Dietmar Frey kommt gerade aus der wöchentlichen Besprechung des Münchner Dekanekollegiums, und gleich muss er weiter in ein Meeting mit der evangelischen Stiftung "Wort und Tat". Der Terminkalender ist voll, die Wochen sind getaktet, dabei könnte der 66-Jährige es auch etwas ruhiger angehen lassen: Ende 2026 geht der Referent des evangelischen Dekanatsbezirks München schließlich in den Ruhestand. 

Doch in den letzten 25 Jahren haben sich auf dem Schreibtisch des Diakons mehr Jobs angehäuft, als üblicherweise in eine Stellenbeschreibung passen. "Wir schnüren gerade Arbeitspakete, um das alles breiter zu streuen", sagt Frey und zurrt mit den Händen eine imaginäre Schleife fest.

Was alles zu den Packerln gehört, offenbart ein schneller Blick auf die Monate Mai bis Juli in seinem Facebook-Account, dem übrigens mehr Menschen folgen, als dem Regionalbischof und dem Stadtdekan zusammen. Zu sehen ist Referent Frey in Anzug und Krawatte bei Gremientreffen. Diakon Frey in der weißen Albe mit Stola beim Gottesdienst mit den Partnerdelegationen aus oder in El Salvador, Tansania, Kiew. Traumaexperte Frey in der neongelben Notfallseelsorger-Jacke. Sozialpädagoge Frey im karierten Hemd bei einer Demo der Offenen Behindertenarbeit. Und Menschenfreund Frey im Fußball-Trikot beim Bennofest der Stadt auf der zentralen Bühne am Odeonsplatz. Da sollte er eine Andacht halten vor lauter Menschen, die im WM-Fieber waren: "Wir haben erstmal Fangesänge geübt - man muss die Leute eben abholen", sagt Frey und zwinkert schelmisch.

Diakon, Sozialpädagoge, Betriebswirt und Traumaberater

Der Berufsweg des gebürtigen Schwandorfers hat sich früh abgezeichnet. Mit den aus Schlesien und Brandenburg geflüchteten Eltern und fünf Geschwistern wuchs Dietmar Frey in der Oberpfälzer Diaspora auf und engagierte sich früh in der evangelischen Jugend. Nach Real- und Fachoberschule begann er im fränkischen Rummelsberg die Ausbildung zum Diakon mit Schwerpunkt Sozialpädagogik; später sollten noch Abschlüsse als Sozialbetriebswirt und Traumaberater hinzukommen.

An allen folgenden Arbeitsstellen war Frey ein Pionier: Als junger Gemeindediakon für drei Gemeinden im Nürnberger Land vertrat er gleich mal die vakante Pfarrstelle mit. Als Jugendreferent des Dekanats Bamberg leitete er sieben Jahre das Jugendwerk mit zehn Mitarbeitern samt Jugendhaus und zwei Freizeitheimen. "Wir haben damals 40 Freizeiten im Jahr organisiert", erinnert sich Frey. Um die häusliche Pflege der schwerst-mehrfach behinderten Tochter, dem dritten von sechs Kindern, besser stemmen zu können, zog die Familie nach München. "Da habe ich als betroffener Vater in der Offenen Behindertenarbeit angefangen und die bayernweit erste Stelle für älter gewordene Menschen mit Behinderung aufgebaut", sagt der Diakon.

Aufbruchsstimmung beim München-Programm

2001 folgte dann der Wechsel ins Dekanatsbüro auf die neu geschaffene Referentenstelle beim Stadtdekan, der damals noch Hans Dieter Strack hieß. "Das war die Zeit von McKinsey-Prozess und Evangelischem München-Programm, es war eine Aufbruchsstimmung, und dabei wollte ich gern mitarbeiten", begründet Frey den Schritt. 

Ein Traumjob für den Powermann, der ihm bis heute viel Freiheit, Spielraum und Verantwortung in seinem Bereich erlaubte.

Und weil kein Stadtdekan, von Hans Dieter Strack über Barbara Kittelberger bis Bernhard Liess, alle Termine wahrnehmen kann, war Dietmar Frey oft genug das Gesicht des evangelischen Dekanats München: Er saß im Jugendhilfe- und im Sozialhilfe-Ausschuss der Stadtspitze, nahm regelmäßig am größten Empfang - dem für die Feuerwehr - teil und gründete den Zweckverband der evangelischen Kindertagesstätten, inklusive Zuschusswesen und Fortbildungsprogramm. 

Drei Stiftungsgründungen gehen auf sein Konto: Die Stiftung der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, die Dekanatsstiftung "Wort & Tat" und die Walter-Pürckhauer-Stiftung der Gemeinde Trudering. Für sie übernahm er genauso die Geschäftsführung, wie für den 2016 gegründeten Rat der Religionen und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) in München.

Strukturreform verändert evangelischen Stadtplan

Viel ist entstanden in den letzten 25 Jahren, nun muss sich angesichts von Mitglieder- und Finanzmittelschwund vieles wieder verändern: Das Dekanat steckt mitten in einer Strukturreform, die bis Ende des Jahres einen neuen evangelischen Stadtplan präsentieren wird. Die über 60 Gemeinden werden in zehn Nachbarschaftsräumen zusammengefasst, viele Gebäude brauchen neue Nutzungskonzepte. Dietmar Frey ist ein Pragmatiker mit Herz, er sagt: "Konzentrieren und die aktuelle Strukturreform sind wichtig, aber das hat auch viel Kraft gekostet."

Rückblickend, findet der scheidende Referent, hätte man vielleicht früher Leuchtfeuer für Gemeinden und Stadtgesellschaft anzünden müssen, um noch mehr Mut und Gestaltungskraft für den Prozess zu entfachen. Dass die Mitgliedszahlen der beiden großen Kirchen noch "dramatisch" abnehmen werden, glaubt Frey gewiss. 

"Aber unsere jüdischen Geschwister sind auch nicht viele und trotzdem ein wichtiger Player in der Stadt", gibt er zu bedenken. Dafür müssten die Protestanten Kernthemen wie Ethik, Gerechtigkeit oder Soziales besetzen - "das ist die Zukunft der Kirche", sagt er.

Ein neues Projekt für den Ruhestand

Bald übergibt Dietmar Frey seine Arbeitsbündel an das Dekanekollegium und dessen neuen Referenten, Diakon Tobias Parche. Doch ganz ohne neue Idee scheidet Frey nicht aus dem Amt: Am 9. Oktober lädt er aus eigener Tasche zu einem Benefizessen in der Markuskirche, dessen Erlös der Stiftung Wort & Tat zugute kommt. 

Die wiederum soll damit ein Netzwerk zur "ganzheitlichen Palliativversorgung für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen" aufbauen - ein Herzensprojekt von Dietmar Frey. Seine eigene Tochter starb im Alter von 28 Jahren, er weiß, dass Menschen mit Behinderung in der Hospizbegleitung andere Zugänge brauchen. Das Projekt wird er auch in seinem Ruhestand begleiten: Als ehrenamtlicher Vorstand des Vereins und Netzwerkpartners "Gemeinsam leben lernen".