Kommentar
Beim Streit um Gendersternchen und Binnen-I stehen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber. Die politische Debatte ist wieder einmal emotional aufgeheizt, konservative Medien schießen gegen gendernde Nachrichtensprecher. Im Wahlprogramm einer rechten Partei heißt es gar, Gendern sei "eine groteske Verunstaltung der deutschen Sprache". Warum gerade deshalb eine diskriminierungsfreie Sprache wichtig ist. Ein Kommentar von Gabriele Ingenthron.
Geschlechtergerechte_Sprache
Geschlechtergerechte_Sprache

Je lauter Minderheiten Anerkennung einfordern, desto öfter hören sie, dass sie nicht nerven sollen. Doch für Ruhe kann eigentlich nur Gerechtigkeit sorgen. Wenn Sprache große Teile der Gesellschaft diskriminiert, ausgrenzt und abwertet, dann sollte der Sprachgebrauch hinterfragt werden.

Zahlreiche Studien in verschiedenen Sprachen haben in den vergangenen 40 Jahren (so lange schon) immer wieder gezeigt, dass das generische Maskulinum, also die Verwendung männlicher Begriffe auf geschlechtsneutrale Weise, tatsächlich nicht generisch interpretiert wird. Vielmehr wird es in der überwältigenden Mehrheit der Fälle als männlich angesehen.

"Sie ist unser bester Mann! – Wirklich?"

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) haben darauf reagiert und die Broschüre "Sie ist unser bester Mann! – Wirklich?" herausgegeben. Von "Studierenden, Teilnehmenden und Mitarbeitenden" ist da viel die Rede. Denn in Kirche, Diakonie und Entwicklungsarbeit sollen sich alle Menschen angesprochen fühlen. Dazu gehört auch die geschlechtliche Vielfalt, die nicht nur "männlich" und "weiblich" kennt, sondern mit "divers" auch eine dritte Geschlechtskategorie.

Sprache lenkt unsere Wahrnehmung. Deshalb ist die Annahme falsch, mit der Verwendung nur der männlichen Form wären alle, die nicht männlich sind, gleichermaßen mitgemeint und repräsentiert.
Auch Medien und ihre Bildwelten sind wichtig. Sie lenken und prägen unsere Vorstellung von Wirklichkeit.

Rollenbilder sind wichtig für die eigene Identitätsbildung

Dabei kann eine gemäß der "Medienrealität" verzerrte Wirklichkeitsvorstellung entstehen. Wenn Frauen etwa in Medien unterrepräsentiert sind, kann auch ihre Rolle in der Gesellschaft unterbewertet werden. Und für Heranwachsende sind Rollenbilder wichtig für die eigene Identitätsbildung.

Sprachliche Veränderungen rufen erst einmal Vorbehalte auf den Plan. Sie müssen auch nicht übers Knie gebrochen oder politisch verordnet werden. Veränderung braucht Zeit und Geduld. Aber vor allem braucht eine Sprache, die niemanden ausschließt, Sensibilität, Fantasie und Offenheit.

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