Die Zahlen erzählen eine nüchterne Geschichte. Bei der Bundestagswahl 2025 landete die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) bei historisch schlechten 16,4 Prozent – nur knapp vor den Grünen, weit hinter der Union. Bei den Landtagswahlen 2026 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verlor sie zuletzt massiv, in Umfragen dümpelt sie weiter vor sich hin.
Wählerschichten, die früher ganz selbstverständlich SPD wählten, laufen zur AfD. Was bleibt, ist eine Partei, die über ihre eigene Rolle rätselt wie eine Kommission, die ihren Auftrag verloren hat.
Die Seeheimer-Diagnose: Griffig, aber falsch
Die Diagnose des rechten Parteiflügels in Form des Seeheimer Kreises klingt auf den ersten Blick plausibel: Die SPD habe sich zu sehr um das "untere Fünftel" gekümmert, um Bürgergeldempfänger:innen und andere Transferleistungsbeziehende. Die richtige Zielgruppe, so die Lesart, sei die "hart arbeitende Mitte".
Die Krankenschwester, die Schicht macht, während andere angeblich auf der faulen Haut liegen. Der Klempner, der morgens früh aufsteht und keine Lust auf Genderdiskussionen hat. Diese Menschen, so das Credo der Seeheimer, habe die SPD vernachlässigt.
Es ist eine griffige These, die nur einen entscheidenden Nachteil hat: Sie ist falsch.
Schröders Erbe und die Mitte
Die SPD betreibt den zum wiederholten Mal eingeforderten Kurs nicht erst seit gestern. Es war Bundeskanzler Gerhard Schröder, der als "Genosse der Bosse" in die Geschichte einging, der mit der Agenda 2010 den Sozialstaat umbaut und die Lohnabhängigen in eine Prekarisierungsspirale schickte, aus der viele bis heute nicht herausgekommen sind.
Die Finanzkrise 2008 tat ihr Übriges: Der Staat rettete Banken, die "too big to fail" waren, und ließ die kleinen Leute, die plötzlich in prekären Verhältnissen steckten, weitgehend allein. Das Vertrauen, das damals zerbrach, hat die seinerzeit unter Merkel mitregierende SPD nie wieder zurückgewonnen.
Seitdem jagt die Parteiführung einer Wählergruppe nach, die sich selbst als "Mitte" versteht, aber eigentlich zur klassischen Arbeiterklasse gehört – und die, wie der Soziologe Klaus Dörre nüchtern feststellt, die SPD massiv an die AfD verliert. Die Parteivorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas beteuern derweil fast täglich, Politik für die "hart arbeitende Mitte" zu machen.
Aber wenn eine Partei tagein, tagaus erklärt, für die normalen Leute da zu sein, und die normalen Leute wählen trotzdem jemand anderen – dann stimmt vielleicht mit der Partei etwas nicht, nicht mit den Leuten.
Wer hat die Krankenschwester wirklich aufgehetzt?
Denn hier liegt der eigentliche Denkfehler der Seeheimer-Analyse. Sie geht davon aus, dass Menschen, die viel arbeiten und trotzdem kaum über die Runden kommen, vor allem eines wollen: von ihrer Partei gesagt bekommen, dass sie noch mehr arbeiten sollen, länger, für weniger Rente, mit weniger Absicherung – und dass das eigentliche Problem nicht Vermieter:innen, Konzerne oder eine dysfunktionale Infrastruktur sind, sondern Bürgergeldempfänger:innen und natürlich diffus als "Ausländer" wahrgenommene Menschen.
Das ist eine Erzählung, die von der Union stammt, von der AfD populär gemacht und von der "Bild" sowie anderen Medien tagtäglich aufgewärmt wird. Dass die SPD sie seit einiger Zeit selbst übernimmt, ist politischer Selbstmord. Man gibt damit der Agitation der Gegner:innen nach, weil man die eigenen Niederlagen immer wieder falsch deutet.
Wer hat die Krankenschwester gegen das Bürgergeld aufgehetzt? Nicht die SPD. Es war eine jahrelange Kampagne von Teilen der Union, AfD und Medien, die das Bild der "faulen Arbeitslosen" – "und oft keine Deutschen" – erfolgreich in den Diskurs gedrückt hat. Gegen diese Maschinerie hätte Überzeugungsarbeit helfen können, Gegenmythen, echte Solidarität. Stattdessen gab es aber: Kapitulation, Anpassung und ein sich Fügen in den hegemonialen Diskurs.
Besonders gerne wird in diesem Zusammenhang auf Dänemark verwiesen. Die dänischen Sozialdemokraten, so das Argument, hätten sich durch einen konsequenten Rechtsruck in der Migrationspolitik gerettet und seien damit das Modell für eine erneuerte, realistische Sozialdemokratie. Es ist ein verführerisches Narrativ. Leider hat die Realität auch hier nicht mitgespielt: Bei der letzten Wahl verloren die dänischen Genoss:innen massiv. Großer Gewinner war dafür Rechtsaußen. Originale sind eben überzeugender sind als ihre Kopien.
Was wirklich helfen würde
Was also täte not? Die Antwort ist, bei Licht betrachtet, gar nicht so kompliziert – auch wenn sie politischen Mut erfordert, den die aktuelle SPD-Führung bislang nicht erkennen lässt.
Die rund 39 Prozent der Erwerbstätigen, die als "konventionelle Arbeiterklasse" gelten – Industriearbeiter:innen, Supermarktkassierer:innen, Pflegekräfte, Kita-Beschäftigte –, haben konkrete Probleme: Mieten, die die Hälfte des Einkommens fressen. Nahverkehr, der entweder nicht fährt oder unbezahlbar ist – oder beides. Kitas, in denen kein Platz ist. Krankenhäuser, die schließen. Lebenshaltungskosten, die steigen, während die Löhne stagnieren.
Das sind keine abstrakten politischen Debatten. Das ist der Alltag von Millionen Menschen, die früher SPD gewählt haben und heute gar nicht mehr wählen oder sich von einer Partei verführen lassen, die ihnen gleich direkt Sündenböcke anbietet statt Lösungen.
Eine glaubwürdige sozialdemokratische Politik würde diese Probleme beim Namen nennen und angehen: Mietpreisbremsen, massiver Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, flächendeckende Kinderbetreuung, eine Pflegereform, die diesen Namen verdient, und letztlich eine konsequente Umverteilung von oben nach unten – nachdem es seit Jahrzehnten genau andersherum läuft. Das ist keine naive Wunschliste, sondern wäre der Versuch, den kritischen Diskurs über Ungleichheit von den Rechtsextremen zurückzuholen.
Natürlich braucht es dafür Konzepte, die tragen. Und es braucht Personen, die diese Forderungen mit Überzeugung und Glaubwürdigkeit vertreten. Letzteres ist das vielleicht drängendste Problem: Das aktuelle Personal der SPD, das so gerne von der "arbeitenden Mitte" redet, ohne den Eindruck zu erwecken, es wüsste, was diese Menschen bewegt, sieht dabei leider alt aus.
Entweder umdenken – oder verschwinden
"Weiter so" ist für die SPD keine Option – es ist ein Rezept für den kontrollierten Absturz. Eine Partei, die die Sprache ihrer Gegner übernimmt, die Arme gegen Arme ausspielt und ihren eigenen Markenkern verleugnet, hat keine Zukunft und letztlich auch keine Existenzberechtigung.
Die SPD hat die Wahl: Sie kann den Weg der FDP gehen, in die politische Bedeutungslosigkeit, als Mahnung an künftige Generationen, was passiert, wenn eine Partei ihre Seele verkauft. Oder sie kann umdenken – konsequent, mutig und ohne reflexhafte Unterwerfung unter den Zeitgeist.
Ob dazu noch Zeit ist, ob es das Personal dafür gibt, ob der Wille vorhanden ist: Das sind Fragen, auf die diese Partei selbst eine Antwort finden muss. Allzu viel Zeit hat sie dafür nicht.
Transparenzhinweis: Der Autor war von 2017 bis 2018 selbst Mitglied der SPD.