25.11.2019
"Der Film wird polarisieren - nur so entsteht ein Diskurs"

Regisseur Degenhardt zu seinem geplanten Film "Finsternis" über Antisemitismus und Rassismus

"Finsternis" ist der Titel eines Kinofilms, den Carsten Degenhardt verwirklichen möchte. In dem Thriller geht es um den Antisemitismus der Vergangenheit und den Rassismus der Gegenwart. Das Buch ist geschrieben, namhafte Schauspieler stehen bereit. Warum ihm das Projekt so sehr am Herzen liegt, erzählt der Münchner Regisseur und Autor im Interview.
Der Münchner Regisseur und Autor Carsten Degenhardt will seinen ersten Langfilm "Finsternis" drehen
Der Autor und Regisseur Carsten Degenhardt will mit dem Thriller „Finsternis“ Jugendliche über NS-Ideologie aufklären.

Herr Degenhardt, warum soll der Film "Finsternis" heißen?

Carsten Degenhardt: Der Film endet in den letzten Tagen des Jahres 2015. Mit der Silvesternacht begannen die finsteren Zeiten in Deutschland. Für mich hat sich seitdem eine düstere Stimmung breitgemacht - wie das Sommer-Helfer-Märchen für Geflüchtete von einer vermeintlichen Realität eingeholt wurde.

Die AfD hat die Geschehnisse für sich genutzt, und die Stimmung ist immer mehr gekippt, das habe ich auch in meinem eigenen Bekanntenkreis gemerkt. Das war für mich der Auslöser zu denken: Wir müssen etwas tun und die Jugendlichen nicht der braun-beschissenen Ideologie überlassen, wir müssen Aufklärungsarbeit leisten.

Welche Geschichte erzählt der Film, um das zu erreichen?

Degenhardt: "Finsternis" ist ein Alptraum, komprimiert auf zwei Stunden, der den Zuschauer in eine düstere Welt entführt. Es gibt zwei Handlungsebenen: die der Jugendlichen und die der Alten.

Die Teenager Jannick und Maximilian stammen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, sind aber beide auf Kollisionskurs mit der Welt. An Heiligabend entführen sie einen jungen vermeintlichen Migranten. Plötzlich haben sie Macht, und das ist die Gefahr.

Gleichzeitig trifft der 90-jährige Jakob Gerstmann - dargestellt von Günter Lamprecht - auf den ehemaligen SS-Schergen Herbert Heindorf - gespielt von Michael Mendl -, der im KZ Auschwitz-Birkenau tätig war. Auf beiden Ebenen entspinnt sich ein existenzieller Kampf um Identität und Macht, der sich schonungslos steigert.

Welche Altersgruppe wird damit angesprochen: Jugendliche oder ältere Lamprecht-Mendl-Fans?

Degenhardt: Beide, und zwar auch durch die jeweils eigene Bildsprache. Der Erzählstrang über die Jugendlichen ist in langen Plansequenzen mit Steadycam gefilmt, mit Handkameras und in einer Perspektive wie bei Ego-Shooter-Spielen. Das soll ausdrücken, dass die junge Generation, die Zukunft, im Fluss und in Bewegung ist. Das Spiel der Alten findet in einem Schuppen statt, der eine KZ-Baracke symbolisiert.

Die alte Generation, hart und als Vergangenheit für immer feststehend, wird durch klassischen Schnitt/Gegenschnitt gefilmt. Zusätzlich gibt es - auf analogem Filmmaterial - schwarz-weiß Rückblenden in die Zeit, als Heindorf Adjutant im KZ war. Sie sollen die historische Situation zeigen und den erlebten Schrecken nachvollziehbar machen. Man kann in Farbe nicht zeigen, dass die Nazis von Düsternis umhüllt waren.

Ab 1942 wurde Birkenau zu einem Vernichtungslager umgebaut...

Degenhardt: ...und ein Teil der Gaskammern hatte ein Lüftungsproblem, weswegen die Durchführung der Vergasung manchmal über eine Stunde angedauert hat. So lange haben die Opfer mit dem Tod gekämpft. Durch die Blausäure hatten sie oft eine veränderte Stimme, und ihre Schreie klangen wie das Quieken von Säuen.

Im Film erleidet in der Szene ein KZ-Wächter einen Nervenzusammenbruch und stellt das System infrage. Der junge Adjutant Heindorf ist zunächst mit der Situation überfordert, handelt dann aber konsequent nach Dienstanweisung. Zu sehen ist dabei nur der fiktive Vorraum der Gaskammer, aber die Schreie sind zu hören. So wird das Kopfkino in Gang gesetzt.

Klingt nicht nach Stoff für Jugendliche und Vorführung für Schulklassen...

Degenhardt: Der Film ist schonungslos, aber es sollen zwei Versionen geschnitten werden: eine FSK 12 mit weniger psychologischer Gewalt und die Vollversion FSK 16. "Finsternis" steht in der Tradition von Hanekes "Funny Games" und Ramsays "We need to talk about Kevin". Er wird polarisieren, aber nur so kann aus meiner Sicht ein Diskurs entstehen - über das Reden erfährt man mehr von der Welt und über den Film. Ich denke, Bilder müssen eine Nachhaltigkeit haben, um etwas in uns auszulösen.

Der Film will aufklären, aber erhebt keinen Zeigefinger.

Die Jugendlichen spricht an, dass der Film auf die Netflix-Generation ausgerichtet ist. Über die moderne Erzählweise will er dazu beitragen, das Bewusstsein über Holocaust und Nationalsozialismus zu schärfen und vor allem die jungen Menschen zu ermutigen, daraus Rückschlüsse für das Zusammenleben in der heutigen Gesellschaft zu ziehen. 80 Prozent des Films spielt in der Gegenwart.

Der Film will also den Konnex zwischen dem nationalsozialistischen Antisemitismus und der aktuellen Migrantenfeindlichkeit schaffen?

Degenhardt: Genau. Er setzt sich damit auseinander, wie sich der Hass damals und heute unterscheidet, doch es soll klarwerden, dass wir uns heute teilweise wieder in einem ähnlich gefährlichen Fahrwasser wie vor 80 Jahren befinden. Ein Rätsel ist mir auch, wie Menschen zwischen 20 und 50 Jahren in Thüringen den Höcke wählen können. Die müssen sich doch bewusst sein, was sie damit anrichten.

Ich baue auf Menschen, die wollen, dass wir alle ein starke Stimme für die Demokratie erheben.

Nach dem Anschlag von Halle hat der Film erneut höchste Brisanz gewonnen. Nun muss er nur noch verwirklicht werden - was nicht so leicht ist.

Degenhardt: "Finsternis" soll mein Langfilm-Debüt werden. Die erste Crowdfunding-Kampagne verlief schleppend, da wir nicht die Reichweite erzielten, die man für so ein wichtiges Projekt braucht. Die Produktionskosten werden sich auf etwa 500.000 Euro belaufen. Dieses Geld muss jetzt zusammenkommen.

Ich baue auf Menschen, die wollen, dass wir alle ein starke Stimme für die Demokratie erheben. Außerdem baue ich Kooperationen mit Kinos auf, die den Film für 1.000 bis 3.000 Euro vorab einkaufen und somit einen Teil zur Finanzierung beitragen. Ganz wichtig sind aber private Geldgeber, vor allem Kleininvestoren. Jeder Cent ist wichtig.

Warum nehmen Sie keine Filmförderung in Anspruch?

Degenhardt: Um das Projekt bei den staatlichen Förderinstitutionen einreichen zu können, benötigt es einen Verleih und einen Fernsehsender. Obwohl das Drehbuch, der Cast und die Bildgestaltung überzeugt, konnte ich keinen Verleih finden, da es sich um ein Langfilmdebüt handelt. Auch wenn alle meine Kurzfilme, die teilweise gefördert wurden, Auszeichnungen erhielten, wollen die Verleiher erst den fertigen Film sehen.

Der Film wird begleitet von einer Kampagne.

Degenhardt: Die Kampagne heißt "Wir hören. Wir sehen. Wir machen den Mund auf!" Sie will auch davor warnen, dass wir nicht zu Mittätern werden, indem wir die Bedrohung von Rechts nicht wahrnehmen.

Unterstützt wird das gesamte Projekt vom Fernsehsender Tele 5, vom Verein "Laut gegen Nazis" und von prominenten Paten wie etwa Konstantin Wecker. Der Jazzmusiker Klaus Doldinger komponiert den Soundtrack. Ich bin fest überzeugt, dass wir die Finanzierung hinkriegen - das Projekt ist einfach zu wichtig.

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