24.11.2013
Konfirmanden-Rallye

Sozialarbeiterin zeigt Konfirmanden: Lächeln hilft!

Ein soziales Projekt gehört in vielen evangelischen Kirchengemeinden Bayerns zum Konfirmandenunterricht. In Neu-Ulm haben sich vier Gemeinden und die Diakonie zusammengetan. Sie schicken ihre Konfis ins echte Leben - abseits von Schule und Freunden.
Unsere Stimmungen spiegeln sich in anderen Menschen oder: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Helena Schiele ist aufgeregt und scheu, als sie ihre Sammelbüchse in die Hand gedrückt bekommt. Auch ihre Freundinnen Selina Mühlberger und Giulia Hiller haben schon ganz rote Backen. Sozialarbeiterin Heike Bayer hat den Achtklässlerinnen und Achtklässlern zuvor genau erklärt, was ihrer Gruppe gleich bevorsteht: Sie werden im Rahmen der Herbstsammlung 2013 für die Straffälligenhilfe der Diakonie mit der Sammelbüchse losziehen.

"Wenn jemand straffällig geworden ist, warum soll man dem helfen?", wollen die Konfirmanden wissen. Wie schwierig die Rückkehr in die Gesellschaft ist, wenn Wohnung, Arbeit und Freunde verloren sind - Heike Bayer erklärt es den Jugendlichen. Wann steht man vor dem Richter? "Wenn man Scheiße gebaut hat", sagt Dustin spontan. Wenn man eine Körperverletzung begangen hat, mit Drogen gehandelt hat, ein Auto geklaut oder viele kleine kriminelle Taten begangen hat, zählen einige Jungs auf. Dominik gibt zu, dass es ihn Mut kosten wird, Fremde auf dem Neu-Ulmer Wochenmarkt um Geld zu bitten.

Konfi-Rallye

Die Jugendlichen, die Heike Bayer anschließend mit ihren Büchsen losschickt, machen mit bei der gemeinsamen Konfi-Rallye der Neu-Ulmer Kirchengemeinden Petruskirche, Erlöserkirche, Andreaskirche und der Gemeinde Holzschwang. Bayer leitet bei der Diakonie im Dekanat Neu-Ulm die Allgemeine Sozialarbeit. Sie hat viel Herzblut in das Konfi-Projekt gesteckt.

Verschiedene Stationen geben den 80 Jugendlichen Einblick in die Arbeit des Diakonischen Werks. Dabei schlüpfen sie stets sowohl in die Rolle der Gebenden als auch der Nehmenden: einmal in einem Pflegebett liegen und Hilfe annehmen müssen, einmal einen Rollstuhl schieben, sich in der Wohngruppe der Sozialpsychiatrie aufhalten oder anhand einer Spezialbrille bei einem Parcours in der Suchtberatung erleben, wie ein Betrunkener seine Umgebung wahrnimmt.

Dominik fand es "voll cool", den Tunnelblick eines alkoholisierten Autofahrers via Spezialbrille ausprobieren zu dürfen. Aber jetzt? Den Menschen, die man um Geld bittet, auch noch erklären, dass sie dieses Geld für die Hilfe für Straffällige spenden sollen? "Da geben die Leute doch erst recht nichts", wirft ein Mädchen ein. "Das kann euch passieren", gibt Heike Bayer zu. "Wenn Leute schimpfen, dreht höflich ab."

"Wenn euch jemand beschimpft: Weitergehen!"

Bayer erklärt den Jugendlichen genau, wie sie sich als Konfirmanden vorstellen sollen, wohin sie gehen dürfen und was sie keinesfalls tun dürfen - in eine fremde Wohnung mitgehen etwa. In der vorherigen Gruppe erlebte ein Sammler, dass ihn ein Passant ansprach: "Die Kirche erstellt Protzbauten, und ihr sammelt Geld!" Auf solche Antworten müssten die Jugendlichen gefasst sein, meint Bayer: "Geht weiter, wenn euch jemand beschimpft." Und ein Erfolgsrezept gibt sie ihnen mit auf den Weg: "Lächeln hilft!"

Heike Bayer hat die Konfi-Rallye zusammen mit Pfarrerin Karin Schedler und den Pfarrern Ernst Sperber, Wolfgang Böhm und Thomas Pfundner ins Leben gerufen. Ein Team aus Eltern, Diakonie-Mitarbeitern und Ehrenamtlichen unterstützt die Rallye. "Wir haben uns in den vier Kirchengemeinden zusammengetan, meint Pfarrer Ernst Sperber, "weil die Konfi-Rallye in die Arbeit der Diakonie eingebettet ist und so viel Aufwand bedeutet. Es wäre schade, wenn nur 30 Jugendliche teilnehmen könnten."

Während Selina und Helena nach anfänglich frustrierenden Versuchen auf dem Neu-Ulmer Wochenmarkt von einem freundlichen Paar ein erstes Zwei-Euro-Stück in die Sammeldose bekommen, trifft eine andere Gruppe bei Pflegedienstleiterin Ilse Rautenberger und bei Monika Helldorfer in der Sozialstation ein. Rautenberger weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es fällt, Hilfe anzunehmen. Viel schwerer als Hilfe zu geben. Gewaschen werden von einem anderen - seit sie es selbst ausprobiert hat, ist ihre eigene Maxime in der Pflege die Behutsamkeit und der Respekt, den sie sich selbst im Alter wünscht. "Wenn man diese Erfahrung nicht an sich selbst macht, besteht die Gefahr, dass man zu forsch rangeht."

Mutprobe

Pflegebett und Rollstuhl schüchtern die vor allem aus Jungs bestehende Gruppe schon ein wenig ein. Erst einmal beim eigenen Klassenkameraden Blutdruck messen oder sich selbst von Monika Helldorfer den Blutzuckerspiegel bestimmen lassen? Es dauert, bis sich Freiwillige finden - Silas, der sich traut, Leon den Blutdruck zu messen und sich dabei gleich sehr geschickt anstellt. Oder Mike, der sich zum Blutzuckermessen in den Finger pieksen lässt und staunt, dass die Pflegedienstleiterin sein Fastfood-Frühstück gleich bemerkt.

Dann wird es schwieriger: Wer hat den Mut, sich ins Pflegebett zu legen und einen anderen an sich hantieren zu lassen? Maximilian wagt es. "Die Jugendlichen in der Pubertät haben eine noch größere Scheu als Erwachsene, sich berühren zu lassen", sagt Ilse Rautenberger. "Füttern zum Beispiel kann man mit Pubertären gar nicht machen, das verlangt zu viel Nähe." Maximilian ist erleichtert, als er aus der stabilen Seitenlage wieder aufstehen darf. Und Silas stellt fest, wie schwierig es ist, sich mit dem Rollstuhl selbst um Hindernisse herumzubewegen. Wenn Klassenkamerad Jonas ihn schiebt, fühlt sich das einfacher an.

Sina und Claudia kommen vom Sammeln zurück. "Es war voll gut", berichtet Sina. "Viele Leute haben einfach weggeschaut und sind weitergegangen. Es war schwer, Fremde anzusprechen. Aber wir haben auch von zwei Leuten einen Geldschein bekommen." Am Ende kommt auch Giulia strahlend zurück. Sie ist begeistert und zeigt ihre volle Büchse: "Ich hab den Leuten erklärt, dass sie das Geld für Menschen geben, die nach einer Haftstrafe ein neues Leben anfangen wollen."

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Autor
Mitten im Konfirmationsgottesdienst gibt es Alarm. Der Dekan schickt die Gemeinde nach Hause, erst später können sich alle zum Abendmahl wieder versammeln. Der Krieg ist im April 1945 noch nicht zu Ende, als in Regensburg an diesem Sonntag bis zu 50 junge Menschen konfirmiert werden. Unter ihnen ist Helmut Morenz, der jetzt sein 70. Konfirmationsjubiläum in der Neupfarrkirche feierte.
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