Corona
Der digitale Fernunterricht war für die meisten Schüler kein Vergnügen. Doch wie kamen Kinder mit Sprachschwierigkeiten und einem viel zu kleinen Zuhause in einer Flüchtlingsunterkunft damit zurecht?

Eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen droht durch die Corona-Krise zu scheitern.

So lautet das Fazit einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Titel "Auswirkungen und Szenarien für Migration und Integration während und nach der COVID-19 Pandemie". Mit ein Grund für die großen Probleme ist der lange Ausfall des Präsenzunterrichts an Schulen.

Zugang zum Online-Unterricht ist für Kinder und Jugendliche mit Migrationserfahrung erschwert

"Mangelnde Sprachkenntnisse oder unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen der Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Migrationserfahrung erschwerten es vielfach, Kinder im Online-Unterricht zu unterstützen", ist der Befund der wissenschaftlichen Untersuchung.

Beispiel München: Hier leben mehr als 6.000 Flüchtlinge in Asylbewerberheimen, darunter viele Familien mit Kindern. Auch für sie gilt die Schulpflicht und je nach Inzidenzwerten oder Infektionen war Homeschooling angesagt. Doch wie funktioniert der Fernunterricht mit Laptop, wenn die Familie zu fünft in einem Zimmer lebt?

Die Diakonie unterstützt mit diversen Angeboten

Nahe dran an den Problemen ist Karlotta Brietzke. Die 33-jährige Sozialarbeiterin ist bei der Diakonie München und Oberbayern mit ihren Kolleginnen zuständig für die Betreuung von 900 Flüchtlingskindern und Jugendlichen in 15 verschiedenen Unterkünften.

Die Diakonie sorgt für diverse Angebote: Krabbelgruppen und Gesprächsangebote für Mütter und Väter mit Kindern, offene Spielangebote, über die die deutsche Sprache gelernt wird, Mal- und Bastelangebote, Ausflüge, Sport und auch Unterstützung bei den Hausaufgaben für alle Schulkinder.

Und wie ging das mit dem Homeschooling? Es sei sehr anstrengend für alle Beteiligten gewesen, berichtete die Sozialarbeiterin. Immerhin sei der digitale Notstand überwunden, wie er zu Beginn der Pandemie herrschte: Es gab kein WLAN, keine Computer und keine Laptops.

Schlechtes Netz, mangelnde Ausstattung und generelle Lernsituation erschweren das Homeschooling

Mittlerweile sind hier die Kinder und Jugendlichen mit Computern versorgt. In anderen Landesteilen Bayerns hapert es hingegen oft noch am Netz. Deshalb fordern 150 Organisationen aus dem Bereich der Flüchtlingshilfe in einem gemeinsamen Appell an den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU), die Unterkünfte so schnell wie möglich mit funktionsfähigem WLAN auszurüsten.

Aber auch wenn Computer und Laptop vorhanden sind, reichte das nicht aus, um effektiven Fernunterricht zu ermöglichen. Ohne Drucker und Scanner konnten die über das Internet zugesandten Hausaufgaben nicht ausgedruckt und ausgefüllt werden.
Und dann war da die generelle Lern- beziehungsweise Wohnsituation: Wenn die Familie zusammen in einem Raum lebt, ist es schwierig, etwa für zwei Kinder den Fernunterricht zu organisieren.

Viele Ehrenamtliche fallen in der Corona-Zeit aus

Was das Lernen in Corona-Zeiten weiter erschwert, ist der Ausfall vieler ehrenamtlicher Helfer. Da es sich bei ihnen meist um ältere Menschen handelt, ist deren Unterstützung wegen der Infektionsgefahr zusammengeschrumpft. "Mehr als die Hälfte der Ehrenamtlichen kommt derzeit nicht", zieht Sozialarbeiterin Brietzke Bilanz.

Zu diesen Ehrenamtlichen gehört auch Günter Fink. Der pensionierte Grundschullehrer gibt seit Jahren Nachhilfe für Flüchtlingskinder. Zuletzt betreute er einen 16-jährigen Iraker, der eine Berufsschule zur Berufsfindung besucht und einen 20-Jährigen aus Afghanistan, der eine Lehre als Koch macht und in der Berufsschule Berichte schreiben muss. Momentan pausiert Finks Nachhilfeunterricht wegen Corona. 

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