Beratung
Die Ökumenische Beratungsstelle "Münchner Insel" im Marienplatz-Untergrund muss seit Ausbruch der Corona-Pandemie auf persönliche Gespräche verzichten. Das Team hofft, Ende Juli seine Türen wieder öffnen zu können.
Bei der „Münchner Insel“ finden Menschen in Lebenskrisen ohne Wartezeit ein persönliches Gespräch mit ausgebildeten Beratern.

Seit März 2020 hängt die Münchner Insel in einem Zwischenstadium fest: Eigentlich bietet die Ökumenische Krisen- und Lebensberatung im Zwischengeschoss des S-Bahnhofs Marienplatz Menschen in Notlagen offene Türen und Ohren.

Doch die Pandemie hat das Team um Pfarrer Tilmann Haberer und Sybille Löw gezwungen, mit seinem Angebot auf Telefon und Internet auszuweichen. Weil die Räume im Untergrund klein und fensterlos sind, musste die Einrichtung aus Infektionsschutzgründen zum ersten Mal in ihrer fast 50-jährigen Geschichte schließen.

Das Thema Corona macht sich in der Beratung spürbar

"Wir haben ab dem ersten Tag auf Telefonberatung umgestellt, seit Ende 2020 ist auch Videoberatung möglich", sagt der evangelische Leiter der Insel, Tilmann Haberer. Während Corona in den ersten Pandemiemonaten etwa 30 Prozent der Gespräche dominiert hätte, seien bald wieder alltägliche Probleme in den Vordergrund gerückt.

Allerdings sei die Pandemie als Verstärker im Hintergrund spürbar geblieben: "Psychische Krankheiten werden durch Kontaktmangel, wirtschaftliche Probleme durch Kurzarbeit verschärft", sagt der Pfarrer, der zum 1. Juli in Ruhestand geht.

Noch bis 30. Juni gilt die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Sobald die Kirchen im Anschluss ihre Hygienekonzepte den staatlichen Bestimmungen angepasst hätten, könnte die Insel wieder für persönliche Gespräche geöffnet werden, hofft der Seelsorger.

Einrichtung bietet sofortige, anonyme und kostenlose Hilfe

Für Haberer gehört es zum Kernauftrag eines Pfarrers, "für die Menschen da zu sein und ihnen beizustehen". Und zwar ohne Warteliste. Während Ratsuchende in München gern mal sechs Wochen auf einen Termin warten, finden sie in der Münchner Insel sofort ein offenes Ohr.

Zur Grundidee der Einrichtung, die am 21. April 1972 im Zuge des Münchner U- und S-Bahnbaus eingeweiht wurde, gehört, dass jeder Besucher an Ort und Stelle eine persönliche Beratung erhält, anonym und kostenlos.

Anteil an Frauen ist über die Jahre gestiegen

Zwischen 7.000 und 8.000 Menschen suchen pro Jahr das Gespräch mit den neun festen und vielen freien Mitarbeitern des Insel-Teams. Bei den einen stehen wirtschaftliche Probleme im Vordergrund, bei den anderen Sinn- und Beziehungsfragen. Kamen anfangs vorwiegend Männer in die Insel, seien heute über zwei Drittel der Klienten Frauen.

"Vermutlich waren Männer in den 1970er-Jahren für die Außenvertretung der Familie zuständig, während Frauen sich heute ganz selbstverständlich in der Gesellschaft bewegen", sagt Haberer.

Themenschwerpunkte der Beratung liegen bei Partnerschaft, Familie und Lebensfragen

Auch ein Themenschwerpunkt hat sich herauskristallisiert. 15 Prozent der Gespräche drehen sich laut Statistik um Partnerschaftsprobleme, jeweils nochmal so viele um familiäre Probleme und um allgemeine Lebensfragen.

Die Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen ist am stärksten vertreten. "Die Scheu, Beziehungsprobleme mit einer dritten Person zu besprechen, hat abgenommen", berichtet Haberer, der nicht nur Pfarrer, sondern auch Gestaltseelsorger und systemischer Berater ist.

Für Tilmann Haberer ist die Münchner Insel mit ihrem niederschwelligen Angebot ein Zukunftskonzept für Kirche allgemein. Kontakt, Zuwendung, Trost, Daseinsdeutung, das alles bräuchten Menschen. "Sie möchten nicht Zuschauer einer Inszenierung von Kirche sein, sondern mit ihrer Person vorkommen", sagt der Seelsorger. 

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