5. Dezember 2020
Interview

"Unsere Botschaft muss auf die Straße" - Regionalbischof Christian Kopp über Amtsantritt und Corona-Pandemie

Seit 1. Dezember 2019 ist Christian Kopp Regionalbischof für München und Oberbayern. Gespräch über einen Start mit Vollbremsung, Kirche im Corona-Jahr und ganz besondere Weihnachten.

Seit einem Jahr ist Christian Kopp Regionalbischof im Kirchenkreis München und Oberbayern und Mitglied des Landeskirchenrats der bayerischen evangelischen Kirche. Als Regionalbischof ist der 56-Jährige zuständig für die 150 evangelischen Gemeinden zwischen Mittenwald und Freising, Landsberg und Burghausen. Rund 482.000 Protestanten leben im Kirchenkreis.

Herr Kopp, einen Monat nach Ihrer offiziellen Amtseinführung im Februar kam Corona: Was hat das für Ihr "Ankommen" im Kirchenkreis bedeutet?

Christian Kopp: Es hat alles verändert. Meine Idee für den Anfang war, alles gründlich kennenzulernen und mir in den Dekanaten zeigen zu lassen, was den Menschen dort wichtig ist. Das wurde nach den ersten Treffen durch Corona total ausgeknockt. Die Versuche, solche Begegnungen per Video oder im kleinen Kreis zu machen, waren nur Krücken. Trotzdem hat der Austausch erstaunlich gut geklappt.

Was ist Ihnen in Ihrem Kirchenkreis wichtig?

Christian Kopp: Ich möchte, dass die Kirche mit den Menschen, die jetzt hier leben, im intensiven Kontakt ist. Wo immer ich hinkomme, diskutieren wir: Wo wollt ihr hin, und wie sehe ich das? Corona hat auch unsere Kirche schlagartig verändert. Die Themen liegen plötzlich obenauf. Wenn alles lahm liegt, spürst du genau, was du vermisst, und was überhaupt nicht. Was ist die Konsequenz? Ein Pauschalrezept gibt es nicht. Jede Kirchengemeinde muss Lösungen finden und selbst wissen, was jetzt dran ist. Dafür möchte ich gute Rahmenbedingungen schaffen: Kontakte knüpfen, Kooperationen anbahnen. Dabei schaue ich mehr auf das, was wir können, als auf das, was wir nicht können.

Heiligabend werden Christen betend in der Öffentlichkeit sichtbar sein. Wie bewerten Sie das theologisch?

Christian Kopp: Weihnachten ist ein Fest, das jeden berührt, egal ob er religiös ist oder nicht: weil das Kleinste das Größte wird. Wenn dieser Zauber des Kleinsten auch in der Pandemie so öffentlich werden kann, würde ich mich riesig freuen. Die Weihnachtsbotschaft ist, wie unsere Botschaft überhaupt, keine für das Hinterzimmer. Sie muss hinaus zu den Menschen, hinaus auf die Straße und noch viel deutlicher werden. Wir wollen alle Energie hineinstecken, damit Weihnachten 2020 das Fest ist, wo jeder zu sich kommt, wo jeder getröstet und gestärkt wird. Das wird an vielen Orten ökumenisch sein. Das ist das Weihnachtswunder 2020. Grenzen spielen in dieser Zeit keine Rolle. Und wenn dann in der Domstadt Freising oder auf der Festwiese in Dachau am Heiligabend ökumenische Andachten stattfinden: Was ist das für ein Zeichen!

Was bedeutet es für die Gesellschaft, dass Kirche so präsent ist in der Öffentlichkeit?

Christian Kopp: Wir haben schon im ersten Lockdown gemerkt, wie interessant das ist, wenn wir rausgehen. Wir bekommen Reaktionen von Menschen, die sonst nicht bei uns sind. Leute reißen unsere Segensbänder ab und sagen: "Ich würde meiner Oma auch gern eins mitbringen, da ist aber keins mehr." Menschen brauchen zuallererst unsere Stimme und unser Ohr. Meine Theologie war noch nie eine des Gemeindehauses, sondern des Einmischens. Jesus hat sich in egal was eingemischt. Wir müssen auch künftig stärker in die Öffentlichkeit gehen, dorthin, wo die Menschen sind. Und wir sollten mehr über das reden, was wir tun. Wir haben große Kompetenzen, aber es kriegen zu wenig Menschen mit.

2035 gibt es laut Prognose nur noch halb so viele Pfarrer. Was bedeutet das für das evangelische Oberbayern?

Christian Kopp: Das Problem trifft auch den Staat und viele Firmen. Wer soll noch arbeiten, wenn ein großer Teil der Bevölkerung in Ruhestand geht? Wir brauchen in Zukunft eine andere Idee von Hauptamtlichkeit. Für Pfarrer könnte das heißen: Sie wohnen zwar in Sauerlach, sind aber für eine ganze Region zuständig. Eine Idee ist, Pfarrstellen anders auszuschreiben. Jemand ist Pfarrer im Norden des Dekanats Traunstein - das reicht. Dann kann die Person sich selbst einbringen und auch flexibler an die Veränderungen anpassen. Glücklicherweise gibt seit Jahren ein viel stärkeres Miteinander der Berufsgruppen. Und wir haben tolle Ehrenamtliche, die neben vielen anderen Aufgaben auch Gottesdienste auf hohem Niveau halten und Abendmahl einsetzen. Ich habe keine Sorge, dass diese Menschen nicht auch 2024 oder 2036 noch mitarbeiten, mit den Ressourcen und dem Geld, das wir dann noch haben.

Seenotrettung, Corona-Pandemie: Wie kann man gesellschaftliche Gräben schließen?

Christian Kopp: Kirche ist schon immer eine Organisation, die das offene Gespräch zu schwierigen Themen inszeniert und pflegt. Von diesem Diskurs brauchen wir mehr, nicht weniger. Als Volkskirche sind wir ein offenes Haus, alle politischen und gesellschaftlichen Strömungen sind vertreten. Es ist manchmal ein Akt der Jonglage, alle Interessen und Bälle im Spiel zu halten. Aber in der bayerischen Landeskirche halten wir daran fest, dass alle Meinungen geachtet werden. Das Leben besteht nicht nur aus Ja und Nein, wahr und unwahr. Es gibt dazwischen viele Farben. Das Dilemma ist, wie man damit gut umgeht. Als Kirche müssen wir diesen Austausch fördern.

Wie feiern Sie dieses Jahr Weihnachten?

Christian Kopp: Die Advents- und Weihnachtszeit ist dieses Jahr besonders wichtig, da zünden wir Lichter an. Wir brauchen viele Lichter in der Pandemie! Ich hoffe, dass die Menschen Weihnachten feiern wie immer. Vielleicht ohne die weiten Fahrten, ohne dass man nach dem 26. Dezember gleich weiterfährt nach Südtirol zum Skifahren. Auf jeden Fall müssen wir singen, notfalls mit drei Metern Abstand! Meine Familie feiert Weihnachten wie immer: Mit schönen Gottesdiensten an Heiligabend und dem Besuch der Kinder und Enkel am 25. Dezember. Ich hänge zum ersten Mal einen Stern nach draußen, einen großen! Die Weihnachtsbotschaft trägt die Überschrift "Fürchtet euch nicht!". Das muss auch die Überschrift über die Corona-Pandemie sein. 

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Markus Hörsch

Autor
Zwischen den touristischen Magneten Lorenz- und Sebalduskirche übersieht mancher Nürnberg-Besucher schnell St. Jakob, wenn er die Innenstadt ansteuert. Rund 800 Jahre nach der Grundsteinlegung mag man meinen, das Baudenkmal sei längst auserforscht. Der Historiker Markus Hörsch hat jetzt einen neuen Kirchenführer geschrieben - und weist darin auf Details hin, die ihn immer wieder staunen lassen.

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