29.12.2019
Krieg in Jemen

Ärzte ohne Grenzen: Jemen ist tief gezeichnet vom Krieg

Jemen ist tief gezeichnet vom Krieg. Wie dort überhaupt noch gearbeitet werden kann, berichtet Christian Katzer von "Ärzte ohne Grenzen".
Sanaa im Jemen
Eine verschleierte Frau läuft durch die Straßen von Sanaa im Jemen.

Seit fünf Jahren tobt im Jemen Krieg. Die "Ärzte ohne Grenzen" haben dort 2.500 einheimische und internationale Mitarbeiter: Sie betreiben zwölf Krankenhäuser und Gesundheitszentren, weitere 20 werden mit medizinischem Material beliefert. Ferner zahlt die Hilfsorganisation etwa 1.175 Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums monatlich Gehälter. Christian Katzer, Leiter der Berliner Projektabteilung, schildert die Lage in dem arabischen Land, das unter einer der schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt leidet.

 

Herr Katzer, Sie waren im Dezember zehn Tage im Jemen. Wie sieht es dort nach fünf Jahren Krieg aus?

Katzer: Wir sind von Sanaa aus auf dem Landweg nach Tais und dann nach Aden im Süden gefahren und haben ein Land gesehen, das tief gezeichnet ist von den Kämpfen. Die Straßen sind schlecht, viele Schulen sind geschlossen, und Krankenhäuser funktionieren oft nicht. Es gibt Kampfhandlungen an Frontlinien im Süden und Luftschläge im Norden. Die Märkte verkaufen zwar Lebensmittel, aber es gibt sehr viele Menschen, die sich das nicht leisten können.

Eines Ihrer Krankenhäuser ist in der Stadt Tais, wo es immer wieder Kämpfe gibt. Wie arbeiten Sie dort?

Katzer: In der Stadt unterstützen wir drei Krankenhäuser, mit je einem Spezialgebiet: Geburtshilfe, ein Kinderkrankenhaus und eines, das auf die Behandlung von Verletzten spezialisiert ist. Auf der anderen Seite der Front, in Huban, einem Vorort von Tais, betreiben wir ein Mutter-Kind-Krankenhaus. Huban ist eigentlich nur 15 Autominuten vom Stadtkern entfernt. Jetzt braucht man für die Strecke aber fünf Stunden. Denn die Hauptverbindungsstraße liegt an der Frontlinie und ist damit unpassierbar. Wer dorthin will, muss also eine lange Fahrt durch die Berge auf sich nehmen. Es gibt gerade Verhandlungen darüber, dass ein Hilfskorridor in die Stadt wieder aufgemacht wird. Die Konfliktparteien müssen unbedingt den Zugang für humanitäre Hilfe erleichtern. Momentan gibt es oft wochenlange Verzögerungen. Das ist nicht akzeptabel.

Mit welchen Beschwerden kommen die meisten Patienten?

Katzer: Unser Fokus liegt auf der Versorgung von Schwangeren, Kindern und den Menschen, die im Krieg verletzt wurden. Wir haben schon 135.000 von ihnen seit März 2015 behandelt. In Tais gab es neulich eine bewaffnete Auseinandersetzung um ein Stück Land. Jungs, die Fußball gespielt haben, sind wegen der Schießerei weggerannt, einer wurde von einem Auto erfasst. Er wurde mit einer Kopfverletzung in die Notaufnahme gebracht. Der Junge taucht in der Statistik übrigens nur als Verkehrsopfer auf. Insgesamt merken wir, dass Patienten erst sehr spät kommen. Denn Benzin ist teuer und an den Checkpoints ist es gefährlich. Oft kommt es dadurch zu Komplikationen, die vermeidbar gewesen wären.

Die Behandlung von Frauen in einem Krankenhaus im Jemen - hier das Al Kuwait Hospital in Sana'a.

Der Jemen

Der Jemen galt schon vor dem aktuellen Krieg als Armenhaus Arabiens. Es mangelt an Trinkwasser, und reiche Öl- und Gasvorkommen wie in den Nachbarländern gibt es nicht. Das Land an der Südspitze der arabischen Halbinsel hat rund 27 Millionen Einwohner. Wegen dem seit fünf Jahren andauernden Konflikt spielt sich dort die weltweit größte humanitäre Katastrophe ab: Vier von fünf Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, 230 von 333 Regionen sind von Hunger bedroht, mehr als drei Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Die Zahl der durch den Krieg getöteten Männer, Frauen und Kinder wird auf mehr als 100.000 geschätzt.

Der aktuelle Konflikt zwischen den schiitisch-saiditischen Huthi-Rebellen und dem sunnitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi begann im September 2014: Damals eroberten die Rebellen aus dem Norden die Hauptstadt Sanaa und schlugen den Staatschef in die Flucht. Seit März 2015 bombardiert ein Militärbündnis unter saudischer Führung Huthi-Stellungen. Der Krieg wird auch als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Vormacht in der Region gewertet. Wie stark der Iran die Huthi-Rebellen unterstützt, ist allerdings nicht klar. Hinzu kommt, dass auch noch verschiedene Splittergruppen gegeneinander kämpfen.

Politisch sind die Jemeniten ohnehin zutiefst gespalten. Die Republik Jemen, wie sie heute besteht, wurde erst 1990 mit der Vereinigung beider Landesteile geschaffen. Seither strebten Separatisten im Süden die Unabhängigkeit an, was schon 1994 zu einem Bürgerkrieg führte. Die Unruhen nutzten dem Terrornetzwerk Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel. Auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ist heute noch im Land präsent.

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