Seit Anfang März ist Timmy – oder Hope, je nach Redaktion – der wohl bekannteste Bewohner der deutschen Ostseeküste. Kameras, Rettungsboote, Expert:innen aus mehreren Ländern, Sondersendungen. Für einen Buckelwal, der eigentlich nur falsch abgebogen ist, hat er eine erstaunliche Karriere hingelegt.
Das Tier ist zwölf Meter lang, folgte wohl einem Fischschwarm zu nah ans Ufer oder wurde von irgendwelchen Unterwassergeräuschen verwirrt, und strandete dann mehrfach an der mecklenburgischen Küste – ein Vorgang, den die Internationale Walfangkommission als weltweit einmalig dokumentiert hat.
Wissenschaftlich ist der Vorgang also tatsächlich bemerkenswert. Was ebenfalls sehr bemerkenswert ist: die Intensität, mit der ein ganzes Land die Rettungsversuche in zahllosen Live-Tickern atemlos mitverfolgt.
Den Namen Timmy verdankt er übrigens dem Timmendorfer Strand, an dem er erstmals auftauchte – und der "Bild"-Zeitung. Seriösere Medien wie FAZ oder Spiegel vermieden den Namen demonstrativ.
Timmy und seine Vorgänger: Knut und Chico
Nun ist Timmy kein Einzelfall. Deutschland hat eine lange, herzerwärmende Tradition darin, einzelne Tiere in den Rang nationaler Ereignisse zu heben.
Eisbär Knut, geboren im Dezember 2006 im Berliner Zoo, von seiner Mutter verstoßen und per Hand aufgezogen, wurde zur vielleicht größten Tierberühmtheit, die dieses Land je hervorgebracht hat. Zur offiziellen Vorstellung reisten 500 Journalisten aus aller Welt an. Es gab Liveschalten, eine ARD-Doku, eine Briefmarke, eine Vanity-Fair-Titelseite mit Leonardo DiCaprio. Das Bundesumweltministerium übernahm die Patenschaft.
Alles für einen Eisbären – während in Deutschland seit 1980 bereits über 70 Eisbären weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit geboren worden waren.
Dann war da Chico, ein Staffordshire-Mischling aus Hannover, der im April 2018 seinen Halter und dessen Mutter totgebissen hatte. Das Tier wurde ins Tierheim gebracht. Rund 300.000 Menschen unterzeichneten eine Petition für sein Leben. Es gab Demonstrationen mit dem Slogan "Chico Guevara". Mitarbeiter des Tierheims erhielten Morddrohungen. Als Chico schließlich wegen schwerer Kieferverletzungen eingeschläfert wurde, versammelten sich Menschen zur Mahnwache. Die Behörden wurden des kaltblütigen Mordes bezichtigt.
Lassen wir das kurz wirken.
Tierliebe und Massentierhaltung
Dasselbe Land also. Ungefähr dieselben Menschen, dieselben Zeitungen, dieselben sozialen Netzwerke. Und nun Timmy.
Gleichzeitig – und das ist keine Anklage, nur eine stille Beobachtung – werden in Deutschland täglich etwa zwei Millionen Tiere geschlachtet. Rund 98 Prozent des konsumierten Fleisches stammt aus industrieller Haltung: 159 Millionen Geflügel, 27 Millionen Schweine, 12 Millionen Rinder, kaum Tageslicht, wenig Platz, kein Name. Pro Kopf und Jahr landen im Schnitt 52 Kilogramm Fleisch auf dem deutschen Teller – und der Großteil davon kommt aus Verhältnissen, über die keine Sondersendung berichtet.
Das ist allerdings kein Widerspruch, für den sich jemand individuell schämen müsste. Es ist ein zutiefst menschlicher.
Der Mensch, das haben Psycholog:innen hinreichend beschrieben, liebt das Konkrete. Er liebt Gesichter, Namen, Geschichten. Timmy berührt, weil Timmy ein Individuum ist, mit Koordinaten, mit Webcam, mit einem Rettungsteam, das nachts am Strand wartet. Die Sau in Halle 7, Box 214 hat keinen Namen. Sie hat auch keine Koordinaten, die sich auf Google Maps eingeben ließen, und kein Kamerateam, das ihre Strandung dokumentiert.
Das macht die Tränen um Timmy nicht unecht. Es macht sie nur selektiv – und Selektion ist das Grundprinzip menschlicher Empathie. Wir retten, was wir sehen können. Wir betrauern, was einen Namen hat. Das war schon immer so, und ein Buckelwal in der Ostsee ändert daran nichts.
Auf zum nächsten Tier
Timmy, so die Hoffnung aller Beteiligten, schwimmt irgendwann wieder in sein angestammtes Revier. Die Berichterstattung wird abklingen, die Schaulustigen werden heimfahren, und Deutschland wird sich seinem nächsten tierischen Schicksal zuwenden – gerührt, engagiert und ein bisschen vergesslich.
Das Schnitzel auf der Speisekarte kostet derweil 12,90 Euro. Bestellt wird es trotzdem.