17.06.2019
Interreligiöser Workshop

Wie Kippa und Kopftuch Menschen verändern

Die einen finden sie schick, für die anderen sind sie Grund für Beschimpfungen oder tätliche Übergriffe: Kopfbedeckungen wie Kippa oder Hijab. Der Workshop "Stoff auf dem Kopf" soll Hemmungen und Vorurteile abbauen.
Wie fühlt es sich an, ein Kopftuch zu tragen? Das probiert diese Teilnehmerin des interreligiösen Workshops "Stoff auf dem Kopf" aus

In Berlin wird ein junger Mann angegriffen, weil er eine Kippa trägt. Für machen Rapper ist die Kapuze ein Zeichen der Zugehörigkeit zu seiner Clique. Es gibt Kopftuchverbote, Gerichtsverhandlungen und Vorurteile. Was für die einen schick ist, bedeutet für andere ein religiöses Symbol und für wieder andere sogar ein Zeichen für Unterdrückung.

Aber gegen Vorurteile kann man etwas tun. Das zeigt Hannes Hein mit seinem Workshop "Stoff auf dem Kopf". Seit fünf Jahren ist er damit auf Tour und war nun auch zu Gast in Nürnberg.

"Es macht was mit den Personen. Mit Kopftuch oder Kippa, das ist ein anderes Gefühl."

Das sagt Birgit Bektas vom interkulturellen Verein Mesale. An der Wand eines Klassenzimmers liegen dort auf und unter den Tischen Textilien verteilt - Kopfbedeckungen aus vielen Kulturen: Kippa, Schleier, Hijab, Turban, Mützen und mehr.

"Stoff auf dem Kopf"

Seit fünf Jahren führt Hannes Hein, der Inhaber des Münchner Modelabels oofabric, den interkulturellen Workshop "Stoff auf dem Kopf" durch. Ein Film, Duftstoffe und die Textilien überbrücken die Barrieren zwischen den Kulturen - Irritationen und Hemmungen werden  abgebaut. "Schon mal gehört: Ibrahim? Wer kennt Abraham? Das sind die gleichen. Maria – Maryam. Dann gibt’s Adam und Eva, Moses."

"In den drei monotheistischen Religionen ist das gleiche Personal drin. Sie haben sich nur in verschiedene Richtungen entwickelt. Das sieht man heute noch an ihrer Mode - und an den Kopfbedeckungen."

Am Anfang des Workshops "Stoff auf dem Kopf" zeigt Hannes Hein die Gemeinsamkeiten der Religionen auf. Was in Zeiten unserer globalisierten Welt viele Menschen verstört, ist für die Mode ein Lebenselixier: Konflikt und Vielfalt der Kulturen, Integration und Inklusion.

Berührungsängste sind schnell vergessen

Geleitet wird der Workshop von Anna Garbe, einer blinden Psychologin, die ihre ganz eigene Perspektive auf die Thematik mitbringt: "Am Anfang sind die Teilnehmer oft noch relativ schüchtern", sagt sie. "Irgendwann hakt sich dann ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin bei mir ein und führt mich. Das heißt, da sind schon mal die ersten Berührungsängste abgebaut. Dadurch dass ich dann Teil der Gruppe werde, trauen sich die Leute auch Sachen zu fragen, die sie sich vielleicht sonst nicht getraut hätten."

Während die Teilnehmer zunächst vor allem von den Formen und Farben der verschiedenen Kopfbedeckungen fasziniert sind, bringt Anna noch den Tastsinn ins Spiel: Wie fühlen sich die Stoffe an? Wolle, (Kunst-)Seide oder Fell – die Berührung kann zum sinnlichen Erlebnis werden. "Es ist bei Kopfbedeckungen so wie bei anderer Kleidung auch, dass viel über den Tastsinn geht. Bei mir ist das auf jeden Fall so", sagt Anna Garbe.

So riecht Jerusalem

Gleich zu Beginn des Workshops wird ein Film über Jerusalem und das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften gezeigt. Vorher lässt Hannes Hein alle Teilnehmer die Augen schließen und versprüht einen Duft. Jetzt sollen sie raten, woraus dieses Aroma besteht. Ein Parfümeur aus Dresden hat es für Hannes Hein entwickelt:

"Ich habe ihm gesagt, ich möchte einen Raumduft haben, der so riecht, so wie man sich idealerweise Jerusalem vorstellt.

Der Duft setzt sich zusammen aus den Basisdüften Olive und Rose. Der Kopfduft ist Pinie. "Das ist ein sehr herber Duft, der aber angenehm ist durch den Rosenanteil."  Für die blinde Anna Garbe spielen Gerüche eine große Rolle:

"Städte riechen extrem unterschiedlich. Berlin riecht anders als München. Deswegen ist der Geruchssinn ein Sinn, den man nutzen kann, um Dinge zu erfahren und erfassen."

So wertet Hannes Hein die Erweiterung des ursprünglichen Integrationsprojekts um den Aspekt der Inklusion als guten Schritt: "Wir schaffen Bewusstseinsbildung für Inklusion oder Integration. Wir bieten was an, aber machen keinen endgültigen Vorschlag."

Großer Modesalon

Am Ende des Workshops geht es ums Verkleiden, Einhüllen und Verschleiern, so Hannes Hein:

"Wir machen einen großen Modesalon, wo alle alles ausprobieren können und einfach Identitäten wechseln."

Durch das Ausprobieren verschiedener Kopfbedeckungen wechseln die Teilnehmer vom Muslim zum Juden zum Christen. Diese Erfahrung soll die Angst vor dem Fremden nehmen und Akzeptanz für die Bekleidung entwickeln. Obwohl Oofabric ein Modelabel ist, kann man die Kollektionen nicht kaufen.

Lerneffekt durch Ausprobieren

Am Schluss haben alle etwas gelernt. Birgit Bektas vom gastgebenden Verein Mesale bringt es auf den Punkt:

"Ich durfte gerade eine fränkische Trachtenkopfbedeckung aufziehen. Da geht man gleich anders und man fühlt sich anders."

Viele mögen es heute vergessen haben, aber vor gar nicht so langer Zeit gehörten Kopftücher auch zur fränkischen Tracht - und so führt uns der Workshop "Stoff auf dem Kopf" auch zurück zu unseren eigenen Wurzeln.

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