Es gehört zu den gefährlichsten Versuchungen der Religion, den Lauf der Geschichte zu deuten, als wäre er bereits im Drehbuch Gottes festgeschrieben. Genau diese apokalyptische Denkfigur zeigt sich derzeit in erschreckender Parallelität auf beiden Seiten des Konflikts um den Iran: im schiitischen Mahdi-Glauben ebenso wie in Teilen des amerikanischen Evangelikalismus.

Im schiitischen Islam spielt die messianische Erwartung des verborgenen Imam, des Mahdi, eine zentrale Rolle. Die iranische Revolution ist darauf ausgerichtet. Krisen, Chaos und Kriege werden dabei als Vorzeichen einer göttlichen Wende interpretiert. Die politische Realität wird so in eine religiöse Dramaturgie eingebettet. Der bewaffnete Kampf gegen äußere Feinde – den "großen Satan USA" und den "kleinen Satan Israel" – erscheint als Teil eines kosmischen Ringens zwischen Gut und Böse. 

Erwartet wird der große Endkampf von Armageddon

Doch auch im Westen gibt es religiöse Deutungsmuster, die den Konflikt im Nahen Osten apokalyptisch überhöhen. Besonders in Teilen der amerikanischen Evangelikalen ist eine Endzeit-Theologie verbreitet, die die Region als Bühne der letzten Ereignisse der Weltgeschichte versteht.

Erwartet wird der große Endkampf von Armageddon, der in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird (Johannes 16, 16). Evangelikale Theologen sehen Armageddon als Ort der in Offenbarung 19, 11-20 beschriebenen Schlacht zwischen dem Israel der Endzeit und den "Königen aus dem Osten". Dort ist von einem Endkampf die Rede, in dem die Könige, das "Tier" und ihre Anhänger von den himmlischen Heerscharen vernichtet werden. Der letzten Schlacht folgt das tausendjährige Friedensreich, in dem Jesus Christus und seine Märtyrer auf Erden herrschen.

"Angriff auf den Iran als Teil eines göttlichen Plans"

Die Bibel ist bei dem Thema für Überraschungen gut. Aber wie brisant eine Auslegung auf die aktuellen Geschehnisse sein kann, zeigen Berichte aus den USA. Mehrere Kommandeure des US-Militärs sollen laut Angaben der Bürgerrechtsorganisation Military Religious Freedom Foundation (MRFF) den Angriff auf den Iran als Teil eines göttlichen Plans dargestellt haben. In militärischen Besprechungen seien biblische Endzeitprophetien zitiert worden; ein Kommandeur habe sogar erklärt, Präsident Donald Trump sei von Jesus gesalbt worden, um im Iran das Signalfeuer zu entzünden, das das Armageddon auslösen und seine Wiederkunft markieren soll.

Der Krieg gegen das Mullah-Regime hat seine Berechtigung. Aber wer diesen Konflikt mit christlichen Endzeitvorstellungen begründet, missbraucht das Christentum – und drückt sich vor der moralischen Verantwortung, denn auch ein gerechter Krieg ist beladen von Schuld und Sünde.

Der christliche Glaube kennt die Hoffnung auf eine neue Welt. Aber er kennt auch die Warnung vor falschen Propheten.