3.02.2020
Freizeit

Sportwissenschaftler: Spielwaren sollten stärker Bewegung von Kindern fördern

Unter den vielen Hunderttausend Produkten auf der Nürnberger Spielwarenmesse suchte Sportpädagoge Harald Lange nach Spielzeug, das bewegt. Er plädiert dafür, dass Kinder beim Spielen auch mal Ausdauer oder Kraft brauchen.
Harald Lange, Sportwissenschaftler an der Universität Würzburg, auf der Spielwarenmesse Nürnberg
Harald Lange, Sportwissenschaftler an der Universität Würzburg, testet auf der Spielwarenmesse Nürnberg Spielideen, die Bewegung und Motorik von Kindern fördern. Denn immer mehr Kinder wachsen in einer „bewegungsfeindlichen Umwelt“ der Städte auf.

Glänzende Augen bekam der Würzburger Sportwissenschaftler Harald Lange auch auf der Spielwarenmesse 2020 in Nürnberg nicht. Denn die rund 2.900 Aussteller aus der ganzen Welt mit rund einer Million Produkten im Gepäck genügen nur selten seinen Ansprüchen. Lange, der das Institut für Bewegungsbildung und Bewegungsforschung (InBuB) gegründet hat, sucht Spielideen, die Lust auf Bewegung machen.

Immer mehr Kinder wachsen in einer "bewegungsfeindlichen Umwelt" der Städte auf, klagt er. Während die Bedeutung von Bewegung gerade für Kinder unstrittig sei:

"Bewegung ist der Motor für Entwicklung und Glücklichsein", sagt Lange.

Kinder, die im Spiel versunken sind, sind "im Hier und Jetzt glücklich". Spiellust und Bewegung sollten sich am besten aus dem Spielgerät selbst ergeben.

Bälle oder Spielgerät, die den Gleichgewichtssinn fördern, funktionieren aus seiner Sicht besonders gut. Selbst Brettspiele unterstützen "räumliche, kognitive und feinmotorische Komponenten". Ein Paradebeispiel ist für ihn die Tischfußball-Variante "Weykick". Zwei bis vier Spieler koordinieren ihre Kicker per Hand an Führungsmagneten unter dem Tisch. Mit einiger Übung kommen die Spieler auf ein hohes Spieltempo.

Bewegende Produkte wie dieses seien aber ein "Nebenbei-Thema in den Marketingkonzepten des Mainstreams der Branche". Grundsätzlich fehlte dem Bewegungsthema in den Nürnberger Messehallen allerdings "die gesellschaftliche Aufmerksamkeit". Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beobachtet Lange den Boom zur Nachhaltigkeit an den Messeständen. Selbst Hersteller von Plastikspielzeug würden sich als nachhaltige Anbieter positionieren, weil sie auf Pappverpackungen umgestellt haben.

Dagegen hätten "Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit von Kindern leider nicht diesen gesellschaftlichen Stellenwert." Dabei weisen alle gängigen Statistiken einen wachsenden Bewegungsmangel insbesondere auch bei Kindern aus.

Es gebe zwar mehr Jungen und Mädchen, die sportlich sehr aktiv sind, andererseits wachse aber auch der Anteil an Heranwachsenden, die körperlich immer weniger bis gar nicht aktiv sind.

Für den Sportwissenschaftler sind auch die Eltern gefordert. Kinder müssten ohne SUV-Bringservice von Vater oder Mutter "ohne Angst zur Schule gehen können".

Wie mühsam der Weg für innovative Spiel- und Bewegungsgeräte in den Markt ist, lässt sich auch an dem InBuB-Siegel "Bewegte Innovation" ablesen. Vor zwei Jahren hatte Lange 200 Produkte von 70 Herstellern mit der Auszeichnung geadelt. Inzwischen würden von knapp 100 Unternehmen 300 Produkte das Qualitätssiegel tragen. Es soll Eltern und anderen Kunden Orientierung bieten. Die Zertifizierung ist kostenlos.

In der Welt der Spielwarenmesse sei "eher der Konsumtempel vertreten als die Elterninteressen", kritisiert Lange. Aber er wird nicht müde, für die kindliche Entwicklung in spielerischer und ganzheitlicher Weise zu werben.

Aber der Sportwissenschaftler fragt auch, ob die rund 120.000 Neuheiten, die Jahr für Jahr auf der Spielwarenmesse als das weltgrößte Spielzimmer präsentiert werden, notwendig sind.

"Bewegung und Aktivität sind in der kindlichen Natur angelegt." Daher sei es durchaus denkbar, ohne Spielgerät herumzutollen.

Das habe er in seinem Handbuch "Kämpfen, Ringen und Raufen im Sportunterricht" bereits Anfang der 2000-er Jahre dargelegt. Es sei aus pädagogischer Sicht wertvoll, "Handgreiflichkeit im wahrsten Sinne des Wortes, sowie Kraft und Geschicklichkeit" unmittelbar zu erleben.

Für Lange ist das nicht nur in der Grundschule wichtig, sondern auch daheim in den eigenen vier Wänden. Gleichzeitig würden auch Rituale spielerisch erlernt, etwa "Stopp heißt Stopp". Nähe und Distanz erleben, Kraft und Grenzen spüren seien "als ursprüngliche Erfahrungen für Mädchen und Jungen gleichermaßen interessant und wichtig".

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