6.10.2020
Vatikan

Neue Enzyklika veröffentlicht: Papst fordert solidarischere Weltordnung

Angesichts der Corona-Pandemie ruft Papst Franziskus zu mehr "Geschwisterlichkeit" unter den Menschen auf. "Fieberhafter Konsumismus" und "egoistische Selbsterhaltung" dürften nicht weiter um sich greifen. Über den Inhalt der neuen Enzyklika "Fratelli tutti".

Papst Franziskus fordert eine radikale wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Wende als Antwort auf die Corona-Krise.

Die Pandemie habe die Unfähigkeit zum gemeinsamen Handeln offenbart, schreibt er in seiner am Sonntag im Vatikan veröffentlichten neuen Enzyklika.

"Trotz aller Vernetzung ist eine Zersplitterung eingetreten, die es erheblich erschwert hat, die Probleme, die alle betreffen, zu lösen", betont das katholische Kirchenoberhaupt in dem rund 80-seitigen Lehrschreiben "Fratelli tutti" (Alle Brüder). 

Befürchtung und Hoffnung des Papstes

Die "schlimmste Reaktion" auf die derzeitige Gesundheitskrise wäre, "noch mehr in einen fieberhaften Konsumismus und in neue Formen der egoistischen Selbsterhaltung zu verfallen", schreibt der 83 Jahre alte Papst in seiner dritten Enzyklika.

Darin äußert er die Hoffnung, dass die Pandemie nicht ein weiteres schwerwiegende Ereignis der Geschichte sein wird, aus dem die Menschheit nicht gelernt haben wird.

Aus dem "Rette sich wer kann" werde rasch ein "Alle gegen alle", und das werde schlimmer als eine Pandemie sein. 

"Apell für Solidarität und Zusammenarbeit"

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, würdigte die Enzyklika als einen "eindringlichen Appell für weltweite Solidarität und internationale Zusammenarbeit."

Papst Franziskus wende sich insbesondere gegen nationale Abschottung und rege an, über eine "Ethik der internationalen Beziehungen" nachzudenken.

Er setze sich für Chancengerechtigkeit, soziale Inklusion und Teilhabegerechtigkeit ein.

Die Reaktion der Deutschen Bischofskonferenz

"Die Deutsche Bischofskonferenz fühlt sich damit bestätigt in ihrem Engagement der zurückliegenden 25 Jahre, in dem sie sich immer wieder zu gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen geäußert hat und für diese sozialethischen Werte und Ziele eingetreten ist", sagte Bätzing.

Die Kirche stehe in der Pflicht, sich in gesellschaftliche und politische Diskussionen und Entscheidungsprozesse einzubringen. "Dazu fordert die Enzyklika uns weiterhin auf."  

Die Enzyklika "Fratelli tutti"

Papst Franziskus hatte seine neue Enzyklika am Samstag in Assisi unterzeichnet.

Das katholischen Kirchenoberhaupt feierte zuvor am Grab von Franz von Assisi (1182-1226) eine Messe.

Wegen der Corona-Pandemie fand die Feier unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Lehrschreiben wurde am Sonntag in mehrere Sprachen übersetzt veröffentlicht. 

Kritik an aktuellen Entwicklungen 

In der Enzyklika mit dem Untertitel "Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft" beklagt Franziskus Rückschritte bei der Verhinderung bewaffneter Konflikte und vielfältige Formen von Ausgrenzung.

Die Globalisierung tendiere in ihrer derzeitigen Form, wirtschaftlich starke Länder zu fördern und schwächere in ihrer Entwicklung zu behindern und abhängig zu machen.

Grundlegende Begriffe wie Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit würden sinnentleert und manipuliert, um sie als "Herrschaftsinstrumente" zu nutzen.

Der Papst kritisierte ein "Wirtschaftsmodell, das auf dem Profit gründet und nicht davor zurückscheut, den Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten". 

Franziskus Forderungen vor dem Hintergrund aktueller Spannungen

 Schmerz, Unsicherheit, Furcht und das Bewusstsein der eigenen Grenzen, welche die Pandemie verursacht habe, müssten die Menschen dazu bewegen, den eigenen Lebensstil und das eigene Gesellschaftsmodell zu überdenken.

Franziskus fordert in diesem Zusammenhang eine neue Auslegung des Eigentumsbegriffs im Hinblick auf die "allgemeine Bestimmung der Güter der Erde" und das allgemeine Anrecht auf ihren Gebrauch.

Unternehmer hätten die Aufgabe, an einer Überwindung der Armut mitzuwirken und Arbeitsplätze zu schaffen.

"Der Markt allein löst nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des neoliberalen Credos glaubhaft machen will." 

Angesichts der wachsenden internationalen Spannungen und der Flüchtlingsströme dringt der Papst in seiner Enzyklika auf eine Reform der Vereinten Nationen und eine "umfassende Gesetzgebung für Migration". 

Stellenwert einer päpstlichen Enzyklika

Eine Enzyklika ist ein Päpstliches Rundschreiben an einen Teil oder an alle Bischöfe sowie an alle Gläubigen, oft auch an alle Menschen guten Willens.

Sie befasst sich mit Gegenständen der Glaubens- und Sittenlehre, der Philosophie, der Sozial-, Staats- und Wirtschaftslehre sowie der Disziplin und der Kirchenpolitik.

Päpstliche Rundschreiben sind Ausdruck oberster Lehrgewalt des Papstes, aber keine "unfehlbaren" Lehräußerungen. 

Reaktion des Kardinal Marx

Kardinal Reinhard Marx sieht die Enzyklika "Fratelli tutti" von Papst Franziskus als einen "bedeutsamen Text".

Mit der "hochaktuellen" Enzyklika erhebe der Papst deutlich seine Stimme, um den Beitrag der Kirche und aller Religionen zur Lösung der Krisen, die die Welt erschüttern, einzufordern und einzubringen, sagte Marx am Sonntag in einer Pressemitteilung.

Internationale Bedeutung der Enzyklika

Denn in seinem Lehrschreiben wende sich der Papst mit deutlicher Abgrenzung gegen Nationalismus, Populismus und Rassismus und lehne eindeutig Krieg und Todesstrafe ab. 

Damit sei diese Enzyklika ein wichtiger Beitrag für die Schaffung von Frieden und Gerechtigkeit innerhalb der einzelnen Nationen und der Welt.

Außerdem rücke der Papst ausgehend von dem Beispiel des "Barmherzigen Samariters" die ausgeschlossenen, marginalisierten, unterdrückten und schwachen Menschen in den Mittelpunkt des kirchlichen Handelns, sagte Marx.

Mit seiner neuen Enzyklika unterstreiche der Papst sein Grundanliegen, dass die Kirche nicht um sich kreisen dürfe, sondern dem Wohl der Menschen zu dienen habe. 

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