13.12.2018
Buchtipp

Theologe Ralf Frisch über den Atheismus

Ralf Frisch ist Professor für theologische Grund- und Gegenwartsfragen und Theologischer Referent der Landessynode der bayerischen Landeskirche. In seinem neuen Buch "Atheismus adieu" beschäftigt er sich mit den "letzten Fragen" der Menschheit. Ein Interview.
Theologe und Buchautor Ralf Frisch
Vergisst bei allem Ernst das Augenzwinkern nicht: Theologe und Buchautor Ralf Frisch

Herr Frisch, seit Jahrtausenden arbeiten sich Philosophen und Theologen an den "letzten Fragen" der Menschheit ab. Warum war es für Sie anno 2018 an der Zeit, auch noch einen Beitrag dazu zu leisten?

Ralf Frisch: Viele Menschen glauben, dass allein die Natur- und Humanwissenschaften Antworten auf die Frage geben können, was die Welt im Innersten zusammenhält: Elementarteilchen und blinder Zufall. Wer nicht davon überzeugt ist, dass alles, was ist, letztlich sinnlos ist, gilt als unwissenschaftlich. Weil ich das jedoch für Unsinn halte, habe ich mein Buch geschrieben. Ich bin davon überzeugt, dass wir weder das wahre Wesen des Menschen noch das wahre Wesen der Dinge aufspüren, wenn wir nur naturwissenschaftliche Netze in den Ozean des Seins auswerfen. Denn in diesen verfängt sich das Entscheidende gerade nicht.

Wir leben in Zeiten, in denen Spiritualität Hochkonjunktur hat, gleichzeitig aber immer weniger Menschen diese bei den christlichen Kirchen suchen. Warum reden Kirchen und Sinnsuchende aneinander vorbei?

Frisch: Manchmal nehme ich in der Kirche eine merkwürdige Angst wahr, von den letzten Dingen zu reden. Falls unsere Kirche tatsächlich irgendwann einmal keine Zukunft mehr haben sollte, dann bestimmt nicht, weil die Welt immer säkularer wird. Die größte Gefahr für unsere Kirche ist meiner Ansicht nach ihre eigene Gottesvergessenheit. Die Kirche wird nur dann ein Ort bleiben, an dem Menschen Antworten auf ihre Sinnfragen finden, wenn sie Erfahrungsräume eröffnet, in denen die Welt transparent für ihr göttliches Geheimnis wird. Wir müssen als Kirche den Sinn für das Heilige wiederentdecken und im besten Sinn weltfremder und spiritueller werden. Wenn wir uns nicht mehr unterscheiden und wenn wir nur noch das tun und sagen, was den Menschen auch anderswo begegnet, werden wir irgendwann für niemanden mehr interessant sein.

Es gibt Menschen, die bereit sind, für ihren Glauben zu töten und gar zu sterben. Christen eher selten. Nehmen wir unseren Glauben also lockerer?

Frisch: Leider oft so locker, dass der Glaube dabei unsichtbar wird und dass wir als Christen im Dialog der Religionen und angesichts religiöser Gewaltausbrüche nicht allzu viel Christliches zu sagen haben. Vielen Menschen fällt ja zum Thema Religion und Gewalt nur eine einzige Antwort ein. Sie heißt: "Bitte weniger Religion! Denn Religion lässt Menschen zu Extremisten und Fundamentalisten werden." Das Gegenteil ist wahr.

Es braucht mehr Religion – gerade im säkularen, ehemals christlichen Abendland. Und zwar braucht es mehr wahrhaft christliche Religion.

Wir müssen als Christen die weltverändernde Botschaft des gekreuzigten Christus wiederentdecken, der der politischen und der religiösen Gewalt zum Opfer fällt, ohne dass diese Gewalt Macht über ihn hätte. Christus, der schlechthin freie Mensch, zeigt, was wirklich menschlich und was wirklich göttlich ist. Er zeigt, dass Gewalt keine Lösung ist und dass Gottes Liebesmacht die stärkste Macht der Welt ist.

Ist nicht alleine die Tatsache, dass Menschen sich nach einem Gott sehnen, ein Indiz seiner Existenz?

Frisch: Ich vertrete in meinem Buch in der Tat eine ziemlich gewagte These. Sie ist wahr-scheinlich zu atemberaubend, um wahr sein zu können. Aber vielleicht ist sie auch zu faszinierend, um nicht wahr zu sein. Ich glaube, dass der Kosmos im menschlichen Geist – und natürlich auch in allen anderen Geisteswesen, die wir nicht kennen, weil sie zu weit von uns entfernt sind – zum Bewusstsein kommt, über sich selbst nachdenkt und sich nach seinem Ursprung sehnt. Wenn aber der Kosmos die Gestalt eines Selbstbewusstseins annehmen kann, dann liegt ihm Geist, mit anderen Worten: eine Person zugrunde. Und wie, wenn nicht Gott, sollten wir diesen schöpferischen geistigen Urgrund des Kosmos nennen? Auf diese Idee kam übrigens schon der Verfasser des Johannesevangeliums. In dessen erstem Kapitel heißt es: "Im Anfang war der Logos (der Geist). Und Gott war der Logos … Und der Logos wurde Fleisch und wohnte unter uns." Für mich sind diese Sätze gerade im Blick auf den Dialog zwischen Glaube und Naturwissenschaft hochaktuell.

 

In einem Kapitel kommen Sie zu dem Schluss, dass der „Mensch die Antwort“ auf die Frage sei, ob es Gott gibt. Wie erklären Sie diese Conclusio jemanden zufriedenstellend, der nicht das ganze Kapitel lesen will?

Frisch: Die Kapitel meines Buches sind ja ziemlich kurz. Vielleicht ist es also nicht zu viel verlangt, ein ganzes Kapitel zu lesen. Aber Spaß beiseite! Der Mensch ist meines Erachtens deshalb die Antwort, weil in ihm der Geist des Alls die Augen aufschlägt und zur Besinnung kommt. Wenn wir diesen Gedanken wirklich ernstnehmen würden, dann müsste unser Herz eigentlich sehr viel höher schlagen. Denn dann wären die Welt und unser Leben mit einem Mal wiederverzaubert. Und all die naturwissenschaftlichen Entzauberungskunststücke der Wirklichkeit wären plötzlich gähnend langweilig. Sie würden uns nämlich nicht die Welt zeigen, wie sie wirklich ist, sondern nur einen müden Abglanz davon.

 

Sie beschreiben die menschliche Neigung, Gutes von Bösem zu unterscheiden beziehungsweise dies jeweils als solches zu erkennen. Liegt in dieser Fähigkeit möglicherweise bereits der „göttliche Funke“?

Frisch: Naja, faktisch liegt in dieser Fähigkeit ja eher der teuflische Funke. Gutes vom Bösen unterscheiden zu können und sich womöglich auf der Seite des Guten zu wähnen, ist in der Geschichte schon oft die Wurzel allen Übels gewesen. Ich denke, die gefährlichsten Menschen sind nicht die, die keine Antworten mehr haben, sondern die, die keine Fragen mehr stellen. Ich glaube, dass das Wesen christlicher Ethik darin bestehen muss, Entscheidungen, die scheinbar einfach sind, so zu erschweren, dass Menschen erkennen, dass das Ringen um das Gute alles Andere als einfach ist, sondern eine echte Herausforderung darstellt. Allerdings eine Herausforderung, der gerade Christenmenschen, wenn sie wirklich geistesgegenwärtige Bewohner ihrer Gegen-wart sein wollen, sich um Gottes willen stellen müssen.

 

Auch für jemanden, der an nichts glauben will: Könnte man den wenigstens überzeugen, dass Glaube auch ein sicheres Muster für ein erfülltes Leben sein könnte?

 

Frisch: Vielleicht bin ich zu romantisch und zu mystisch veranlagt und womöglich auch ein zu großer Science-Fiction-Fan.

Aber der Glaube an Gott, den Grund des Alls, und das Bewusstsein, auf rätselhafte Weise mit diesem Grund verbunden zu sein, ist für mich tatsächlich eine Erfüllung.

Ganz einfach deshalb, weil es mein Leben zu einem spirituellen Abenteuer macht. Die Erkenntnis, dass das, was ist, wirklich nicht alles ist und dass Gott wirklich das Geheimnis dieser überstrapazierten vorgealterten Welt ist, erweitert immer wieder mein Bewusstsein – gerade, wenn ich nachts in den bestirnten Himmel über mir blicke, aber auch, wenn ich in einem uralten Kirchengemäuer sitze. Aber wie gesagt: Vielleicht bin ich ja zu mystisch und zu romantisch.

Woran glauben Sie eigentlich?

Frisch: Ich glaube, dass die Welt nicht aus Elementarteilchen und aus blindem Zufall, son-dern aus Geist und Liebe besteht – trotz allem, was immer wieder dagegen spricht. Und ich glaube, dass Christen genau das im Dialog mit Andersdenkenden und Anders- und Nichtglaubenden zur Sprache bringen sollten – und zwar gelassen und selbstbewusst. Sie sollten den Geschichten, die die Welt erzählt, um die Frage zu beantworten, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen, die große Geschichte von der Liebe Gottes entgegenhalten.

Buch-Tipp

Ralf Frisch: Atheismus adieu – Warum das, was ist, nicht alles ist.
Claudius Verlag München 2018, 208 Seiten, 16 Euro.
Tel. (089) 12172-199

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