5.10.2020
Kommentar

Warum die Gemeinwohl-Ökonomie visionär und pragmatisch zugleich ist

Ein Wirtschaftssystem, das dem Menschen dient: Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie klingt wie ein Traum. Doch in den zehn Jahren ihres Bestehens hat die mittlerweile weltweite Bewegung schon viele Mitstreiter gefunden - auch in Politik, gerade in Wirtschaft, und trotz aller Kritik.

Die Welt ist kompliziert und einfach zugleich. Einfach zu beantworten sind zum Beispiel folgende Fragen: Ist es richtig, dass Unternehmen auf Kosten der Allgemeinheit durch Steuertricks Millionen "sparen"?

Ist es richtig, dass Frauen und Mädchen am anderen Ende der Welt sechs Tage die Woche in Zwölf-Stunden-Schichten für die europäische Modeindustrie nähen? Ist es richtig, dass ein Manager 200-mal mehr verdient als ein einfacher Angestellter? Nein? Prima, dann lasst uns das ändern!

Doch ab diesem Punkt wird es kompliziert. Schließlich gibt es geltendes Recht, internationale Beziehungen, globale Verflechtungen und jede Menge Lobbyisten. Und so versanden viele aufrechte Ansätze im Dickicht der Zwänge und der vermeintlichen Alternativlosigkeit.

Das Ziel ist: Veränderungen anzustoßen

Dieser Tage feiert eine Idee Geburtstag, die sich darum nicht vorrangig kümmert. Die Gemeinwohl-Ökonomie will seit zehn Jahren Firmen dazu bringen, genauer auf ihr eigenes Handeln zu schauen: Wie ist es in Betrieb, Lieferkette und Handelsbeziehungen bestellt um Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität und Teilhabe?

Ziel ist nicht, als Musterknabe mit der Höchstpunktzahl dazustehen; Ziel ist, Veränderungen im Unternehmen – und auch in der Politik – anzustoßen und weiterzutreiben.

Doch die Kritiker der GWÖ malen das Ende von Wohlstand und Freiheit an die Wand, sollte diese alternative Wirtschaftsform an Kraft gewinnen.

Der Fortschritt des Landes, so eine These, sei in Gefahr, weil kein Unternehmer noch innovativ sein wolle, wenn sein Privatvermögen auf zehn Millionen Euro gedeckelt wäre.

Zehn Millionen? Nicht so übel, denken sich die 50 Prozent der Bevölkerung, die sich laut einer aktuellen Studie gerade mal ein Prozent des gesellschaftlichen Gesamtvermögens teilen.

Gute Ideen für eine bessere Zukunft

Die GWÖ sei ein Modell nur für die wohlhabende Eurozone, weil Staaten in Afrika oder Lateinamerika sich erst mal um die Grundsicherung kümmern müssten. Das ist die Arroganz des Westens: Als ob es in ärmeren Ländern nicht auch (vor allem junge) Menschen gäbe, die mit guten Ideen für eine bessere Zukunft kämpfen.

Und schließlich der Vorwurf des "Ethik-Regimes", das im Geheimen auskartelt, was unter Gemeinwohl zu verstehen sei. Die GWÖ-Bewegung ist weltweit unterteilt in Regionalgruppen, Akteurskreise und Pionierunternehmen, die alle kein Interesse am eigenen Bankrott haben. In Delegiertentreffs bestimmen sie gemeinsam die Richtung. Wie ein diktatorischer Zirkel klingt das nicht.

Um auch demokratisch legitimiert zu sein, muss die GWÖ nun die Politik überzeugen. Das schönste Geschenk zum 20. Geburtstag wäre: der erste börsen­notierte GWÖ-Konzern.

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