2025 ist Seenotrettung im Mittelmeer schwieriger denn je: Die Bundesregierung zieht sich zurück, politische Angriffe nehmen zu – und doch retten zivile Organisationen weiter Leben.
Sea-Eye-Vorstandsmitglied Anna di Bari verklärt, wie Helfer*innen arbeiten, welche Risiken bestehen und warum gesellschaftliches Engagement jetzt entscheidend ist.
"Die Zahlen sind dramatisch: viele Tote und Vermisste, aber auch viele Gerettete"
Wie stellt sich die Lage der Seenotrettung im Jahr 2025 dar – vor dem Hintergrund von Kriminalisierung und dem Rückzug der Bundesregierung?
Anna di Bari: Wir haben diesen Sommer in Berlin eine Pressekonferenz zu zehn Jahren ziviler Seenotrettung gemacht – und gesagt: Es ist kein Grund zum Feiern. Als die zivilen Organisationen damals, als die Europäische Union ausgestiegen ist, eingesprungen sind, war das nie als Dauerlösung gedacht. Die Zahlen sind dramatisch: viele Tote und Vermisste, aber auch viele Gerettete. Gleichzeitig sehen wir, dass Seenotrettung für manche politische Akteur*innen zum Spielball geworden ist – Teil eines Kulturkampfs.
Woran zeigt sich das?
An neuen italienischen Gesetzen, an Debatten auf EU-Ebene, am riesigen Frontex-Budget – und eben auch am Rückzug der Bundesregierung. Kurz: Die operative Arbeit ist schwieriger, und die politischen Rahmenbedingungen sind rauer geworden. Aber zugleich erleben wir weiterhin starken gesellschaftlichen Rückhalt. Die Tatsache, dass die Bundesregierung die Förderung für 2026 gestrichen hat, hat neue Unterstützer*innen mobilisiert. Viele Menschen fühlen sich durch die Angriffe auf die Seenotrettung erst recht herausgefordert, aktiv zu werden.
Politischer Druck führt zu mehr zivilgesellschaftlichem Engagement?
Genau. Wir merken das, etwa auf unseren Social-Media-Kanälen. Meldungen über Rettungseinsätze werden nicht immer groß aufgegriffen – aber als Kanzler und Außenminister sich gegen die Förderung positionierten, bekamen wir plötzlich viele neue Anfragen. Menschen, die vorher nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sind, wurden aufmerksam.
Unsere Gesprächspartnerin Anna di Bari von Sea-Eye
Anna di Bari ist Mitglied im Vorstand von Sea-Eye aus Regensburg.
Sea-Eye setzt sich für die Rettung von Menschen in Seenot und die Unterstützung von Geflüchteten in Not ein. Dazu betreibt die Organisation ein Rettungsschiff auf dem Mittelmeer, bildet Einsatzkräfte aus und schult Crewmitglieder für den Einsatz an Bord.
Darüber hinaus engagiert sich Sea-Eye mit Kampagnen, Öffentlichkeitsarbeit und Informationsangeboten, um über Flucht, Migration und Menschenrechte aufzuklären und gesellschaftliches Handeln zu fördern.
Also wirkt der Rückzug der Bundesregierung aus der Seenotrettung sogar mobilisierend?
Mobilisierend ja – aber besser macht es die Situation nicht. Zwei Millionen Euro im Jahr waren für die Seenotrettungsorganisationen, die von der Bundesregierung unterstützt wurden, viel Geld, auch wenn das nur ein Bruchteil des Bundeshaushalts war. Mit diesen Geldern konnte Sea-Eye von 2023 bis 2025 sechs Missionen durchführen und 747 Menschen retten. Und es ging nicht nur ums Geld, sondern auch um ein Signal: Die Bundesregierung stand hinter uns. Wenn das wegfällt, hat das Folgen – auch in der Auseinandersetzung mit italienischen Behörden.
"Statt Menschenleben zu retten, geht es bei Frontex um Abschottung"
Sie haben Frontex erwähnt. Wie beurteilen Sie die Rolle dieser Agentur?
Frontex ist eine sogenannte Grenzschutzagentur. Eine Zusammenarbeit gibt es nicht. Im Gegenteil: Statt Menschenleben zu retten, geht es bei Frontex um Abschottung. Deshalb fordern wir seit Jahren eine europäische Seenotrettungsmission.
Bedeutet das, dass Frontex im Ernstfall nicht einspringt, wenn Boote in Seenot geraten?
Nein. In der Praxis sind es italienische Behörden und vor allem wir Zivilen, die retten. Frontex leistet diesen Beitrag nicht.
Wie gefährlich ist Seenotrettung für die Helfer*innen selbst?
Es gibt Risiken, vor allem durch Kriminalisierung. Prozesse wie gegen die "Juventa"-Crew zeigen das. Wir mussten unseren Ehrenamtlichen Infoblätter austeilen, weil das Risiko einer Strafverfolgung besteht. Auch wenn wir bisher alle Verfahren gewonnen haben, sind solche Prozesse enorme Belastungen. Ziel ist offenbar, humanitäre Hilfe zu entmutigen.
"Wer uns Schlepperei unterstellt, setzt bewusst ein Schlagwort ein, um Stimmung zu machen"
Auch in Deutschland wird Seenotrettung von manchen Politiker*innen in die Nähe von Schlepperei gerückt. Wie reagieren Sie darauf?
Das ist ein alter Vorwurf – aber vollkommen unbelegt. Schlepperei bedeutet, gegen Geld illegale Einreisen zu organisieren. Wir nehmen kein Geld von Menschen, die wir retten, sondern sind spendenfinanziert. Der Kern unserer Arbeit ist simpel: Menschen nicht ertrinken lassen. Wer uns Schlepperei unterstellt, setzt bewusst ein Schlagwort ein, um Stimmung zu machen.
Warum verfängt dieses Schlagwort trotzdem so leicht?
Weil es schwer ist, dagegen zu argumentieren, sobald das Wort im Raum steht. Es ist ähnlich wie mit der Debatte um sogenannte Pullfaktoren. Das sind diese Behauptungen, zu denen es entweder keine empirischen Belege gibt oder sogar Studien, die das Gegenteil belegen.
Angesichts all dieser Widerstände: Woher nehmen Sie und Ihre Mitstreiter*innen die Kraft, weiterzumachen?
Zum einen von den vielen Menschen, die sich seit Jahrzehnten engagieren. Zum anderen aus dem einfachen Gedanken: Wir dürfen nicht zulassen, dass Ertrinken zur Normalität wird, während wir hier in Wohlstand leben. Das wäre ein gesellschaftliches Versagen.
"Migration wird es immer geben. Die Frage ist: Gestalten wir sie sicher oder nicht?"
Gibt es auch Hoffnung auf positive Entwicklungen in den nächsten zehn Jahren?
Unsere Vision ist klar: sichere Fluchtrouten statt gefährlicher Überfahrten. Migration wird es immer geben – das zeigen Wissenschaftler*innen seit Jahren. Die Frage ist: Gestalten wir sie sicher oder nicht? Mindestens aber braucht es eine europäische Seenotrettungsmission. Das Mittelmeer darf kein Massengrab sein.
Zum Schluss: Was kann jede*r Einzelne tun, um Sie zu unterstützen?
Am meisten hilft, nicht gleichgültig zu werden. Ob mit Spenden, Zeit oder einfach, indem man informiert bleibt – entscheidend ist, dass die Gesellschaft hinschaut. Gleichgültigkeit ist die größte Gefahr.