23.08.2020
Jugendbücher

Fantastische Geschichten für das "Kind im Menschen": Vor 25 Jahren starb Michael Ende

"Momo", "Jim Knopf", "Die unendliche Geschichte": Michael Ende war ein Meister der fantastischen Kinderliteratur. Er bereitete damit einem höchst erfolgreichen Genre den Boden. Zu Lebzeiten aber blieb ihm die Anerkennung der Kritiker verwehrt.
Michael Ende "Die Unendliche Geschichte"

Anfang der 1970er Jahre hatte Michael Ende (1929-1995) genug von Deutschland. "Mir bleibt hier die Luft zum kreativen Arbeiten weg", soll er gesagt haben. Er zog nach Italien. Literaturkritiker hatten Ende als "Schreiberling für Kinder" diskreditiert, ihm "Eskapismus" und "Fluchtliteratur" vorgeworfen.

Seine fantastischen Erzählungen würden Kinder nicht auf das richtige Leben vorbereiten, kritisierten selbst Freunde. Unweit von Rom ließ Ende sich nieder und schrieb einen seiner Bestseller: "Momo". Vor 25 Jahren, am 28. August 1995, erlag der Autor in Filderstadt bei Stuttgart einem Magenkrebs.

Seine Bücher wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt, manche seiner Werke hielten sich mehr als ein Jahr lang auf den Bestsellerlisten. Dazu gehören "Die unendliche Geschichte", sein fantastisches Meisterwerk über den jungen Bastian Balthasar Bux und die zauberhafte Parallelwelt "Phantásien". Oder auch "Momo", die Geschichte von dem Mädchen, das gegen die Zeitdiebe kämpft - es wurde mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, millionenfach verkauft und mehrfach verfilmt.

Anerkennung des Feuilletons blieb Michael Ende lange verwehrt

Die Anerkennung des Feuilletons aber blieb Michael Ende lange verwehrt. So geht es etlichen Kinder- und Jugendbuchautoren, weiß Hans-Heino Ewers, emeritierter Literatur-Professor der Frankfurter Goethe-Universität: "Bis auf wenige Ausnahmen ignoriert die Kritik Kinder- und Jugendliteratur."

Hinzu kommt: "Sowohl in der Literaturwissenschaft als auch in der Literaturkritik gibt es in Deutschland eine Hilflosigkeit bei Phantastik und Fantasy", sagt Ewers. Erst die epischen Filme etwa zu Tolkiens "Herr der Ringe" mit ihrer bombastischen Bildsprache hätten diese Genres den Deutschen nähergebracht.

Endes langjähriger Wegbegleiter und Lektor Roman Hocke ist sich sicher, dass der Autor zeit seines Lebens unter der Nichtwürdigung seines Werks durch die Kritiker gelitten habe. Daran sei vor allem ein grundsätzliches Missverständnis schuld: "Ende hat sich nie als literarischer Pädagoge verstanden, er wollte nur gute Geschichten schreiben", sagt Hocke, der heute als Literaturagent arbeitet und eine Internetseite in Erinnerung an Ende betreibt: "Er hat nie dezidiert für Kinder geschrieben, sondern für das Kind im Menschen."

Michael Ende: Abitur in Stuttgart, Studium in München

Ende wurde 1929 in Garmisch-Partenkirchen geboren, zog kurz darauf mit seinen Eltern nach München, auf dem dortigen Waldfriedhof ist er auch beerdigt. In Schwabing und Pasing erlebte er als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende die Künstlerszene - und den langen Arm des NS-Regimes, als die Werke seines Vaters als "entartete Kunst" diffamiert wurden.

Nach dem Abitur an der Stuttgarter Waldorfschule studierte er an der Schauspielschule Otto Falckenberg in München, wurde dann Filmkritiker für den Bayerischen Rundfunk. Zu der Zeit schrieb er auch das Manuskript für "Jim Knopf", das mit dem Kinderbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Literaturwissenschaftler Ewers forderte schon vergangenen Herbst zu Endes 90. Geburtstag: "Es ist Zeit, die Erwachsenendimension seines Werkes entdecken." Michael Ende sei ein politischer Autor gewesen, seine Texte voll mit verschiedenen Bedeutungsebenen.

"Jim Knopf", "Momo" und "Die unendliche Geschichte": Alle aus Michael Endes Feder

"Jim Knopf" sei ein aufklärerischer Text mit einem modernen Helden, "Momo" ein offen politischer Roman und "Die unendliche Geschichte" gesellschaftskritisch und "wohl eines der schwersten, komplexesten Werke der deutschen Gegenwartsliteratur". Ende-Wegbegleiter Hocke ergänzt: "Trotzdem ist es ein faszinierendes Kinderbuch, genau das macht die Qualität aus."

Hocke sagt, er wünsche sich, dass man die "Innenwelten" in Endes Literatur erkenne, und "nicht nur das Offensichtliche". Eine dieser "Innenwelten" Endes ist das "Nichts" in der "Unendlichen Geschichte", das schleichend die Fantasiewelt Phantásien auffrisst. Für die kindlichen Leser sei es einfach etwas Bedrohliches, Ungreifbares, sagt Hocke. Doch es stehe für eine Kritik an der heutigen modernen Gesellschaft mit all ihren Banalitäten und Bedeutungslosigkeiten. Mit der Verfilmung der "Unendlichen Geschichte" nach Blockbuster-Manier sei Ende 1984 unzufrieden gewesen - und habe sich darüber bis zu seinem Tod elf Jahre später gegrämt.

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