Die Bibel ist kein Buch, das man von vorne bis hinten durchliest. Wie aber dann? Wo steigt man am besten ein? Was hilft bei Verständnisproblemen?


Die Bibel lesen heißt: unterscheiden

Die Bibel ist kein Buch aus einem Guss. Ganz unterschiedliche Arten von Texten finden sich in ihr: Erzählungen, Namenslisten, Sprichwörter, Gebete, Gedichte, Parabeln, Berichte, Briefe und vieles mehr. Jeder Künstler und Handwerker weiß, dass er für unterschiedliche Materialien unterschiedliche Werkzeuge braucht. Bei den Texten ist es nicht anders. Es kommt darauf an, zum jeweiligen Text den passenden Zugang zu finden. 

Der zweite Teil der Apostelgeschichte, der die Missionsreisen des Paulus schildert, ist in der Art seiner Darstellung durchaus einem Bericht ähnlich. Er berichtet chronologisch die Ereignisse. Ganz anders ist zum Beispiel das Hohelied. Nicht die Mitteilung von Informationen, sondern die lyrische Form zeichnet diesen Text aus. 

Es hilft also, beim Lesen die Frage mitzudenken: Welche Textart habe ich vor mir? Welches Instrument brauche ich, um sie zu erschließen? Geht es diesmal mehr um Informationen oder mehr um Bilder, die in mir anklingen, nachklingen wollen? Muss ich mehr mit dem Markierstift arbeiten oder mehr mit dem inneren Auge?

Die Bibel lesen heißt: verweilen

Die Bibel will mich ansprechen, in meinen Alltag hineinsprechen. Die Worte wollen etwas auslösen, mich verwandeln. Sie wollen zu Bildern werden, in der eigenen Vorstellung entstehen und Kraft vermitteln. Das Wort "Quelle" zum Beispiel bedeutet nicht nur einen Ort der natürlichen Wasserproduktion; Es ist ein Bild, ein Symbol für Leben, Erfrischung, unerschöpfliche Energie, das in mir nachklingen will. 

Die Bibel ist ein großes Bilderbuch. Von Gott wird oft in Bildern gesprochen. Gott wird zum Beispiel Quelle, Fels, Hirt genannt. Damit kommt zum Ausdruck: Gott ist unerschöpflich wie eine Quelle, zuverlässig wie ein Fels, auf dem ich sicher stehe, umsichtig und fürsorgend wie ein Hirte. Wo ich mich auf diese Bilder einlasse und einübe, bei ihnen zu verweilen, verspüre ich mit der Zeit ihre Kraft.

Die Bibel lesen heißt: entdecken

Die Bibel ist das große Buch vom Glauben. In ihr berichten Menschen aus über zwei Jahrtausenden über ihre Erfahrungen mit Gott. Nicht in allem, was dabei zur Sprache kommt, können wir uns heute noch wiederfinden. Religiöse Praktiken wie das Opferwesen oder Dämonenaustreibungen sind uns fremd geworden, manche Vorstellungen, zum Beispiel das antike Weltbild, das hinter den Schöpfungsberichten am Anfang der Bibel steht, sind überholt. Es gilt also zu entdecken, wo die Botschaft der Bibel mich und mein Leben heute trifft. 

Die Kernfragen des Glaubens sind heute wie damals dieselben: Worauf kann ich mich wirklich verlassen? Was gibt meinem Leben Sinn und Halt? Die Bibel gibt Antwort auf diese Fragen nicht in Form einer Sachinformation, sondern in Form einer Einladung – als Einladung, das eigene Leben im Vertrauen auf Gott zu leben und sich in allen Dingen auf ihn zu verlassen. Nur wer diese Einladung annimmt, kann auch die befreiende und lebensprägende Wirkung der biblischen Botschaft entdecken.

Die Bibel lesen heißt: neu denken

"Die Bibel enthält lauter alte Geschichten, die jeden Tag neu geschehen", sagte die Schriftstellerin Ricarda Huch (1864-1947). Die Bibel ist einerseits voller Geschichten und Worte aus Zeiten, die längst Geschichte sind. Manche Orte und Plätze, viele Lebensweisen und Bräuche, wie sie die Menschen damals hatten, sind längst Vergangenheit. Andererseits stehen in den alten Geschichten aber ganz aktuelle Wahrheiten.

Ein Beispiel: Die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 29-37) ereignet sich heute nicht mehr so wie damals zwischen Jerusalem und Jericho. Priester, Leviten, Räuber und ein Reisender, unterwegs auf einem Esel, bestimmen nicht mehr die Szenen unserer Städte. Dass Juden und Samariter sich damals Feind waren, spielt heute keine Rolle mehr. Aber jeden Tag neu stellt sich mir die Herausforderung: Für wen nehme ich mir Zeit? Wie viel zählt der Mensch in seiner Not für mich? Wo werden heute Menschen ausgebeutet, links liegen gelassen? Wo passieren Überraschungen, geschieht Nächstenliebe von Menschen, denen das gar nicht zugetraut wurde? Die Bibel lädt dazu ein, über die alten Geschichten nachzudenken und sie für die Zeit heute neu zu denken, für die Welt und Situation, in der ich lebe.
 

Das Projekt #glaubstdu

Leitfragen für die Lektüre

Bibellesen heißt auch: die richtigen Fragen stellen. Martin Luther sprach von einem "vierfachen Kränzlein" von Fragen, mit denen man die Bibel lesen sollte:

  • Was steht geschrieben?
  • Wofür habe ich zu danken?
  • Wo soll ich umkehren?
  • Worum darf ich bitten?
  • Was soll ich tun? 

Weitere Möglichkeiten zur Erschließung eines Bibeltextes


1. An folgenden Stichworten und Fragen entlanggehen
Wahrnehmen: Was lese ich? Was verstehe ich? Was lasse ich stehen, weil ich es im Augenblick nicht verstehe?  
Annehmen: Was ist von Gott aus geschehen? Womit beschenkt er mich? Was ist über den Glauben ausgesagt?  
Aufnehmen: Was sagt dieser Text mir persönlich? Oder einfach: Was fällt mir auf, was fällt mir ein?


2. Gegensätze von damals und heute anschauen

  • Was steht im Text – wo stehe ich?  


3. Übereinstimmungen suchen

  • Wo stimme ich zu?
  • Wo geht es mir ganz ähnlich?  


4. Reibungspunkte aufspüren

  • Was macht mir zu schaffen?
  • Wo fühle ich mich infrage gestellt?  


5. Ideen, Assoziationen zulassen

  • Was sehe ich an Bildern, wenn ich die Augen schließe?
  • Bei diesem Satz denke ich an ... (z. B. Menschen, die ich anrufen, besuchen, für die ich beten kann)  


6. Bilder erschließen

  • Zum Beispiel Psalm 36, 10: "Du selbst bist die Quelle, die uns Leben schenkt. Deine Liebe ist die Sonne, von der wir leben." – Was für Gefühle, Stimmungen, Erfahrungen wecken Quelle und Sonne in mir? Wo tun sie mir gut?
  • Die "Ich-bin"-Worte Jesu eignen sich besonders gut für das Meditieren und Erschließen der Bilder.

Stellen zum Einstieg

  • Sie möchten zum ersten Mal "hineinschnuppern" und wichtige Teile aus der Bibel kennenlernen – dafür bieten sich erzählende Texte an, zum Beispiel die Evangelien (zum Einstieg am besten Lukas). Im Alten Testament lesen Sie die ersten elf Kapitel sicher mit Spannung.
  • Sie möchten etwas darüber erfahren, warum die Bibel aufgeschrieben wurde und welche Erfahrungen ihr zugrunde liegen – versuchen Sie es mit dem zweiten Buch Mose.
  • Sie interessieren sich für die Geschichte Israels? In den Samuelbüchern werden Sie fündig – natürlich auch an anderer Stelle, aber hier lässt es sich besonders leicht "einsteigen".
  • Sie suchen Hilfe zum Beten – in den Psalmen können Sie die richtigen Worte finden, um Ihr Anliegen vor Gott zu bringen.
Bibel lesen
Bibel lesen

Bibel hilft in jeder Lebenslage


Es ist das Faszinierende an der Bibel, dass sie Texte aus fast jeder Lebenslage enthält. In jedem Fall ist es sinnvoll, sich darüber klar zu werden: Was erwarte ich mir von der Lektüre?


Bei Verständnisproblemen
Es kann spannend sein, wenn die Texte der Bibel beim Lesen lebendig werden und zu uns sprechen. Manchmal stößt man aber auch auf Stellen, mit denen man wenig anfangen kann, die einem unverständlich und fremd vorkommen. Wie kann ich da weiterkommen? 

 

  1.  Den Zusammenhang anschauen:
    Zu den Grundregeln des Bibellesens gehört, dass Bibelstellen in ihrem Zusammenhang gesehen werden müssen. Oft hilft der Kontext, eine einzelne Stelle besser zu verstehen. 
     
  2. Parallelstellen nachschlagen:
    Bei Verständnisproblemen empfiehlt es sich, andere Bibelstellen heranzuziehen, in denen dasselbe Thema behandelt wird. Eventuell angegebene Vergleichsstellen geben dafür zahlreiche Hinweise. MIt der Bibel-App der Deutschen Bibelgesellschaft oder den Tools auf www.bibleserver.com lässt sich sogar feststellen, wo ein bestimmtes Wort in der Bibel überall vorkommt. 
     
  3. Bilder erkennen
    Die Bibel redet oft in bildhafter Sprache. Das können einzelne Formulierungen, aber auch ganze Geschichten wie z. B. die Gleichnisse sein. Also aufgepasst: Nicht alles ist wörtlich gemeint. Oft hilft es, sich zu fragen, wofür eine Aussage ein Bild sein könnte. 
     
  4. Zeitbedingtes und Überzeitliches unterscheiden
    Die Opfergesetze des Alten Testaments befolgen wir z. B. nicht mehr; die Zehn Gebote, die ebenfalls in den Mosebüchern stehen, halten wir aber nach wie vor für gültig. Es ist also nötig zu unterscheiden, was nur in einer bestimmten Situation, wegen besonderer Umstände oder zu einer bestimmten Person bzw. Gruppe gesagt ist und was über die Zeiten hinweg und für alle gilt. 
     
  5. Von Jesus her lesen
    Die Texte der Bibel sind nicht aus einem Guss. Manchmal scheinen sich ihre Aussagen sogar zu widersprechen. Bei der Entscheidung, woran ich mich halten soll, ist es hilfreich, von Jesus her zu lesen. An dem, was die Bibel von ihm und über ihn sagt, muss sich alles andere messen lassen.