Künstliche Intelligenz verspricht eine Revolution in der Medizin – schnellere Diagnosen, bessere Therapien, effizientere Abläufe. Doch was bedeutet das für Patient*innen, für ärztliche Verantwortung und für globale ethische Standards? Der Mediziner und Ethiker Urban Wiesing erklärt im Podcast Ethik Digital, wo Chancen liegen, wo Risiken entstehen – und warum wir bei aller Technik die Grundlagen der Medizin schützen müssen. Wiesing ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Philosophie und Medizin, ethische Aspekte moderner Technologien in der Medizin und Geschichte der Medizin.

 

Die 5 wichtigsten Erkenntnisse aus dem Podcast Ethik Digital mit Urban Wiesing

  • KI in der Medizin entwickelt sich schneller, als wir sie derzeit einschätzen können. Welche Veränderungen in 20 Jahren möglich sein werden, ist heute kaum absehbar.
  • Ethik muss Rahmen schaffen – aber die Entscheidungen trifft die Gesellschaft. Ethik unterstützt, sie ersetzt keine Politik.
  • Vulnerable Gruppen wie Kinder dürfen weder übergangen noch benachteiligt werden. Bei KI gilt das gleiche Dilemma wie bei Medikamentenstudien.
  • Globale medizinische Ethik existiert – aber ihre Umsetzung ist sehr unterschiedlich. 113 Ärztekammern weltweit erkennen gemeinsame Prinzipien an.
  • Neue Technologien brauchen klare Zulassungsprozesse. Wie bei Medikamenten müsse gelten: erst prüfen, dann anwenden.
Medizinhistoriker Urban Wiesing über KI, Ethik und Digitalisierung

Herr Professor Wiesing, was fasziniert Sie an ethischen Fragen der Medizin? Wie sind Sie dazu gekommen?

Das ist, wie in jeder Biografie, eine Mischung aus Interesse und Zufall. Ich habe einige Zeit im Krankenhaus gearbeitet und gemerkt, dass mich die Reflexion über Medizin mehr interessiert als die praktische Tätigkeit. Dazu kommt mein Philosophiestudium. Als ich begann, gab es medizinische Ethik als eigenes Fach in Deutschland noch gar nicht – das hat sich erst mit dem technischen Fortschritt geändert.

Ist die Digitalisierung wirklich ein historischer Einschnitt oder nur ein weiterer Schritt im Wandel der Medizin?

Ich würde sagen: Wir können das heute noch gar nicht abschätzen. KI ist relativ neu, und was in 20 oder 30 Jahren möglich sein wird, weiß niemand. Natürlich hat sich Medizin immer verändert – durch Wissenschaft und durch ein neues Selbstverständnis der Patienten. Aber was KI bringen wird, bleibt offen. Das hält uns jedoch nicht davon ab, jetzt zu klären, was sich nicht verändern soll.

Es gibt einen hohen ökonomischen Druck bei der Einführung neuer Technologien. Was bedeutet das für die Medizin?

Es gibt massive Anreize, KI möglichst schnell in die Medizin zu bringen. Man kann damit viel Geld verdienen, und die Versprechungen sind groß: weniger Aufwand, bessere Behandlung, mehr Sicherheit. Ich meine: Wir brauchen hier das Prinzip, das auch bei Medikamenten gilt. Erst prüfen, dann anwenden. Bei KI ist das bisher nicht streng geregelt.

Sie arbeiten an der Überarbeitung der Deklaration von Helsinki. Wie geht man dabei mit vulnerablen Gruppen um?

Früher sagte man: Erst bei gesunden Erwachsenen testen, dann bei Kindern. Man hat aber gemerkt, dass Medikamente dadurch bei Kindern bis zu sechs Jahre später ankommen – und das ist nicht im Sinne der Kinder. Heute wird differenzierter abgewogen. Für KI gilt das Gleiche. Wir wollen Kinder schützen, aber ihnen auch nicht hilfreiche Technologien vorenthalten.

Gibt es in der Medizin denn weltweit gemeinsame ethische Standards?

Ja, es gibt einen moralischen Kern, dem 113 Ärztekammern zugestimmt haben: nutzen, nicht schaden, Selbstbestimmung achten, gerecht handeln. Die Prinzipien gelten weltweit, auch wenn ihre Auslegung kulturell verschieden ist. Das ist beruhigend – auch für Menschen, die reisen.

Wie verändert KI das Selbstverständnis der Medizin?

Wir sollten uns fragen, was sich nicht verändern soll. Medizin ist eine Antwort auf menschliche Verletzlichkeit. Technik kann helfen – seit 150 Jahren tut sie das. Aber wir dürfen Zweck und Mittel nicht verwechseln. KI darf unterstützen, nicht ersetzen. Und wir brauchen Erklärbarkeit: Wenn ein System eine Therapie empfiehlt, müssen wir nachvollziehen können, warum.

Wie sollten wir mit Daten aus der Medizin im digitalen Raum umgehen?

Ich arbeite derzeit unter anderem an der Revision der Deklaration von Taipeh zu Bio- und Datenbanken. Grundsätzlich geht es darum: Wir wollen möglichst viele Daten und Biomaterialien nutzen, aber ohne das Vertrauen der Patient*innen zu gefährden. Wer Daten gibt, muss verstehen, dass wir heute noch nicht wissen, welche Fragen wir in zehn Jahren stellen.

Welche politischen Forderungen ergeben sich daraus?

Wir brauchen für neue Technologien die gleichen Standards wie für Medikamente. Erst prüfen, dann verbreiten. Manche Firmen haben daran kein Interesse, aber wir schulden es den Patient*innen.

Die Textversion ist eine stark verkürzte Version des ganzen Video-Podcasts. 

Deklarationen

Deklaration von Helsinki

Die Deklaration von Helsinki beinhaltet die ethischen Richtlinien der medizinischen Forschung am Menschen und beruht auf der Generalversammlung des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA) von 1964. Obwohl die Deklaration von Helsinki nicht bindend ist, gilt sie als ethischer Standard in der Forschung und dient als Referenz für die Gesetzgebung. In Deutschland findet man sie unter anderem in der Berufsordnung für Ärzte wieder. 

Die Deklaration von Taipeh

Die Deklaration von Taipeh legt Wert darauf, Forschung mit Gesundheitsdaten- und Biobanken mit kollektivem Nutzen nur so wenig wie nötig einzuschränken und trotzdem die individuellen Rechte der Spender auf Autonomie, Vertraulichkeit und Privatsphäre zu wahren.

Podcast "Ethik Digital" abonnieren

Der Podcast Ethik Digital erscheint einmal monatlich und wird von Rieke C. Harmsen gehostet. Der Podcast erscheint als Audio, Video und Text. Alle Folgen des Podcasts Ethik Digital gibt es unter diesem Link. Fragen und Anregungen mailen Sie bitte an: rharmsen@epv.de

Audio-Podcast

Der Audio-Podcast kann bei diesen Kanälen abonniert werden:

Youtube-Playliste mit allen Videos von #EthikDigital

Hier geht's zu den Videos des Podcasts Ethik Digital.