28.07.2018
Kirchenaustritt

Abschied von der Kreuzkirche in Regensburg

Die evangelische Kirche zieht sich aus der Kreuzkirche im Regensburger Stadtosten zurück. Am vergangenen Wochenende wurde zum letzten Mal Gottesdienst gefeiert. Beim Abschied wurde deutlich: Die Entscheidung weckt Emotionen.
Pfarrer Thomas Koschnitzke (links) und Dekan Eckhard Herrmann beim Auszug aus der Kreuzkirche.
Pfarrer Thomas Koschnitzke (links) und Dekan Eckhard Herrmann beim Auszug aus der Kreuzkirche.

Der Rückzug aus der Kreuzkirche und die Veröffentlichung der neuen Kirchenstatistik fielen zusammen, mit augenscheinlicher Evidenz: Seit Jahren versucht das Donaudekanat auf den Mitgliederschwund und die fortschreitende Säkularisierung zu reagieren. Im Hohen Kreuz, einem Viertel im Regensburger Stadtosten, hat der Kirchenvorstand nun Fakten geschaffen: den Rückzug aus der Kreuzkirche.

Die Folgen sind nicht immer leicht zu tragen. Mit Wehmut blickt Helene Schimpf zurück. Als sie vor 27 Jahren nach Deutschland kam, lebte sie im Übergangswohnheim. "Die Kreuzkirche hat mir damals Halt gegeben", sagt sie. Ihr Sohn wurde im Viertel geboren und in der Kreuzkirche getauft. "Da ist es schade, wenn so eine Kirche aufgegeben wird."

Als viele Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler in den Stadtosten kamen, "hat die Kirche gegen die Verlassenheit der Menschen gewirkt", sagt Natalie Rapschniak. 17 Jahre lang war sie Mesnerin in der Kirche und ist ihr bis heute treu verbunden.

"Wir wollen nicht entwerten, was war", sagt Pfarrer Thomas Koschnitzke in seiner Predigt. Aber dennoch "ist es gut, dass nun Klarheit geschaffen ist". Das Hohe Kreuz gelte als "schwieriges Viertel": 48 Nationen leben in dem Stadtteil, der Migrantenanteil in mancher Schulklasse liegt bei 100 Prozent. Nur noch neun Prozent der Bevölkerung sind evangelisch, im Stadtgebiet dagegen 13 Prozent. "Es sind auch Kostengründe, die uns dazu veranlasst haben. Ich glaube, dass wir hier an einem Entscheidungsprozess sind, den andere Gemeinden, auch katholische, noch vor sich haben", sagt er.

Sorge wegen Signalwirkung

"Natürlich hatten wir Sorge wegen der Signalwirkung", gesteht Sabine Freudenberg, die Vertrauensfrau im Kirchenvorstand. Wenn weniger Substanz da sei, "müssen wir die Kräfte bündeln und die Gemeinde stärken". Elisabeth Stork hat die Entwicklung seit 2010 miterlebt. "Die Kirche ist ein Kleinod. Aber die alten Leute sterben weg und es kommen keine neuen nach. Es gab keine andere Entscheidung."

Hans Hoffritz hat dafür wenig Verständnis. Er habe eine emotionale Bindung zur Kreuzkirche. "Ich habe dort geheiratet, finde das Gebäude wunderschön und heimelig." Warum hier nicht weiter unregelmäßig Gottesdienste feiern, fragt er. "Jetzt verlässt die Kirche die alten Leute. Das finde ich unmöglich." Die evangelische Kirche bleibe doch Eigentümerin.

Die Kreuzkirche gehört zur Neupfarrgemeinde in der Altstadt. Dort hinzukommen, ist schwer. "Da sind nirgends Parkplätze", sagt Gertrud Heyer. Die rüstige 82-Jährige kennt die Kreuzkirche seit ihren Anfängen im Jahr 1962, als sie gebaut wurde. Und wenn Heyer später nicht mehr Auto fahren kann? "Es müsste ein Shuttle-Dienst organisiert werden", sagt Jörg Distler. Soweit hat der Vorstand noch nicht gedacht.

Vertane Chancen

Zu den vielen Pfarrern, die in den vergangenen Jahren in der Kreuzkirche predigten, gehört auch Friedrich Hohenberger. Der Rückzug ist "nicht schön". Dennoch sei er positiv gestimmt. "Wenn man einen Acker umgräbt, ist man erstaunt, was da so alles wächst", erklärt er.

Für Pfarrer Friedrich Wilhelm Distler (86) ist der Rückzug dennoch eine "traurige Angelegenheit". 24 Jahre lang (1973-1997) hatte er die Pfarrstelle inne. Selbst wenn er die finanziellen Engpässe berücksichtige, müsse doch auch an den Nachwuchs gedacht werden, meint er. "Vielleicht hätte man die Jugendlichen aus der ganzen Stadt hier versammeln können, das wäre ein Ausweg gewesen."

Eine Jugendkirche hätte dem Stadtteil gutgetan, meint auch Stadträtin Bernadette Dechant (CSU), "weil man das christliche Element im Stadtteil wieder stärken würde". Erst vor wenigen Tagen hätte es die Möglichkeit gegeben: Die Evangelische Wohltätigkeitsstiftung habe ein 2000 Quadratmeter großes Grundstück in Erbpacht versteigert.

Die Stadt habe die Chance verschenkt, dort Wohnungen zu bauen. Stattdessen habe es nun ein bosnisch-muslimischer Architekt erworben, der auch die Al-Rahman-Moschee in Regensburg konzipiert habe. Was entstehen soll, sei Spekulation. Dennoch sei denkbar, so Dechant, "dass eine neue Moschee, Nummer neun in Regensburg, entstehen könnte".

 

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