Demokratie braucht freien und guten Journalismus. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Aber angesichts von Hetzkampagnen gegen seriösen Journalismus, angesichts des Umstandes, dass Teile der Bevölkerung Informationen von Messenger-Accounts, Influencern und Parteivertreterinnen in den Sozialen Medien mehr trauen als Qualitätszeitungen; angesichts von Angriffen auf die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die weit über die berechtigte Kritikpunkte hinaus gehen, angesichts von Sparmaßnahmen, Zeitungskrise und Digitalisierung scheint diese Selbstverständlichkeit zu schwinden. Deshalb: Demokratie – die staatliche wie auch die kirchliche – braucht freien und guten Journalismus.
Und zwar insbesondere aus zwei Gründen, die auch in Politiktheorie und Medienethik diskutiert werden: Machtkontrolle und Meinungsbildung. Journalismus macht öffentlich, wie Politiker:innen mit ihrer Macht umgehen. So können – theoretisch – alle prüfen, inwiefern dieser Machtgebrauch wirklich dem Wohl der Bevölkerung dient. Diese Funktion der Machtkontrolle zeigt sich besonders, wenn Journalist:innen Skandale aufdecken und Machtkritik ermöglichen.
Und: Journalismus informiert, sodass Menschen sich eine Meinung bilden können, die sie wiederum öffentlich äußern, in Engagement oder Wahlentscheidungen übersetzen. Reden und streiten können Menschen über alles, aber eine sinnvolle Debatte ist nur möglich, wenn die Disputierenden wissen, wovon sie reden – und worüber. Eine sachgerechte Meinung über Gebäudeenergiegesetz und Gesundheitsreform kann ich mir nur bilden, wenn ich weiß, was in den Gesetzentwürfen steht, wie dies begründet ist und was dagegenspricht.
Journalismus ermöglicht eine Beteiligung an politischen Prozessen
Verkürzende und polemische Parolen helfen da nicht weiter. Freier und guter Journalismus ermöglicht Beteiligung an politischen Prozessen. Und das gehört zur Demokratie.
Diese beiden Punkte – öffentliche Kontrolle und rationale Entscheidungsfindung – hat der Journalismus-Experte Horst Pöttker betont und aus der entsprechenden Öffentlichkeitsaufgabe Qualitätsmaßstäbe für den Journalismus entwickelt, insbesondere: Wahrheit und Verständlichkeit. Wahrheit beinhaltet für Pöttker Relevanz; sein Beispiel: Der DDR-Journalismus habe nicht unbedingt falsche Fakten berichtet, aber eben nicht über die wichtigsten Probleme im Land – und das ist auch ein Wahrheitsproblem.
Auf heute bezogen: Wenn etwa manch alternative Medien und Influencer alles als Frage nach Migration auffassen, haben sie das Wahrheitsproblem, dass sie von vielen relevanten Problemen ablenken: von Klimawandel bis sozialer Gerechtigkeit.
Auch guter, um Wahrheit und Relevanz bemühter Journalismus ist fehlbar. Aber er korrigiert Fehler, prüft professionell und geht ergebnisoffen in eine Recherche – und es gibt "selbstkritischen Medienjournalismus" (Pöttker).
So hilft Journalismus Bürger:innen in der Demokratie, sich eine eigenständige und informierte Meinung zu bilden und Macht zu kontrollieren. Auch wenn das Geld kostet, ist das nötig – gerade heute.
Aktion "Demokratie braucht viele Stimmen"
Unsere sonntags-Redaktion beteiligt sich an der bundesweiten Aktion "Demokratie braucht viele Stimmen". Wir haben prominente Autorinnen und Autoren um einen Gastbeitrag gebeten. Die Beiträge werden in der Woche vom 14. bis 19. September 2026 veröffentlicht.
- Susanne Breit-Keßler, Publizistin und frühere Regionalbischöfin für München und Oberbayern
- Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing
- Reinhard Mawick, Chefredakteur und Geschäftsführer von Zeitzeichen, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
- Florian Höhne, Professor an der FAU Erlangen
- Johanna Haberer, Publizistin
Allgemeine Informationen zur Aktion findet Ihr unter diesem Link.
Den Kommentar von Oliver Marquart zum Thema gibt es unter diesem Link.