkung der Pandemie sieht der Mediziner Marcus Schlemmer ein neues Bewusstsein der Menschen dafür, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist. Das könne sich auf das Konsumverhalten und die Einschätzung von menschlichen Beziehungen auswirken.

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