30.08.2019
Hilfe für Geflüchtete und Migranten

Dolmetscher für Migranten: Nina Liebhaber über das ausgezeichnete ehrenamtliche Projekt "TranslAid"

Die Integration Geflüchteter in Deutschland hängt nach wie vor entscheidend vom Engagement Ehrenamtlicher ab. Deutlich wird das am Münchner Projekt TranslAid - kürzlich beim Startsocial-Wettbewerb als eine von 25 sozialen Initiativen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geehrt. TranslAid vermittelt ehrenamtliche Dolmetscher, die Migranten aufs Amt oder zu Beratungsterminen begleiten. Warum das Projekt eine existenzielle Lücke schließt, erklärt Projektleiterin Nina Liebhaber.
Nina Liebhaber TransAid München 2019

Frau Liebhaber, warum muss ein ehrenamtliches Projekt die Dolmetscher-Lücke füllen?

Nina Liebhaber: Ohne Dolmetscher geht bei Migranten, die noch nicht lange hier sind, gar nichts. Englisch können nur einige, etwa Asylbewerber aus Nigeria. Doch auf den Ämtern wird grundsätzlich nur Deutsch gesprochen. Zum Arzt sollten sie wegen möglicher Missverständnisse nicht alleine gehen. Und auch für eine Rechts- oder Sozialberatung muss übersetzt werden. Viele brauchen auch Jahre nach ihrer Ankunft noch Hilfe, komplexe Themen zu verstehen, weil es lange dauert, Deutsch auf diesem Niveau zu erlernen.

Wir haben einen Pool von mehr als 140 ehrenamtlichen Dolmetschern, die die Menschen zu Terminen begleiten. Sie decken etwa 45 Sprachen ab.

Am häufigsten angefragt werden Arabisch, Englisch, Dari, Farsi, Kurdisch, zeitweise Somalisch. Auch Rumänisch und Bulgarisch werden zunehmend gebraucht. Manches von dem, was wir machen, könnte nicht staatlich organisiert werden. Doch letztes Jahr fand die Hälfte unserer Termine auf Ämtern in Fürstenfeldbruck statt, weil die Geflüchteten dort einen Englisch-Dolmetscher brauchen. Da fände ich es wünschenswert, wenn der Staat diese Dienste bezahlen würde.

Wie ist TranslAid entstanden?

Liebhaber: Wir sind im Sommer 2017 als Kooperationsprojekt von vier ehrenamtlichen Organisationen gestartet, die alle die Erfahrung gemacht hatten, dass es mit Dolmetschern schwierig ist - vor allem wenn das eigene Kerngeschäft etwas anderes ist: die Initiativen MigraMed, ArrivalAid, Refugee Law Clinic und die Münchner Freiwilligen. Später kamen weitere Organisationen dazu. Ziel war, einen Pool aufzubauen, und wir haben laufend neue Ehrenamtliche gesucht.

Wir sind sogar in einen eritreischen Gottesdienst gegangen, um jemanden für die Sprache Tigrinya zu finden.

Zurzeit haben wir monatlich 60 bis 70 Anfragen, auch von großen Verbänden wie Innerer Mission und Caritas, die wir an die Dolmetscher weiterleiten. Etwa 80 Prozent haben selbst Migrationshintergrund. Viele erleben bei der Begegnung ein Stück eigene Geschichte wieder und mögen das Gefühl, helfen zu können - weil sie die Situation, neu zu sein, so gut kennen.

Und das alles funktioniert quasi ohne Geld?

Liebhaber: Nein, wir brauchen sogar dringend Geld. Die Dolmetscher bekommen zwar nur Fahrtkosten erstattet, Aufwandsentschädigung geht finanziell nicht. Ich bin sehr dankbar, dass sie ihre Freizeit spenden. Aber wir haben immerhin zwei feste Teilzeitstellen: Meine Kollegin Sausan Jindawi und ich bekommen jeweils zwölf Stunden bezahlt. Sie stammt aus Syrien, spricht Arabisch und kümmert sich um die Anfragen, ich mache das Projektmanagement und die Ehrenamtlichen-Koordination. Das Gros unserer Ausgaben sind diese Personalkosten. 2018 und 2019 wurden sie durch die UN-Flüchtlingshilfe, die Stadt München und weitere Förderer getragen, aber wir müssen immer neue Förderanträge stellen und zittern, ob sie bewilligt werden. Als nächstes würden wir gerne die Anfragenvermittlung stärker automatisieren, etwa eine App programmieren lassen.

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