Jüdisches Leben in Deutschland ist laut Charlotte Knobloch ohne Polizeischutz nicht denkbar. Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland sagte am Donnerstagabend: "Der mutmaßliche Anschlagsversuch auf die Hagener Synagoge zeigt erneut, dass jüdisches Leben ohne Angst in Deutschland noch immer nicht möglich ist, allen guten Worten zum Trotz." Der Vorfall unterstreiche, wie weit der Judenhass in Deutschland bereits verbreitet sei und wie gewaltbereit er auftrete, sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

"Wer mit Kippa unterwegs ist, wer eine Davidsternkette trägt oder wer am Abend des höchsten jüdischen Feiertages zu seiner Synagoge aufbricht, der begibt sich in Gefahr - so denken inzwischen viele in der jüdischen Gemeinschaft", sagte Knobloch weiter. Sie forderte ein gezielteres Vorgehen gegen Judenhass. "Ob rechts, links oder islamistisch: Der Hass auf Juden und auf den jüdischen Staat sucht sich seine Ziele, wenn er nicht gestoppt wird." Sonntagsreden und Jubiläumsfeiern allein änderten daran nichts - "es braucht klare Taten aus der Politik und eine deutliche Antwort der Gesellschaft".

Am Mittwochabend, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hatte es einen Polizeieinsatz wegen einer "möglichen Gefährdungslage" an der Hagener Synagoge gegeben. Vor Ort hatten die Beamten keine Hinweise auf eine Gefährdung festgestellt, ein 16-jähriger Syrer aus Hagen wurde festgenommen. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach am Donnerstag von Rückschlüssen auf eine "islamistisch motivierte Bedrohung". Die Zentralstelle Terrorismusverfolgung NRW bei der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf übernahm die Ermittlungen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, dankte indes den Sicherheitsbehörden. "Der Vorfall weckt schlimme Erinnerungen an den Anschlag an Jom Kippur vor zwei Jahren in Halle", sagte der Würzburger Mediziner. Dort hatte ein Rechtsextremist zwei Menschen getötet, nachdem er erfolglos versucht hatte, in die örtliche Synagoge einzudringen. "Dass unsere Gemeinschaft erneut am höchsten Feiertag dermaßen gefährdet war, lässt uns tief besorgt zurück und zeigt, dass die Aufstockung der Sicherheitsmaßnahmen bei vielen jüdischen Einrichtungen notwendig war und ist", erklärte Schuster.