18.12.2016
Gott auf der Spur

Maria und Josef, Simeon und Hannah, Hirten und Magier

Der Advent lädt dazu ein, darüber zu meditieren, wie wir Gott begegnen können. Die Evangelisten Lukas und Matthäus helfen dabei mit ihren wunderbar komponierten Weihnachtsgeschichten. Sie berichten - symbolisch fein verdichtet - von vier Gruppen, die alle das Weihnachtswunder erleben, auch wenn sie auf ganz unterschiedlichen Pfaden zu Gott unterwegs sind.
Sandro Botticelli (1445-1510), Mariä Verkündigung, 1481, Detail eines Freskos in der Kirche San Martino alla Scala, Uffizien, Florenz.
Sandro Botticelli (1445-1510), Mariä Verkündigung, 1481, Detail eines Freskos in der Kirche San Martino alla Scala, Uffizien, Florenz.

MARIA UND JOSEF: Die erste Gruppe ist klein, ein junges Paar. Beide tun sich anfangs schwer miteinander. Was weiß schon der eine vom anderen? Sie macht eine überwältigende Gotteserfahrung, erlebt »große Dinge« (Lukas 1, 49), die sie weit über ihr Alltagsbewusstsein hinausheben in die namenlose Freude Gottes. Sie kann nicht darüber sprechen, bewegt alles in ihrem Herzen und läuft vor Josef weg zu einer Verwandten. Er schlägt sich mit Zweifeln herum, weiß lange nicht, was er tun soll, folgt schließlich aber mutig dem Engel seiner Intuition (Matthäus 1, 20). Aus seinem Ja zu Maria wird ein Ja zum Göttlichen, das ungewöhnliche Anfänge setzt: »Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« (Lukas 1, 37)

Für das Neue, das durch zwei Liebende in die Welt kommen will, gibt es kein Vorbild. Wie jedes Paar müssen Maria und Josef ihren einmaligen Pfad zu Gott selbst entdecken - indem sie gemeinsam dem immer werdenden, schöpferischen Gott entgegengehen. Josef nennt das Kind »Gott mit uns«, Maria nennt es »Retter«. Sie entdecken zusammen die rettende Liebe in ihrem Ja zu dem, was ihnen Gott, der Lebendige, zutraut. Das ist der Pfad der Beziehung von Mann und Frau. Der Pfad des Vertrauens hin zur himmelweiten Herberge der Liebe, die größer ist als beide zusammen.

Die Heilige Familie, Lorenzo Costa, um 1490, Lyon, Musée des Beaux-Arts.
Die Heilige Familie, Lorenzo Costa, um 1490, Lyon, Musée des Beaux-Arts.

DIE HIRTEN AUF DEN FELDERN repräsentieren die zweite Gruppe. Sie stehen gesellschaftlich eher am Rand. Sie besitzen fast gar nichts. Sie haben nichts zu verlieren. Die Hürden, in deren Nähe sie ihre Schafe hüten müssen, setzen ihnen deutliche Grenzen. Ihr Spielraum ist klein, ihr Leben karg, ihre Wirklichkeit hart. Ihre Erfahrung ist in und mit der Natur gereift.

Von Berufs wegen müssen sie immer eines sein: aufmerksam und wachsam. Ihre Sorge um die Schafe und die Angst vor wilden Tieren trainiert die Sinne, schult die Achtsamkeit. Hirten sind gewohnt, zu wachen. Sie wissen, wie wichtig es ist, sofort reagieren zu können, wenn etwas Ungewöhnliches passiert.

Diese Wachsamkeit ist der spirituelle Schlüssel, um den Gesang der Engel zu hören. Nur wer wach ist, erlebt das »Sakrament des Augenblicks«.

Verkündigung an die Hirten, Abraham Bloemaert (1564-1651), St. Elisabeth Gasthuis, Haarlem.
Verkündigung an die Hirten, Abraham Bloemaert (1564-1651), St. Elisabeth Gasthuis, Haarlem.

Die Hirten reagieren spontan wie Kinder: staunen, hinlaufen, schauen, davon erzählen. Alles ist so simpel wie die Zeichen »Windeln« und »Krippe«. Ihr Herz ist sofort offen für das Wunder. Ihre Augen leuchten. Ihnen reicht es, dass sie sich nicht fürchten müssen. Sie sind befreit, fern von den Hürden ihres armseligen Alltaglebens. Sie kommen mit leeren Händen und empfangen alles: »Und die Klarheit Gottes leuchtete um sie.« (Lukas 2, 9) Das ist der Pfad der Achtsamkeit für das offene Geheimnis Gottes, das man nur mit dem Herzen erfassen kann.

 

DIE MAGIER AUS DEM MORGENLAND sind die dritte Reisegruppe. Sie verkörpern den höchsten astronomisch-astrologischen Wissensstand der damaligen Zeit. Sie sind gebildet und in der Lage, aus Langzeitbeobachtungen bestimmter Sternenkonstellationen Prognosen zu entwickeln. Dank ihrer Analysen können sie aus ihren Sternenkarten Schlüsse ziehen auf sich ankündigende historische Veränderungen: auf große Verschiebungen im Weltgeschehen und in Glaubensdingen. Früher als alle anderen sind sie aufgebrochen, in die Fremde, dem Kommenden entgegen, nur geführt vom Sternenlicht ihres kosmischen Bewusstseins. Ihr Erkenntnisinteresse und Forschergeist führt sie auf unbekannten Wegen in spirituelles Neuland. Ihr Exodus erspart ihnen aber keine Umwege und Irrtümer.

Auch kluge Köpfe können unversehens erst einmal bei den alten Machtstrukturen landen, wie die Magier bei Herodes. Damit die spirituelle Reise glücklich ans Ziel kommt, braucht es einen klaren Verstand, Unterscheidungsfähigkeit und nüchterne Selbstkritik zur mutigen Korrektur herkömmlicher religiöser Positionen. So entdecken die Magier Gott ganz neu - durch Loslassen.

Die Reise der Magier, James Tissot, 1894, Brooklyn Museum, New York.
Die Reise der Magier, James Tissot, 1894, Brooklyn Museum, New York.

Alles Kostbare, das sie aus ihrer alten Tradition mitgebracht haben, machen sie dem göttlichen Neubeginn zum Geschenk: ihr reiches Wissen, ihren Erfahrungsschatz, ihre interreligiösen Bewusstseinsfortschritte. Das ist der Pfad des Forschergeists, der die weit gereisten spirituellen Sucher in großzügig-heilige Könige verwandelt.

 

SIMEON UND HANNAH, die Alten im Tempel. Wieder zwei, die nach Gott Ausschau halten. Sie gehen den unspektakulären, verlässlichen Pfad der Tradition. Den Weg, den ihre Eltern und Großeltern kannten und unzählige Generationen davor. Sie haben sich ihr Leben lang »beim Tempel gehalten«, um hier Gott zu begegnen. Sie verkörpern die Treue zum Weg des Glaubens, wie er überliefert ist. Durch ihre Präsenz und ihr Gebet halten sie im Tempel den Raum offen, wo Gott geschehen kann. Darum stehen sie gar nicht an der Krippe. Sie bekommen das wunderbare Geschehen der Heiligen Nacht gar nicht unmittelbar mit.

Ausgerechnet sie, die beiden Frommen, sehen das neugeborene Gotteskind als Letzte. Aber sie erfahren nicht weniger als die anderen. Durch ihr verbindliches Gebetsleben sind sie alt und weise geworden. Als sie das Kind endlich sehen, wissen die beiden sofort, dass Gott sie in seine Zukunft schauen lässt. Ihre Geduld hat sie für die Klarsicht des Heiligen Geists geöffnet, mit der sie erkennen können, dass Gott Mensch geworden ist.

Simeons Lobgesang im Tempel, Rembrandt, 1631, Mauritshuis Den Haag.
Simeons Lobgesang im Tempel, Rembrandt, 1631, Mauritshuis Den Haag.

Sie bezeugen, dass wir Gott in diesem Kind und - oh Wunder! - in jedem anderen Menschen erkennen können. Das ist der Pfad der gereiften Kontemplativen, deren innere Reise vom Bewusstsein für das Heilige in uns allen geleitet wurde. Es ist ihre Würde, die der etablierten Religion hilft, die eigene Tradition mit einem mutigen und allumfassenden Segen für das »Werdenkönnen« Gottes in allem Neuen zu verbinden.

 

VIER PFADE unter dem besonderen Segen Gottes: die gemeinsame Kreativität der Liebenden, die am Schöpferprozess Gottes teilhaben. Die Freude der Menschen, die wenig haben, vom Rand der Gesellschaft, die die gute Nachricht beglückt weitergeben. Die Klugheit der Forscher, deren kosmisches Bewusstsein den Schatz unserer Gotteserkenntnis mehrt. Und die Allgüte der Betenden, die das göttliche Kind in uns allen segnen. Advent: Vier wechselnde Pfade, Schatten und Licht - alles ist Gnade. Fürchte dich nicht!

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