23.04.2020
Corona-Krise

Penzberger Imam Idriz über den Fastenmonat Ramadan unter Corona-Bedingungen

Am Donnerstagabend, 23. April 2020, hat für Muslime der Fastenmonat Ramadan begonnen. Auch er bleibt von den Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht verschont: In Bayern muss vorerst im kleinsten Kreis gefeiert werden. Was das für die Muslime bedeutet, erklärt der Penzberger Imam Benjamin Idriz.
Imam Benjamin Idriz

Der Penzberger Imam und Vorsitzende des Münchner Forums für Islam, Benjamin Idriz, ist einer der bekanntesten muslimischen Vertreter in Bayern. Im Gespräch mit dem Sonntagsblatt erzählt er, wie sich die Muslime auf den Ramadan - der am Donnerstag, 23. April, beginnt - unter Corona-Ausnahmebedingungen vorbereiten und welche Chancen sich auch bieten.

Herr Idriz, die Christen haben vor wenigen Tagen ihre Osterfeierlichkeiten den Corona-Regelungen angepasst. Nun steht Ramadan vor der Tür. Wie gehen die Muslime mit den coronabedingten Einschränkungen um?

Benjamin Idriz: Auch für uns sind das sehr ungewöhnliche Zeiten. Wir haben natürlich gesehen, wie verantwortungsvoll und vernünftig die Christen mit ihrem Hochfest Ostern umgegangen sind. Genauso umsichtig wollen wir das auch machen. Außerdem sehe ich die aktuelle Krisensituation auch als Chance für uns: Wir können in diesem Jahr Ramadan anders gestalten als sonst und uns mehr auf die Grundidee des Verzichts und unsere Familie konzentrieren. Das tut Seele und Familie gut.

Können Sie das genauer erklären?

Idriz: Zum sogenannten Iftar-Essen nach Sonnenuntergang zum Beispiel kommen auch viele Familienangehörige und Freunde zusammen. Das wird es so in diesem Jahr natürlich nicht geben. Dafür rückt die eigentliche Familie in den Vordergrund. Auch gemeinsames Beten in der Moschee wird es nicht geben. Wir müssen den Ramadan insgesamt zurückhaltender gestalten, die individuelle Beziehung zu Gott rückt in den Vordergrund. Gott ist überall, nicht nur in der Moschee. Laut dem Koran kann jeder Mensch sein Haus in eine Gebetsnische umwandeln.

Dazu kommt, dass sich der Prophet Mohammed während der letzten zehn Tage des Ramadan in die Moschee zurückgezogen, auf weltliche Dinge verzichtet und seine Zeit allein Gott gewidmet hat. In diesem Jahr sind wir quasi gezwungen, den ganzen Ramadan-Monat in einen sogenannten Itikaf (Klausur) umzuwandeln und unsere Beziehung zu Gott zu stärken.

Die christlichen Kirchen setzen derzeit viel auf Online-Angebote und -Gottesdienste. Die Muslime auch?

Idriz: Ja, wir können Gott sei Dank durch die digitalen Möglichkeiten gute Beziehungen zu unseren Gemeindemitgliedern halten. Ganz konkretes Beispiel: Jeden Tag im Ramadan finden in den Moscheen Koranrezitationen statt. Insgesamt gibt es 30 Abschnitte - also für genau jeden Tagen einen - mit jeweils 20 Seiten. Dieses Jahr werde ich allein in der Penzberger Moschee sein und die Abschnitte vortragen; die Gläubigen können das alles dann online mitverfolgen.

Gibt es auch theologische Grenzen für solche Alternativ-Angebote?

Idriz: Jeden Tag finden am Ramadan zwei wichtige Dinge statt: die bereits erwähnten Koranrezitationen und nach dem Nachtgebet das Tarawih-Gebet. Da wird es in der Tat schwierig. Dieses Gebet dauert fast eine Stunde, lebt von der Gemeinschaft und ist daher eigentlich nur in der Moschee zusammen mit anderen Gläubigen unter der Leitung des Imam sinnvoll. Da aber die Moscheen auf alle Fälle noch bis 3. Mai geschlossen sind, sind wir auch hier aufs Internet angewiesen. Die Leute müssen dann eben zuhause beten. Aber ganz klar: Das spirituelle Erlebnis für die Gläubigen entfaltet sich erst in der Gemeinschaft und eher nicht zuhause.

Und was ist mit der wichtigsten Nacht des Jahres für die Muslime, die ja im Ramadan stattfindet?

Idriz: Die Nacht des Schicksals oder auch der Bestimmung ist immer am 27. Ramadan-Tag, in diesem Jahr also am 19. Mai. Sie ist für uns die heiligste Nacht, weil in ihr der Koran erstmals offenbart wurde. Auf der ganzen Welt sind in dieser Nacht die Moscheen übervoll. Auch wenn bis dahin vielleicht schon die Corona-Regelungen für Gottesdienste gelockert sind - normal können wir diese Nacht natürlich auf keinen Fall feiern. Wir hoffen auf einen Fernsehsender, der zumindest eine halbe Stunde aus einer Moschee sendet, sodass die Gläubigen die Nacht des Schicksals live mitverfolgen können. Die gleiche Bitte haben wir übrigens für den 24. Mai, wenn wir das Ende des Ramadan feiern. Da kommen traditionell die Gläubigen in die Moschee, feiern, umarmen sich, tauschen Geschenke aus - all das ist ja jetzt nicht möglich. Da würde zumindest ein Festgebet im Fernsehen helfen. Die Auswirkungen der Corona-Krise treffen uns schon hart.

Wie ist die Stimmung in Ihrer Gemeinde? Hat man Verständnis für die Corona-Regelungen?

Idriz: Ja natürlich. Die Muslime halten sich an die Regeln. Auch wenn sie die Moschee vermissen. Wir hoffen, dass wir ab 3. Mai die Moschee zumindest für die individuelle Nutzung wieder öffnen können. Natürlich für keine Freitagsgebete. Die Gläubigen sollten aber natürlich die Abstands- und Hygieneregeln beachten, Mundschutz tragen und ihren eigenen Gebetsteppich mitbringen. Auch für eine regelmäßige Desinfektion würden wir sorgen. Und wenn die Moscheen doch noch länger geschlossen bleiben: Der Glaube ist ja weiterhin da. Und die Beziehung zu Gott ist unabhängig von Ort und Zeit.

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