Immer dann, wenn Politik nicht so recht die richtige Lösung findet, kommt dieselbe Nummer: Man wedelt mit dem Sparwedel herum, am besten durch die Zimmer der arbeitenden Menschen. Neuester bahnbrechender Clou: der Karenztag. Wer am ersten Krankheitstag zuhause bleibt, soll auf Lohn verzichten. Angeblich, um Missbrauch zu verhindern. Ich halte das für weltfremd, unsozial und erstaunlich schlecht durchdacht.

Denn hinter dieser Forderung steckt ein Menschenbild, das mich als Arbeitnehmer komplett auf die Palme bringt. Da wird so getan, als würden morgens überall Leute aufwachen und sich denken: Ach, keine Bock, heute nehme ich mir mal frei, ein bisschen Husten oder Kopfschmerzen, das klingt doch glaubwürdig. Schnell am Telefon geschauspielert und fertig ist der Urlaubstag.

Wer so redet, hat entweder lange keinen normalen Arbeitsalltag mehr erlebt, oder hält andere grundsätzlich für faul. Beides keine gute Voraussetzung für gerechte Politik.

So läuft das echte Leben

Wer nicht in klimatisierten Sitzungsräumen gemütlich im Ledersessel über Arbeit redet, sondern sie wirklich kennt, weiß doch, wie es läuft.

Da stehen Menschen morgens auf, obwohl sie längst wieder ins Bett gehören. Mit Kopfweh. Mit Husten. Mit Rücken. Mit Fieber. Mit zwei Stunden Schlaf, weil nachts noch ein Kind wach war. Sie gehen trotzdem.

Nicht aus Heldentum, sondern weil Arbeit erledigt werden muss. Weil Kolleginnen und Kollegen sonst noch mehr schuften müssen. Weil man Termine hat. Weil Schichten besetzt sein müssen. Schon heute gehen also viele krank zur Arbeit. Und dann kommt jemand auf die Idee, genau diesen Druck noch zu erhöhen. Wow, ich bin immer wieder überrascht, wie man solche Ideen haben kann.

Krank zur Arbeit oder gleich länger fehlen?

Ein Karenztag würde das Problem nicht lösen, sondern verschieben.

Viele würden sich sagen: Wenn mir der erste Tag sowieso nicht bezahlt wird, dann bleibe ich eben gleich zwei oder drei Tage zuhause, damit es sich wenigstens lohnt. Andere schleppen sich krank in den Betrieb, stecken Kolleginnen und Kollegen an und fallen danach erst richtig aus.

Beides ist vorhersehbar. Beides ist unvernünftig. Beides würde am Ende teurer werden als das Problem, das man angeblich lösen wollte. Aber Hauptsache, es klingt streng. Das reicht manchen schon als Konzept.

Zahlen müssen wieder die Falschen

Besonders nervig an dieser Debatte ist, wen sie trifft. Nicht den gutverdienenden Strategen oder Berliner Politiker mit Homeoffice und Bonusmodell. Der steckt einen verlorenen Tag mit einem Lächeln im Gesicht weg.

Es trifft die Menschen im Einzelhandel. Den Handwerker. Die Pflegekraft. Den Lagerarbeiter. Die Alleinerziehende. Familien, die ohnehin jeden Euro dreimal drehen. Menschen also, die dieses Land tatsächlich am Laufen halten, während andere PowerPoint-Präsentationen, über die ach so schlimme Leistungskultur basteln.

Gerade diese Leute bekommen dann das Signal: Ihr seid ganz schön verdächtig , wir trauen euch erstmal nicht. Das ist für mich der eigentliche Kern des Karenztags: Misstrauen als politische Idee.

Die echten Ursachen interessieren wieder niemanden

Wenn Krankenstände steigen, dann hat das viele Gründe. Viele arbeiten seit Jahren am Limit. Zu wenig Personal, zu viel Druck, immer mehr Aufgaben, ständige Erreichbarkeit, dazu psychische Belastungen, die real sind, auch wenn sie noch immer belächelt werden.

Darüber müsste man reden. Über bessere Arbeitsbedingungen. Über Entlastung. Über vernünftige Führung. Über Familien, die Beruf und Alltag irgendwie zusammenhalten müssen. 

Aber das wäre mühsam. Da müsste man gestalten. Viel einfacher ist es, auf Kranke zu zeigen. Das ist billig, schnell und leider typisch.

Ein Karenztag ist keine Reform. Er ist eine Strafe für die Ehrlichen und ein Denkfehler mit Ansage. Wer krank ist, braucht Ruhe und Genesung, nicht finanzielle Nachteile. Wer Leistung will, muss faire Bedingungen schaffen.

Deutschland hat gerade wahrlich genug Spannungen. Da ist es kein besonders kluger Gedanke, ausgerechnet Krankheit mit finanziellen Nachteilen zu verbinden. Wer Vertrauen schwächt, darf sich über schlechte Stimmung nicht wundern.