Seit bald drei Jahrzehnten arbeite ich in der evangelischen Publizistik. Aber was macht sie eigentlich evangelisch? Robert Geisendörfer, einer ihrer Gründerväter, schrieb seinen Redakteuren ins Stammbuch, sie sollten "keine frommen Sprüche, sondern Journalismus" produzieren. Das gilt bis heute. Ob Zeitung oder Online-Magazin, Podcast, Video oder Social Media: Für sie gelten die Regeln guten Journalismus: recherchieren, prüfen, einordnen, nachfragen und widersprechen. 

Evangelische Publizistik braucht Freiheit und Distanz – auch gegenüber der Kirche, die sie trägt. Damit ist sie institutionalisierte Selbstkritik der Kirche – ein unabhängiges Gegenüber in den eigenen Reihen. Sie ist kein Werbeblättchen, sondern soll genau hinsehen, was der Kirche gelingt und woran sie scheitert. Manchmal dient sie ihr gerade, indem sie ihr widerspricht.

Evangelische Publizistik braucht Freiheit und Distanz

Geisendörfer beschrieb den Auftrag so: Sie solle "Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen". Heute würde ich es so sagen: Sie soll Menschen Gehör verschaffen, deren Stimmen sonst leicht überhört werden. Darauf hat sie kein Monopol; viele säkulare Medien tun das auch – und oft gelingt es ihnen. Aber evangelische Publizistik muss sich daran messen lassen. Barmherzigkeit ist dabei kein Ersatz für Kritik. 

Auf unserem Feld heißt sie: Menschen nie mit ihrem Versagen, ihrer Herkunft, ihrer politischen Haltung oder ihrer törichtsten Äußerung gleichzusetzen. In einer digitalen Öffentlichkeit voller Zuspitzung, Empörung und rascher Urteile ist das eine anspruchsvolle Haltung. Aber diesen Anspruch dürfen wir nicht ermäßigen!

Evangelische Publizistik macht Religion wahrnehmbar 

Evangelische Publizistik hält Religion und kirchliches Leben öffentlich wahrnehmbar und verstehbar. Sie vermittelt ein Verständnis für theologisches Denken und Urteilen. Das halte ich in unserer immer säkulareren Gesellschaft und Medienlandschaft für wichtig, denn in vielen Redaktionen fehlen Zeit, Personal und Kenntnisse für kontinuierliche Religionsberichterstattung. Wir sollten uns diese Zeit nehmen. Sonst kommt Religion öffentlich vor allem noch in fundamentalistischen Zerrbildern vor. Sie übersetzt kirchliche Sprache und prüft kirchliches Handeln kritisch. Auch das dient der demokratischen Öffentlichkeit.

Das wird immer wichtiger, wo radikale Parteien von Niedergang, Verlust und Bedrohung erzählen und zugleich die Hoffnung für sich reklamieren. Das ist fatal, aber evangelische Publizistik sollte darauf nicht mit kirchlicher Gegenpropaganda antworten. 

Christliche Hoffnung ersetzt keine Recherche und schreibt kein Ergebnis vor. Aber sie widerspricht der Behauptung, Angst sei die einzig realistische Sicht auf die Welt. Sie hält ein Menschenbild im Gespräch, das niemanden auf Leistung, Herkunft, Hautfarbe, Staatsangehörigkeit oder politische Brauchbarkeit reduziert. Kurz und knapp: Eine lebenswerte Zukunft braucht keine Feindbilder.

Unterschiedliche Stimmen hörbar machen

Ja, Demokratie braucht viele Stimmen. Deshalb sollte evangelische Publizistik nicht mit einer vermeintlich einheitlichen Stimme der Kirche sprechen, denn die gibt es in der evangelischen Kirche nicht, und das ist auch gut so. 

Evangelische Publizistik muss vielmehr unterschiedliche Stimmen hörbar machen, begründeten Streit ermöglichen, Macht kontrollieren und Hoffnung denkbar halten. Sie ist der Kirche verbunden, aber nicht ihrer Selbstdarstellung verpflichtet. Gerade damit dient sie ihrer Kirche – und der Demokratie. 

Aktion "Demokratie braucht viele Stimmen"

Unsere sonntags-Redaktion beteiligt sich an der bundesweiten Aktion "Demokratie braucht viele Stimmen". Wir haben prominente Autorinnen und Autoren um einen Gastbeitrag gebeten. Die Beiträge werden in der Woche vom 14. bis 19. September 2026 veröffentlicht.

  • Susanne Breit-Keßler, Publizistin und frühere Regionalbischöfin für München und Oberbayern
  • Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing
  • Reinhard Mawick, Chefredakteur und Geschäftsführer von Zeitzeichen, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
  • Florian Höhne, Professor an der FAU Erlangen
  • Johanna Haberer, Publizistin

Allgemeine Informationen zur Aktion findet Ihr unter diesem Link.

Den Kommentar von Oliver Marquart zum Thema gibt es unter diesem Link.