Ist der Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran ein religiöser Krieg? Oder gar ein heiliger? Wer die Rhetorik der politischen Akteure verfolgt, könnte durchaus zu diesem Schluss kommen. Bibelverse, Endzeitvisionen und Erlösungsfantasien tauchen immer wieder in Reden und politischen Botschaften auf.
Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die religiösen Motive erklären den Konflikt nicht, sondern rahmen ihn lediglich ein. Religion wird zur Sprache der Mobilisierung.
Biblische Feindbilder prägen Israels Kriegsrhetorik
Als Israel seinen Angriff auf den Iran unter dem Namen "Roaring Lion” bekannt gab, war die religiöse Anspielung kaum zu übersehen. Der Name knüpft an die Bezeichnung des 12-Tage-Krieges im Juni 2025 an. "Rising Lion". Dieser wiederum spielt auf einen Vers aus dem vierten Buch Mose an: "Ein Volk, das sich erhebt wie ein Löwe."
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, gegen den ein internationaler Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vorliegt, griff diese Symbolik im vergangenen Juni öffentlich auf. Er schrieb den entsprechenden Bibelvers auf einen Zettel und steckte ihn in die Klagemauer in Jerusalem.
In einer Fernsehansprache zu Beginn der jetzigen Angriffe stellte er den Krieg zugleich als existenziellen Kampf eines "Volkes, das das Leben liebt", gegen ein "Mordregime" dar und begründete den Angriff vor allem sicherheitspolitisch. Eine ausdrückliche Bezeichnung des Konflikts als "religiösen Krieg" vermied er.
An anderer Stelle jedoch war die religiöse Aufladung nicht zu übersehen: Netanjahu und sein rechtsextremer Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, verwendeten beide den Begriff "Amalek” für den Iran. In der biblischen Überlieferung steht Amalek für den archetypischen Feind Israels – dessen vollständige Vernichtung als göttlicher Auftrag beschrieben wird.
Wenn heutige Gegner mit dieser Figur verglichen werden, verschiebt sich der Deutungsrahmen. Der Gegner erscheint dann nicht mehr nur als politischer Gegner, sondern als Verkörperung des radikal Bösen.
Religiöse Rhetorik auch in Washington und im US-Militär
Auch in den USA tauchen religiöse Deutungen des Krieges auf. So wird in Teilen des US-Militärs religiöse Rhetorik verwendet, um den Konflikt mit dem Iran zu interpretieren.
Bei einer Beobachtungsorganisation sind Beschwerden eingegangen, denen zufolge US-Militärkommandeure extremistische christliche Rhetorik über die biblische "Endzeit" genutzt haben, um die Beteiligung am Krieg gegen den Iran zu rechtfertigen. Die Military Religious Freedom Foundation (MRFF) gibt an, mehr als 200 Beschwerden von Angehörigen der Streitkräfte erhalten zu haben.
Ein Kommandeur einer Kampfeinheit erklärte demnach Unteroffizieren bei einer Besprechung, dass der Krieg gegen den Iran Teil von Gottes Plan sei und dass Präsident Donald Trump "von Jesus gesalbt" worden sei, "um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon auszulösen und seine Rückkehr auf die Erde zu markieren". Solche apokalyptischen Vorstellungen sind im evangelikalen Christentum in den USA weit verbreitet.
Auch führende Politiker greifen zu entsprechender Rhetorik. Der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, bezeichnete die Iraner:innen als Anhänger einer "fehlgeleiteten Religion". Der republikanische Senator Lindsey Graham sprach offen von einem "Religionskrieg".
Nicht direkt auf den Iran bezogen, aber dennoch aufschlussreich ist zudem, dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth – von der Trump-Administration mittlerweile offiziell als "Kriegsminister" bezeichnet – islamfeindliche Tätowierungen trägt. Bekannt sind unter anderem der lateinische Kreuzfahrerspruch "Deus Vult" ("Gott will es"), das sogenannte Jerusalem-Kreuz (ebenfalls von den Kreuzfahrern) sowie das arabische Wort "Kafir" ("Ungläubiger").
Zwischen Ideologie und Strategie: Religiöse Motive in Irans Kriegsrhetorik
Der Iran ist die Kriegspartei, von der der westliche Beobachter am ehesten religiöse Aufladungen des gegenwärtigen Krieges erwarten würde. Seit der islamischen Revolution von 1979 bezeichnet die Regierung Israel als "kleinen Satan". In dieser Rhetorik erscheint der Staat nicht nur als politischer Gegner, sondern als religiöser Fremdkörper in der mehrheitlich islamischen Welt. Die USA wiederum werden häufig als "großer Satan" bezeichnet – als Symbol einer arroganten, sündigen Weltmacht.
Religiöse Kriegsrhetorik aus dem Iran kam bisher jedoch eher von religiösen Autoritäten als von der politischen Führung. Auffällig ist, dass offene "Heiliger Krieg"-Formulierungen bislang eher von einzelnen Geistlichen stammen, während offizielle iranische Regierungs- oder Militärerklärungen den Krieg überwiegend in strategischen, nationalistischen und politischen Kategorien beschreiben.
Vertreter der Revolutionsgarden und ihrer Auslandseinheit, der Quds-Brigade, die beide von den USA als Terrororganisationen eingestuft werden, greifen zwar immer wieder auf religiös gefärbte Bilder zurück, formulieren ihre Drohungen jedoch meist in politisch-militärischer Sprache.
Der einflussreiche schiitische Großajatollah Naser Makarem Shirazi hingegen erklärte am 28. Februar 2026 laut Berichten unter Berufung auf die iranische Nachrichtenagentur Tasnim den Beginn eines Dschihad (wird in Deutschland meist vereinfachend mit "heiliger Krieg" übersetzt) gegen die USA und Israel. Zugleich sprach er von einer "religiösen Pflicht zur Rache" für die Tötung von Revolutionsführer Ali Khamenei und weiterer iranischer Führungsfiguren. Shirazi ist eine bedeutende religiöse Autorität, gehört jedoch nicht der Regierung oder der militärischen Führung an.
Erst über zwei Wochen nach Kriegsbeginn rief der mittlerweile von Israel gezielt getötete Sicherheitsratschef Ali Larijani Muslim:innen weltweit und Regierungen islamischer Staaten dazu auf, im Krieg mit den USA und Israel klar Partei für den Iran zu ergreifen. Darin stilisierte er den Konflikt als Auseinandersetzung zwischen "amerikanisch-zionistischen" Kräften und einem "muslimischen Iran" und beschwor dabei die Einheit der islamischen Welt.
Ein geopolitischer Konflikt im religiösen Gewand
So unterschiedlich die religiösen Traditionen der Kriegsparteien auch sein mögen, ihre politische Funktion ähnelt sich: Religiöse Sprache erhöht die moralische Intensität eines Konflikts. Sie verwandelt komplexe strategische Interessen in einfache Erzählungen von göttlichem Plan, existenziellem Überlebenskampf oder heiligem Widerstand.
Wenn Kriege als Teil göttlicher Geschichte erscheinen, wird Kritik schnell als Verrat gedeutet und politische Entscheidungen erhalten einen heiligen Glanz, der sie schwerer hinterfragbar macht. Zugleich verändert sich das Bild des Feindes – und zwar paradoxerweise durch Aufwertung: Aus einem politischen Gegner wird eine kosmische Bedrohung, aus einem Staat Satan selbst.
Erst diese Überhöhung des Feindes legitimiert den göttlichen Gegenschlag. Wer gegen das Böse kämpft, braucht keine Verhältnismäßigkeit. Die religiöse Metapher wird so zum Freifahrtschein – und die Verantwortung für das, was folgt, liegt bei Gott.
Trotz der religiösen Rhetorik bleibt der Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran jedoch ein geopolitischer Machtkampf. Es geht um regionale Vorherrschaft, militärische Abschreckung, Einfluss auf Seewege und Energierouten und das Überleben politischer Systeme.