Die Entscheidung des NDR, Julia Ruhs nicht länger als Moderatorin für das Magazin "Klar" einzusetzen, hat eine Debatte ausgelöst, die vor allem eines zeigt: Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) hat noch immer kein Rezept im Umgang mit den Kulturkämpfen, die von rechts systematisch initiiert und befeuert werden.

Zunächst zum Kern: Die Diskussionssendung "Klar" von BR und NDR wird 2025 fortgesetzt, wobei der BR an Moderatorin Julia Ruhs festhält, der NDR jedoch eine neue Moderation sucht. In der gemeinsamen Erklärung der beiden Sender wird mit keinem Wort erklärt, warum. 

Schon an Ruhs' erster Sendung gab es viel Kritik aus dem linksliberalen Spektrum. 250 NDR-Beschäftigte distanzierten sich in einem offenen Brief von "Klar".

Ruhs wurde jedoch wohl kaum abgesägt, weil sie konservative bis rechtskonservative Positionen vertritt. Genau diese Ausrichtung war bei "Klar" ja von Anfang an gewollt – die Sendung sollte bewusst Stimmen und Perspektiven sichtbar machen, die bürgerlich-konservativ geprägt sind (ob an denen wirklich Mangel besteht, sei mal dahingestellt).

Wer Ruhs engagiert, weiß, dass er keine linksliberale Kommentatorin bekommt. Insofern kann von politischer Zensur keine Rede sein.

Ruhs ging es vor allem um die eigene Wirkung

Der Grund für ihre Absetzung liegt offensichtlich woanders: Ruhs’ journalistisches Handwerk war schlicht schwach. Fachlich blieb sie austauschbar, methodische Fehler und Ungenauigkeiten wurden regelmäßig kritisiert. Statt um die Sache ging es bei ihr oft um Emotionalisierung – und die eigene Wirkung.

Genau darin liegt ihr Prinzip: Ruhs verkörpert einen Typus von Medienschaffenden, die weniger durch inhaltliche Tiefe auffallen als durch geschickte Selbstinszenierung. Aufmerksamkeit ist ihr Hauptkapital – und sie versteht es, dieses zu mehren, indem sie konservative Reizthemen bedient.

Dass der NDR nun das Problem mit einer unklaren und ungeschickten Kommunikation verschärft hat, ist das eigentliche Elend. Indem der Sender seine Entscheidung nicht nachvollziehbar begründet, öffnet er Ruhs die Tür zur Opfererzählung: Sie kann sich nun als prominentes Beispiel einer angeblichen "Cancel Culture" inszenieren. Damit wird sie ihr Profil weiter schärfen – und sich, man darf es annehmen, insgeheim über diesen Konflikt freuen.

NDR kommuniziert fahrlässig

Der Fall ist daher exemplarisch für eine viel größere Schwäche des ÖRR. Denn es ist nicht das erste Mal, dass eine personelle Entscheidung oder eine Programmänderung in den sozialen Medien als Beweis für politische Einseitigkeit gedeutet wird.

Statt souverän und offensiv zu kommunizieren, überlässt man den Gegnern die Deutungshoheit. Damit verstärkt man genau jene Dynamik, die eigentlich gebrochen werden müsste.

Will der ÖRR nicht weiter ins Abseits geraten, braucht er dringend eine klare Strategie. Er muss lernen, zwischen berechtigter Kritik und kalkulierter Provokation zu unterscheiden. Er muss seine Entscheidungen offensiv erklären und sie notfalls auch aushalten, statt sie hinter wolkigen Formulierungen zu verstecken.

Öffentlich-Rechtliche beschädigen sich selbst

Sonst läuft er Gefahr, immer wieder in dieselbe Falle zu tappen: Er liefert Stoff für die Erzählung, man wolle unliebsame Meinungen unterdrücken – und arbeitet damit ungewollt jenen Kräften zu, die ihn schwächen und abschaffen wollen.

Julia Ruhs ist nicht das Problem. Sie ist nur ein Symptom. Das Problem ist ein ÖRR, der nicht weiß, wie er mit Persönlichkeiten umgehen soll, die den Journalismus vor allem als Bühne für die eigene Marke begreifen. Solange er dafür keine Antwort findet, wird er weiter Angriffsfläche bieten – und sich Stück für Stück selbst beschädigen.