Ich bin nicht neidisch. Ich bin genervt. Von diesem endlosen Scroll-Karussell, das sich "Inspiration" nennt und doch nur Verkaufsshow ist. Glatte Haut. Glatte Küchen. Glatte Sätze. Und unter jedem Bild ein Rabattcode, der angeblich alles leichter macht.
Das Scroll-Karussell: Wenn Inspiration zur Verkaufsshow wird
Bei uns zu Hause läuft das so: Meine Frau wischt durch Insta. "Schau mal", sagt sie, "das wär doch schön." Ich schaue mit. Eine Wohnung wie aus dem Katalog. Eine Reise in Pastell. Ein Mixer, der klingt wie eine kleine Turbine. Und ich denke: Es ist nicht schön, es ist nur gut inszeniert. Vielleicht sogar gut geliehen. Aber sicher gut verkauft.
Diese Welt funktioniert einfach. Sie zeigt dir Dinge, bevor du überhaupt wusstest, dass du sie brauchst. Und wenn du sie nicht brauchst, dann brauchst du sie halt trotzdem. Weil alle anderen sie haben. Oder so tun.
Money Dysmorphia: Wenn Geldgefühl und Realität auseinanderfallen
Genau da sitzt die stille Nebenwirkung der schönen Bilder: Money Dysmorphia. Klingt groß, ist aber simpel. Es bedeutet, dass das Gefühl zu Geld und die Realität zu Geld auseinanderlaufen. Du hast genug, fühlst dich aber arm. Oder du hast nicht genug, fühlst dich aber reich. Beides entsteht, wenn du dich dauernd vergleichst. Mit Menschen, die du nicht kennst. In Wohnungen, die ihnen nicht gehören. Vor Autos, die geleast sind. Unter Licht, das jedes Staubkorn wegzaubert.
Früher hieß es: "Nicht alles glauben, was in der Werbung steht." Heute heißt es: "Nicht alles glauben, was wie kein Werbespot aussieht." Denn genau das ist der Trick. Nähe. Alltag. Authentizität. Ein Selfie im Morgenlicht verkauft besser als jede Hochglanzseite. Das ist nicht verwerflich. Es ist nur ehrlich gesagt ziemlich raffiniert.
Die Folgen spürt man im Kleinen. Du legst das Handy weg und plötzlich wirkt das eigene Wohnzimmer zu dunkel. Die Küche zu normal. Der Urlaub zu nah. "Wir müssten mal …", denkt man. Neues Sofa. Neuer Lifestyle. Neues Ich. Und irgendwo im Hinterkopf ein Konto, das still die Stirn runzelt.
Ich merke, wie das an guten Tagen an mir vorbeiläuft. An schlechten bleibt es hängen. Ein Bild, zwei Sätze, drei Zweifel. Habe ich zu wenig? Müsste das nicht besser aussehen? Müsste ich nicht mehr erleben? Die Antwort ist meistens: nein. Aber man kommt zu ihr langsamer, seit der Algorithmus die Stimme geworden ist, die immer "Mehr" sagt.
Instagram ist Bühne, nicht Realität
Vielleicht hilft es, die Mechanik zu benennen. Instagram ist nicht das Leben. Instagram ist Bühne. Und die erfolgreichsten Leute dort sind Profis im Bühnenbau. Licht. Winkel. Schnitt. Story. Sie arbeiten hart, nur anders. Aber ihr Job ist nicht, uns Realität zu zeigen. Ihr Job ist, uns am Bildschirm zu halten. Und wenn es dabei knistert, weil ein Produkt glänzt, dann ist das System exakt in seinem Element.
Was macht man damit? Keine Heldenreise. Nur ein paar kleine Regeln, die den Kopf wieder gerade ziehen.
- Vergleichspause. Einmal am Tag weniger scrollen. Einmal am Tag mehr gucken, was im eigenen Leben schon da ist. Nicht spektakulär. Aber echt.
- Echtheitscheck. Wenn ein Bild Druck macht, kurz innehalten: Will ich das wirklich oder will ich nur mithalten? Drei tiefe Atemzüge, dann entscheidet sich vieles von selbst.
- Zahlen statt Gefühl. Einmal im Monat nüchtern aufschreiben, was reinkommt, was rausgeht, was übrig bleibt. Kein Drama, kein Heldentum. Nur Orientierung. Money Dysmorphia schrumpft, wenn Zahlen den Nebel schneiden.
- Das Wort "genug" rehabilitieren. Genug ist kein Mangel. Genug ist ein Ziel. Das klingt langweilig, ist aber entspannender als jede Duftkerze.
Und ja, es bleibt die Ironie: Ich schreibe das, während irgendwo die nächste Story blinkt. Ich bin Teil des Spiels, auch wenn ich die Regeln kritisiere. Vielleicht ist das die erwachsene Haltung dazu: mitspielen können, ohne sich kaufen zu lassen. Gucken, genießen, weitergehen.
Zurück zum echten Leben: Weniger Lärm, mehr Dasein
Am meisten tröstet mich die Unordnung. Der Teller in der Spüle. Die Socke, die nie ein Paar findet. Der Kaffee, der kalt wird, weil ein Kind etwas Dringenderes hat als meinen Schluck. Das ist nicht "Content". Das ist Leben. Es braucht keinen Filter. Und keinen Link in Bio.
Wenn meine Frau wieder "Schau mal" sagt, schaue ich mit. Wir lachen über eine übergroße Couch in zu kleiner Wohnung. Wir staunen über perfekte Haut. Wir freuen uns kurz über eine gute Idee, die wir nicht brauchen.
Dann legen wir das Handy beiseite und machen Abendbrot. Es sieht nicht aus wie im Feed. Es schmeckt trotzdem.
Neid ist das falsche Wort für das, was diese Bilder auslösen. Es ist eher Lärm. Und auf Lärm reagiert man nicht mit mehr Lärm, sondern mit Leiserstellen. Weniger Vergleichen. Mehr Dasein. Und falls der Zweifel doch mal groß wird, hilft ein Satz, der erstaunlich viel hält: Ich habe genug. Nicht alles. Aber genug.
Werbung wird bleiben. Influencer werden bleiben. Die Scheinwelten auch. Was wir zurückholen können, sind unsere Maßstäbe. Nicht jeder Wunsch ist ein Mangel. Nicht jeder Trend ist ein Bedarf. Und nicht jedes "Schau mal" ist ein Auftrag.
Es gibt Tage, da klappt das besser. Es gibt Tage, da rutscht man ab. Beides ist normal. Wichtig ist nur, dass man wieder auftaucht. Am besten dort, wo das WLAN schwächer ist als die Wirklichkeit. In der Küche. Auf dem Sofa. Im Gespräch. Im Lachen. Im ganz normalen Durcheinander, das niemand für uns inszeniert.
Das ist nicht so glänzend wie der Feed. Aber es hält länger. Und es kostet erstaunlich wenig.