4.01.2020
Hass in sozialen Medien

Drohungen gegen Ratsvorsitzenden: Bedford-Strohm fordert Normen im Internet

Weil er sich für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer einsetzt, erhielt der Chef der deutschen Protestanten Morddrohungen. Ein Problem sieht Bedford-Strohm im Internet, das ein Schutzraum für Hetzer sei.
Bedford-Strohm
Bedford-Strohm 2016 bei einem Besuch auf dem Tender "Werra" im Hafen von Cagliari.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und bayerische Landesbischof, Heinrich Bedford-Strohm, hat Regeln und Normen für die sozialen Medien gefordert. Sie würden sonst zum Katalysator für eine inakzeptable Art des Umgangs miteinander, sagte der bayerische Landesbischof in einem Interview mit der "Augsburger Allgemeine". In dem Gespräch bestätigte er auch Morddrohungen gegen ihn im Zusammenhang mit der Flüchtlingsschiff-Initiative der EKD.

Er nehme die Drohungen "nicht sehr ernst", obwohl sie "recht konkret" gewesen seien, sagte der Bischof.

Ein Sprecher der EKD bestätigte dem Evangelischen Pressedienst epd, dass es mehrere Drohungen gegeben habe, auch einen Brief, der am 17. September im Kirchenamt der EKD eingegangen war und ein zunächst unbekanntes weißes Pulver enthielt. Der Ratsvorsitzende setzt sich seit langem für die Seenotrettung ein. Auf Initiative der EKD hat sich das Bündnis "United 4 Rescue" gebildet, das ein eigenes Rettungsschiff aufs Mittelmeer schicken will. Bedford-Strohm ist daran maßgeblich beteiligt.

Politiker verschiedener Parteien solidarisierten sich mit dem Ratsvorsitzenden. Es sei unerträglich, wenn Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit zu Morddrohungen führten, erklärte Außenminister Heiko Maas (SPD) über Twitter. "Wir müssen uns an die Seite aller stellen, die bedroht und verhetzt werden, weil sie sich für unsere Gesellschaft engagieren." Auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir verurteilte die Drohungen: "Rechtsradikale entlarven sich selbst am besten. Sie geben vor, das christliche Abendland zu verteidigen & drohen Bischof mit Mord? Dümmer geht's nicht." schrieb er ebenfalls auf Twitter:

"Die Täter wollen menschliche Werte nicht verteidigen, sie verachten sie. Solidarität mit Bedford-Strohm!"

Der Ratsvorsitzende nannte als Beispiel für Hass im Netz die bekanntgewordenen Morddrohungen gegen Mitarbeiter des Senders WDR nach dem umstrittenen Umwelt-Oma-Lied. Das sei "in keinem Fall hinnehmbar", sagte der Bischof in dem Interview weiter. Es sei wichtig, dass sie von der Polizei verfolgt werden: "Soziale Netzwerke sind zum Schutzraum für Hetzer geworden, das kann nicht sein."

Menschen stachelten sich im Netz gegenseitig an und würden immun gegen andere Meinungen. Sie bekämen "das Gefühl, dass ihre menschenfeindlichen Äußerungen salonfähig sind - zumindest in den Filterblasen, in denen sie sich bewegen", sagte Bedford-Strohm. Deshalb müssten Regeln entwickelt werden, die bereits mit einer "Ethik der Programmierer" beginnen und auch eine Stärkung der Medienkompetenz sowie unabhängige Kontrollgremien umfassen. Die Evangelische Kirche mische sich in die Diskussion darüber ein, weil es dabei um die Menschenwürde gehe.

Auch die Medienberichte über die Morddrohungen gegen Bedford-Strohm lösten eine Äußerungswelle auf Twitter aus.

Viele Nutzer waren wohlwollend und riefen zu Solidarität auf, darunter auch der jüdische Pianist Igor Levit, der selbst bedroht wird. Andere User verbreiteten jedoch gehässige Posts und beschimpften den Ratsvorsitzenden. Bedford-Strohm reagierte daraufhin aus dem Urlaub, was er normalerweise nicht tut, wie er in den sozialen Medien erklärte. Das Echo auf das Interview habe ihn überrascht, schrieb der Bischof. Die Frage nach den Morddrohungen sei nur eine unter vielen gewesen.

"Solche Drohungen gehören heute leider fast schon zur Normalität einer Existenz als öffentliche Person, die sich zu manchen Themen klar äußert. Das trifft viele andere auch." Die Verrohung der Kommunikation allgemein bleibe ein wichtiges öffentliches Thema, betonte der Theologe.

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