Karl Teille, Informatiker und Referent für KI und Ethik der Serviceagentur der evangelischen Landeskirche Hannovers, spricht mit Podcast-Moderatorin Rieke C. Harmsen auf dem Digital Festival Nürnberg. Themen des Gesprächs sind der Einsatz von KI in der Kirche, ethische Fragen zur Mensch-Maschine-Kooperation, Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt sowie Betrachtungen zu Deep-Fakes und "starker KI". 

Den Impulsvortrag von Karl Teille sowie das gesamte Podcastgespräch gibt es auf Youtube. Hier findet sich eine stark gekürzte Version des Gesprächs. 

 

Harmsen: Herr Teille, Sie sind Informatiker und waren als Manager bei VW und heute Referent für KI und Ethik bei der Kirche. Wie passt das zusammen?

Teille: Auf den ersten Blick ist das überraschend, aber es passt. Kirche begleitet Menschen nicht nur sonntags, sondern auch in ihrem Alltag. Wenn sich die Arbeitswelt durch KI verändert, entstehen Sorgen. Kirche will diese besorgten Menschen begleiten – dazu muss sie die Arbeitswelt verstehen. Deshalb wurde meine Stelle bei der Landeskirche Hannover geschaffen, befristet für drei Jahre. Zu meiner Arbeit gehört es zum Beispiel, Konzepte zum Umgang mit KI zu entwicklen.

Harmsen: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Non-Profit-Organisationen im Bereich KI?

Teille: Kirche ist eine große Organisation und ganz anders gelagert als die Wirtschaft. NGOs schauen auf gesellschaftliche Auswirkungen, auf vulnerable Gruppen. Die Industrie denkt wirtschaftlich, die Kirche fragt: Was passiert mit dem Menschen?

Harmsen: Wie kann Kirche ihre Werte in die KI-Debatte einbringen?

Teille: Das Wertesystem der Kirchen ist viel älter als die KI. Da wurden Konzepte erarbeitet, die das friedliche Miteinander regeln. Die Kirchen sind da besonders stark, weil sie in einem Auftrag handeln, den sie von Gott herleiten. Kirche muss verhindern, dass Menschen durch wirtschaftliche Interessen überrollt werden.

Harmsen: Der Digital Services Act in Europa basiert auf christlichen Werten. Ist ein globales ethisches System möglich?

Teille: Die USA sind ebenfalls christlich geprägt, aber wirtschaftlich anders orientiert. Trump hat die KI-Regulierungen abgeschafft, weil er der Ansicht ist, dass jede Art von Beschränkung das Geschäft behindert. Europa geht einen anderen Weg. Wenn Europa stark genug ist, kann es seine Standards durchsetzen – auch gegenüber US-Konzernen. Beim Digital Service Act gibt es durchaus viele gute Ansätze, die weltweit beobachtet werden. 

Über Afterlife und Deathbots mit Elvis Presley

Harmsen: Würden Sie mit Ihrem Großvater als einem Avatar chatten wollen?

Teille: Nein. Ich weiß, dass das Gegenüber nur eine Simulation ist und nicht wirklich echt ist. Für mich persönlich kommt das nicht in Frage. Aber nehmen wir mal an, ich wäre Fan von Elvis Presley. Wenn ich den dann zu Hause haben kann, mich mit dem unterhalten kann über seine Musikstücke, wohl wissend, dass es eine KI ist, der mir aber dann bestimmte Dinge erklären kann und vielleicht mal für mich singt oder ein Lied für mich komponiert, was sonst kein anderer gehört hat, warum nicht? Das stelle ich mir als ein gutes Geschäftsmodell vor. Da hätte ich jetzt keine Berührungsängste.

Harmsen: Warum boomt das Thema Afterlife?

Teille: Weil es neu ist und weil es an einer Grenze kratzt, die die ethische Verantwortung betrifft. Weil man damit Schlagzeilen machen kann. Meinem Erachten nach ist das ein Randphänomen. Es ist spannend und interessant, es gibt aber auch ethische Fragestellungen. Aber die Frage nach gerechter Gesellschaft, nach Verteilung des Mehrwerts, den wir durch die KI schaffen, wäre ein viel wichtigeres Thema, das aber viel weniger diskutiert wird.

Harmsen: Wie kann Kirche hier Vorreiter sein?

Teille: Wir können schon hinschauen. Aber wir sollten uns klarmachen, wenn wir eine derartige Veränderung der Gesellschaft erleben mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen, wenn wir einen derartigen Mehrwert schaffen, dann sollte dieser Mehrwert der gesamten Gesellschaft Zugutekommen. Wir sollten nachdenken, wie so etwas geschehen kann, wie so eine Verteilung des geschaffenen Mehrwerts zum Nutzen der ganzen Gesellschaft geschehen kann. Übrigens nicht nur bezogen auf Deutschland, sondern weltweit. Das wäre, glaube ich, ein verantwortungsvolles und auch christliches Umgehen mit solchen Herausforderungen.

 

Harmsen: Wie sieht die Welt 2030 aus?

Teille: Also mit Sicherheit werden wir ein Fortschreiben der Dinge erleben, die wir jetzt schon sehen. Das heißt also noch bessere Filme, noch besserer Ersatz von Schauspielern, noch bessere Assistenzsysteme in der Arbeit. KI-Schulung werden für viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber zur Pflicht werden. Leute werden ohne Erfahrung im Umgang mit der KI nicht mehr eingestellt werden. Bestimmte Berufe werden verschwinden, wie die Drucker in der Druckindustrie verschwunden sind. Das werden wir in den nächsten vier, fünf Jahren erleben. Andere, sehr viele Berufe werden sich stark verändern. Dieser Prozess beginnt nicht erst – er ist in vollem Gange.

Dagegen werden wir eine starke KI in den nächsten fünf Jahren nicht erleben. Aber wir werden erleben, dass uns immer mehr Leute erzählen, dass es die starke KI jetzt gibt - und wir werden es immer schwerer haben, das von einem simulierten Bewusstsein zu unterscheiden. Aber wenn wir genauer hinschauen, werden wir feststellen Nein, das ist keine starke KI.

 

Das Interview ist ein stark gekürzte und leicht redigierte Version des Gesprächs auf der Digital Konferenz Nürnberg. Das Gespräch fand statt in Kooperation mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA).

Karl Teille KI und Arbeitswelt
Karl Teille KI und Arbeitswelt

Wie wir Ethik in die Software bringen

Harmsen: Wir sind in Deutschland extrem abhängig von US-Cloudlösungen. Was können wir tun, um uns gegen digitale Abhängigkeit zu schützen?

Teille: Große Datenmengen brauchen Cloudlösungen. Wir brauchen europäische Serverfarmen, physisch in Europa. Die Politik muss das mit Industrie gemeinsam aufbauen – sonst bleiben wir abhängig. Wir sollten darauf achten, dass unsere Politik da nicht einknickt, sondern solche Dinge zusammen mit der europäischen Industrie entwickelt. 

Harmsen: Technische Systeme sind weder gut noch schlecht. Wie bringen wir die Ethik in die Software?

Teille: KI ist kein Mensch, sondern ein "Papagei". Aber wir können Regeln einbauen. Beispiel, ich habe es ausprobiert: ChatGPT schreibt gute Patientenverfügungen. Aber dazu wird mir ein Disclaimer angezeigt, der meinte, ich solle das noch mit meinem Arzt besprechen. Solche Regeln sind möglich und nötig. Und solche Regelsysteme kann man in eine KI einbauen. Aber es ist natürlich immer schwierig, wenn man das explizit macht.

Harmsen: Hinken wir bei der Regulierung von KI-Gesetzgebung hinterher?

Teille: Ja. Aber mit vorausschauenden Regeln und konsequenter Umsetzung können wir da gegensteuern. KI kann helfen, Hassnachrichten zu filtern. Und dann sollte es der Anspruch des Staates sein, solche Dinge auch konsequent zu verfolgen. Da kann ich mir vorstellen, dass wir zu einer gewissen Regulierung kommen.

Harmsen: Wie gehen wir mit Bias und Diskriminierung in der Arbeitswelt um - etwa bei der Stellensuche oder im Personalwesen? Welche Verantwortung haben wir als Organisation?

Teille: Verantwortung ist ein gutes Stichwort. Grundsätzlich liegt die Verantwortung beim Menschen, nicht bei der KI. Bei der Entwicklung braucht es eine Berücksichtigung von Testgruppen von Menschen mit anderen Hautfarben, an Männer, Frauen und andere Geschlechter usw. Und dann werden wir sehr schnell merken, wo vielleicht Probleme sind. 

 

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