Fairer Handel
Fair gehandelte Produkte haben Einzug gehalten in viele Städte und Gemeinden Deutschlands, die als "Fair-Trade-Town" zertifiziert sind. Lisa Herrmann vom Verein Transfair erklärt, warum das Ganze eine Erfolgsgeschichte ist.
Fair Trade: Ein Sack mit fair gehandelten Kaffeebohnen

Gemeinden wollten es der Nachbargemeinde gleichtun und bemühten sich ebenfalls um das Siegel, sagt Lisa Herrmann dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Zertifikat steht für die Einhaltung sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Standards bei der Herstellung der Produkte. Außerdem garantiert "Fair Trade" den Produzenten Mindestpreise, achtet auf Umweltschutz und ein Verbot von Pestiziden.

Fair-Trade-Label setzt Erfüllung einheitlicher Richtlinien voraus

Um das Fair-Trade-Label zu erhalten, sind einheitliche Richtlinien zu erfüllen. Dazu zählt die Unterstützung durch den Gemeinderat, der sich verpflichtet, im Rathaus fair gehandelten Kaffee auszuschenken. Einzubinden sind der Einzelhandel und die Gastronomie; eine Steuerungsgruppe erhält den Auftrag, Flyer oder Broschüren mit Informationen zu fairem Handel zu erstellen. Veranstaltungen an Schulen, in Vereinen oder Kirchen sowie Berichterstattungen in den Medien sind weitere Bedingungen.

Das Zertifikat gilt für zwei Jahre, anschließend wird überprüft, ob die Kriterien noch erfüllt sind. Für eine Verlängerung des Titels als "Fair-Trade-Town" gelten verschärfte Voraussetzungen. Nur wenige Siegel seien bisher aberkannt worden, sagt Lisa Herrmann. "Der Knackpunkt ist die Gastronomie", weiß die Kampagnenleiterin.

Daran hängt zurzeit auch die Bewerbung von Bad Schönborn im Landkreis Karlsruhe. Die Corona-Krise habe die Aktivitäten gebremst, Gastronomen wechselten gerade jetzt ihre bisherigen Lieferanten nur ungern, betonen Tanja Baumann und Daniela Blech-Straub von der örtlichen Steuerungsgruppe.

Fairtrade ist mehr als Kaffee oder Schokolade

Sie wollten Aufklärungsarbeit leisten, begründen die beiden Frauen ihre Motivation. "Wir wollen für Arbeitsbedingungen in anderen Ländern sensibilisieren", sagt Tanja Baumann. Von fairem Kaffee oder fairer Schokolade hätten viele Menschen schon gehört, nicht aber von "so einfachen Produkten wie fairem Reis".

"Die Kinder sollen sehen, dass es auch links und rechts von unserer Welt etwas gibt", sagt Religionslehrerin Ramona Kerscher von der Maria Stern Realschule in Nördlingen (Bayern). Die Schule, die in Trägerschaft der Diözese Augsburg ist, wurde kürzlich als "Fair-Trade-Schule" ausgezeichnet. Statt Pausenkiosk steht in der Aula der ehemaligen Klosterschule ein "Fairomat", also ein Automat, wo Schüler faire Gummibärchen und Snacks kaufen können.

In Rottenburg am Neckar als erster "Fair-Trade-Town" Baden-Württembergs ist sozial-ökologisches Bewusstsein seit 2010 angekommen. Die Stadt vermarktet ein eigenes "Fair-Produkt". Der Apfel-Mango-Saft kombiniere regionale Äpfel aus Streuobstwiesen mit fair gehandelten Mangos, erklärt Jörg Weber von der Stadt Rottenburg.

Auch die EDV-Anlage im Rathaus erfülle die Vorgaben für fairen Handel, so Weber. Als "Highlight" bezeichnet Lioba Weingärtner die Aufnahme des "Fair-Trade-Town" Siegels in die städtischen Zielvorgaben für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030. Mit drei "Fair-Trade-Schulen" und einer "Fair-Trade-Hochschule" sei der Einsatz für einen gerechteren Welthandel in Rottenburg am Neckar institutionalisiert, sagt das Gründungsmitglied der örtlichen Fair-Trade-Gruppe.

"Fairer Handel wird die Welt nicht retten"

Vorreiter des Nachhaltigkeitssiegels war Großbritannien. Seit 2009 stellt in Deutschland Transfair e.V. das Zertifikat aus. 136 Kommunen in Baden-Württemberg und 204 in Bayern dürfen sich aktuell "Fair-Trade-Town" nennen. Bundesweit sind es 741.

"Fairer Handel wird die Welt nicht retten", dämpfte Mathias Pieper vom "Zukunftshaus Würzburg" jüngst bei einem Vortrag in Bad Schönborn die Erwartungen. Lediglich drei Prozent der international gehandelten Waren gelten laut Pieper als fair gehandelte Produkte. Die Ressourcen der Erde setzten wirtschaftlichem Wachstum natürliche Grenzen. Im Sinne des Gemeinwohls gelte es, technischen Fortschritt mit neuen Konsummodellen zu verbinden, denn, betont Pieper: "Die Sintflut ist schon da."

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