21.01.2020
Brandanschlag von Vorra

Vorra erinnert sich an die Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte vor fünf Jahren

Bis heute sind sie nicht aufgeklärt: Die Brandanschläge auf unbewohnte Asylbewerberunterkünfte im fränkischen Vorra. Fünf Jahre nach den Ereignissen erinnern sich die Flüchtlingshelfer und blicken auch in die Zukunft.
Brandanschläge Vorra
Durch Brandanschläge auf drei unbewohnte gerade renovierte Häuser, in die Flüchtlinge einziehen sollten, geriet das fränkisches Dorf Vorra im Dezember 2014 international in die Schlagzeilen. Kurz nach den Anschlägen bildete sich eine Solidaritäts-Menschenkette in Vorra.

"Der Anschlag kam völlig aus den Nichts", erinnert sich Pfarrer Björn Schukat. Fünf Jahre nach den Brandanschlägen auf drei unbewohnte gerade renovierte Häuser in seiner Nachbarschaft, ist er überzeugt: Mit dem 1.200-Einwohner-Ort Vorra im Landkreis Nürnberger Land hatte die Tat nichts zu tun. Doch über Nacht war ein fränkisches Dorf international in den Schlagzeilen.

Kurz vor Weihnachten 2014:

Übler Geruch von kaltem Rauch liegt über der Ortschaft. In der Nacht haben drei Häuser gebrannt, in denen demnächst Asylbewerber untergebracht werden sollten. Brandsachverständige kämpfen sich durch die Gebäude, Polizisten sperren die Brandorte ab. Ein Dutzend Fernsehteams ist auf der Hauptstraße unterwegs. Die Einwohner von Vorra stehen unter Schock. Pfarrer Schukat erzählt, wie er in der Nacht beim Zubettgehen den beißenden Rauchgeruch wahrgenommen, das Fenster geöffnet und die Flammen gesehen hat. Gleich darauf seien bereits die ersten Feuerwehren eingetroffen, die stundenlang gegen die Brände kämpften.

Auf jeden Fall seien die Feuer vorsätzlich gelegt worden, sagt der per Hubschrauber herbeigeeilte bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Die Schmierereien "sprechen für einen rechtsextremen Hintergrund". "Kein Asylat in Vorra", hat einer an eine Hauswand geschmiert - ohne "n" - und ein Hakenkreuz. Der Landrat des Landkreises Nürnberger Land, Armin Kroder, ist erschüttert. Der Politiker betont:

"Wir wollen die Menschen herzlich willkommen heißen, dabei bleibt's."

Denn er weiß, dass sich in den vergangenen Monaten in Vorra ein großer Asylunterstützerkreis gebildet hat, der die hier erwarteten Flüchtlinge begrüßen wollte. Mit der Betreuung von 30 Asylbewerbern im Nachbarort hatte man schon gute Erfahrungen. Nun sind die Unterkünfte im Hauptort, in einer früheren Gaststätte, einem Wohnhaus und einer Scheune nicht mehr beziehbar. 

Gleich nach dem Brand fährt auch der Nürnberger evangelische Regionalbischof Stefan Ark Nitsche nach Vorra. Er mahnt, keinen Stimmungswechsel in der Bevölkerung herbeizureden. "Ich erlebe so viel Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge, die ein brutales Schicksal haben."  Gleich am Sonntag darauf predigt er in der Marienkirche bei einem Solidaritätsgottesdienst und nimmt an einer Menschenkette teil. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm war tags zuvor zu einem kurzen Besuch im Ort.

Die Tat schlägt Wellen: Die Bundesregierung verurteilte die Taten: Derlei Formen von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit hätten keinen Platz in Deutschland, erklärt eine Sprecherin. Der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagt, es seien "abscheuliche Taten", sollte sich ein fremdenfeindlicher Hintergrund bestätigen. Bundespräsident Joachim Gauck erklärt, man lasse sich nicht "von Brandstiftern jeder Couleur in Angststrategien jagen".

Brandanschlag von Vorra: Ort hat die Brandnacht nicht vergessen, aber gut verkraftet

Die Brandnacht und ihre Folgen habe der Ort zwar nicht vergessen, aber gut verkraftet, erklärt der Pfarrer Björn Schukat im Januar 2020. Es sei ja schnell klar gewesen sei, dass die Taten nichts mit dem Ort zu tun hätten. Sowohl vor, als auch nach den Bränden habe es in der Region keine rechtsextremistischen Taten gegeben, keine aggressiven Strömungen. Natürlich gebe es auch in Vorra AfD-Anhänger und nach dem großen Flüchtlingszuzug 2015 und den Vorfällen von der Silvesternacht in Köln habe es mehr kritische Stimmen gegen Flüchtlinge gegeben. Aber Diskussionen würden "mit Niveau" geführt, sagt der Pfarrer.

Flüchtlingsunterkunft Vorra
Die wiederaufgebaute Flüchtlingsunterkunft in Vorra heute.

Nach den Anschlägen erlebten diese Ehrenamtlichen eine große Sympathiewelle. Zwar sei man "emotional erschüttert", betonte die damalige Leiterin des Unterstützerkreises, Diakonin Elisabeth Peterhoff. "Wir machen aber weiter und lassen uns nicht einschüchtern". Zwischenzeitlich hatte die Gruppe über 50 aktive Mitglieder. Heute sind noch 20 Männer und Frauen aktiv, die aber sind wahre Asylhelfer-Profis geworden, können die Flüchtlinge begleiten und beraten, stellt der Pfarrer fest, der heute die Gruppe leitet. Auch in der politischen Gemeinde, der Schule und den Sportvereinen bemühe man sich um die Asylbewerberfamilien.

Fünf Jahre nach dem Brandanschlag: 70 Flüchtlinge leben heute in Vorra

Derzeit leben in den wieder hergestellten Häusern und einer Unterkunft im Ortsteil Affalter 70 Flüchtlinge. Bereits anerkannte Flüchtlinge hätten in Vorra auch schon Wohnung und Arbeit gefunden. Alljährlich im Herbst findet das große Fest unter dem Motto "Zwiebelkuchen trifft Falafel" statt. Bei einer Veranstaltung am Mittwoch (22. Januar) wollen die Flüchtlingshelfer einmal darüber sprechen, was heute gut läuft und wo Handlungsbedarf besteht. Schukat wünscht sich beispielsweise mehr staatliche Hilfe für Flüchtlingskinder, die zur Schule gehen.

Bis heute sind die Brandstiftungen in Vorra nicht aufgeklärt. Trotz einer Sonderermittlungsgruppe "Vorra" und einer ausgesetzten Belohnung von 20.000 Euro. Die Ermittler rückten nach einigen Monaten vom rechtsextremistischen Tatmotiv ab. 2016 wollte die Staatsanwaltschaft zwei Mitarbeiter eines Betriebs anklagen. Sie hätten den Brandanschlag verübt, um Schlampereien am Bau der Unterkünfte zu verdecken. Das Oberlandesgericht sah hierfür aber keine "objektiven Beweismittel".

Die Staatsanwaltschaft führt wegen der Brandanschläge nach Angaben ihrer Sprecherin Antje Gabriels-Gorsolke weiter ein Verfahren "Gegen Unbekannt". Weitere Ermittlungsansätze gebe es keine. Aber vielleicht wolle ja irgendwann einmal einer sein Gewissen erleichtern.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

"Der Film wird polarisieren - nur so entsteht ein Diskurs"

Der Münchner Regisseur und Autor Carsten Degenhardt will seinen ersten Langfilm "Finsternis" drehen
"Finsternis" ist der Titel eines Kinofilms, den Carsten Degenhardt verwirklichen möchte. In dem Thriller geht es um den Antisemitismus der Vergangenheit und den Rassismus der Gegenwart. Das Buch ist geschrieben, namhafte Schauspieler stehen bereit. Warum ihm das Projekt so sehr am Herzen liegt, erzählt der Münchner Regisseur und Autor im Interview.