2.12.2019
Eltern sein mit Handicap

Eltern mit geistiger Behinderung erhalten in Bayern noch zu wenig Unterstützung

Wenn Menschen mit einer Behinderung Kinder bekommen wollen, steht ihnen Unterstützung zu. Doch die wird nach Erfahrung von Experten eher selten in Anspruch genommen.
Mutter Kind Mutter-Kind-Kur

Für Susan Z. hat sich die Frage, ob sie ein Kind will, nicht lange gestellt. "Das war immer mein Wunsch", sagt die 27-Jährige. Vor vier Jahren wurde sie schwanger. Was nicht alle Menschen in ihrem Umfeld so richtig gut und in Ordnung fanden - denn die junge Würzburgerin hat Lernschwierigkeiten. Doch Susan Z. fand Unterstützung. Heute ist sie glückliche Mutter der quirligen Anastasia. Nicht jede Frau mit Handicap hat dieses Glück. Denn in Bayern gibt es noch zu wenig Unterstützung für Behinderte mit Kinderwunsch.

Dass ein großer Nachholbedarf existiert, bestätigt Ingrid Pfreimer, Sprecherin im Landesarbeitskreis "Menschen mit Behinderung" von pro familia Bayern. "Die Situation ist in Bezug auf begleitete Elternschaft noch sehr bescheiden", sagt die Beraterin aus Regensburg.

Es gebe zwar zum Teil Elternassistenzen für Menschen mit Körperbehinderung. Bei Menschen mit geistiger Behinderung schaue dies deshalb anders aus, weil Assistentinnen hier eine spezielle Ausbildung benötigen. Die werde von Assistenzträgern jedoch noch kaum angeboten wird.

Mit "casa.solln" existiert in München ein Pilotprojekt. Der Verein "Heilpädagogisch-psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe" (hpkjv) unterstützt Mütter mit geistiger Behinderung in einer inklusiven Wohngruppe. Es bräuchte mehr solcher Projekte, sagt Pfreimer: "Eltern mit geistiger Einschränkung sind gegenüber Menschen mit anderen Behinderungen benachteiligt, ihnen wird das am wenigsten zugetraut." Bei Frauen etwa würden Schwangerschaften durch Langzeitverhütung oftmals verhindert. Selbst wenn die Frau einen Partner habe.

Susan Z. hatte das Glück, viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden. Was ihrerseits allerdings die Bereitschaft erfordert hatte, sich auf unterschiedliche Menschen und Unterstützungssysteme einzulassen. Schon seit längerem wird Susan Z. gesetzlich betreut. In den ersten sechs Monaten nach Anastasias Geburt half ihr eine Familienhebamme. Im Anschluss erhielt die junge Mutter ein halbes Jahr Familienhilfe. Danach zog sie für ein Jahr in ein Mutter-Kind-Haus ein. Seit knapp zwei Jahren lebt Susan Z. mit ihrer Tochter Anastasia alleine. 

Unterstützt wird sie stundenweise von drei Mitarbeiterinnen der Würzburger Lebenshilfe. Keine dieser Mitarbeiterinnen hat jene Qualifizierung durchlaufen, die Fachkräfte für "Begleitete Elternschaft" haben sollten. Aber Susan Z. braucht auch keine spezielle Hilfe mehr. Sie kommt mit Anastasia weitestgehend alleine klar. Täglich bis 16 Uhr wird das Mädchen in einer Kita betreut, die vor allem von Kindern aus der Mutter-Kind-Wohngruppe besucht, in der Z. ein Jahr gelebt hat: "Danach kochen wir zusammen, spielen, singen oder basteln."

Mit Anastasias Vater war Susan Z. nur kurze Zeit liiert.

Seit fast zwei Jahren erzieht sie ihr Kind alleine. Ihr größtes Problem ist, dass es für Alleinerziehende kaum Jobs gibt, erläutert die gelernte Werkerin im Gartenbau.

Bis vor wenigen Monaten arbeitete sie als Küchenhilfe in einer Metzgerei eines Supermarkts: "Doch plötzlich wurden die Arbeitszeiten so geändert, dass ich das nicht mehr mit Anastasias Betreuung vereinbaren konnte." Nun sucht sie einen neuen Job. Ihre Assistentinnen von der Lebenshilfe unterstützen sie dabei.

Wie viele Menschen in welchen Regionen Bayerns aktuell Elternassistenz erhalten, ist laut bayerischem Sozialministerium nicht bekannt. "Leistungen der Elternassistenz werden statistisch lediglich allgemein als 'Leistungen der Eingliederungshilfe' erfasst", sagt ein Ministeriumssprecher. Nach Einschätzung der im Regelfall zuständigen Bezirke handele es sich jedoch um geringe Fallzahlen im einstelligen Bereich pro Bezirk.

Beantragt werden sollte Elternassistenz, noch bevor die Frau in die Klinik geht, um ihr Kind zu entbinden, raten die "Netzwerkfrauen-Bayern", eine Vereinigung von Frauen und Mädchen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung.

"Am besten sollte der Antrag sofort bei Entdeckung der Schwangerschaft gestellt werden, weil der Aufwand, Assistenz zu bekommen, ziemlich hoch ist", erläutert Netzwerkfrau Susanne Böhm. Es könne durchaus passieren, dass der Antrag abgelehnt wird. Dann müsse Widerspruch eingelegt werden.

Auch eine schwerstbehinderte Frau kann sich gut um ihren Säugling kümmern, wenn sie dabei unterstützt wird, ergänzt Susie Kempa von den "Netzwerkfrauen". Die 52-Jährige mit Muskeldystrophie zog mit Elternassistenz zwei inzwischen erwachsene Kinder groß. Sich als Mutter mit Handicap zu behaupten, sei schwierig gewesen. Immer wieder sei sie mit Vorurteilen von Ärzten und Krankenschwestern konfrontiert worden: "Eine Behinderte, glaubt man, gehört versorgt, Sex und Kinderwunsch stehen nicht zur Debatte." Kommt es zu Schwangerschaft, komme schnell das Thema "Abtreibung" auf.

Die junge Generation habe es inzwischen etwas leichter, beobachtet Kempa. Eltern, die heute ein behindertes Kind haben, stehen, anders als vor 20 Jahren, dem Kinderwunsch ihrer Söhne und Töchter oft aufgeschlossen gegenüber. Auch sei es etwas problemloser geworden, Elternassistenz bei den Ämtern durchzusetzen: "Meiner Meinung nach wird dennoch zu wenig Elternassistenz in Anspruch genommen, und zwar aus bekannten Ängsten." So gebe es noch wie vor eine große Angst davor, dass einem das Kind weggenommen wird.

Während Eltern mit geistiger Behinderung Assistenz oft als Chance zur Inklusion sehen, wird Elternassistenz von Vätern und Müttern mit Suchterkrankung "nur bedingt geschätzt", sagt Claudia Nembach vom Suchthilfeverein Condrobs in Würzburg. "Viele befürchten Kontrolle und Überwachung", sagt sie. Mit dem Projekt "Safe" gebe es jedoch in München eine Initiative, die sehr erfolgreich eine sichere Bindung zwischen suchtkranken Eltern und ihren Kindern fördert.

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