16.10.2020
Ursprung im Neuen Testament

Markus Knipp aus Nürnberg will das urchristliche Ruhegebet in der Region bekannter machen

Nichts denken, nichts tun, einfach in Stille den Weg zu Gott im Gebet finden und in ruhevoller Wachheit in Beziehung treten – was auf den ersten Blick ein bisschen nach Esoterik oder irgendeiner fernöstlichen Technik klingt, ist in Wahrheit eine urchristliche Tradition. Das "Ruhegebet" hat seinen Ursprung im Neuen Testament. Der in Nürnberg lebende Markus Knipp will es bekannter machen.
Markus Knipp aus Nürnberg will das urchristliche Ruhegebet in der Region bekannter machen. Hier betet er in der Nürnberger Egidienkirche.

Im Beruf hat Markus Knipp als Personalreferent eines Großunternehmens mit jeder Menge nüchterner Fakten und vor allem auch zwischenmenschlichen Kontakten zu tun.

Vor gut zehn Jahren verspürte er eine immer lauter werdende innere Stimme, die einer Sehnsucht nach Erfahrung seines Glaubens Ausdruck verleihen wollte. Durch einen Glaubenskurs mit Pfarrer Peter Dyckhoff auf Bibel TV ist Markus Knipp auf das Ruhegebet gestoßen. Das Ruhegebet ist für ihn zu einer täglichen Gebetspraxis geworden.

Die Überlieferung des Ruhegebets geht auf den Mönchsvater Johannes Cassian (360-435 n. Chr.) zurück, der um das Jahr 400 in der ägyptischen Wüste lebte. Seine Gebetserfahrungen der Wüste legte er in Form von 24 Dialogen/Unterredungen mit den Wüstenvätern vor. In der 9. und 10. Unterredung schreibt er über das Ruhegebet.

Urchristliche Gebetsform

"Das Ruhegebet ist eine urchristliche Gebetsform, die vor der Kirchenspaltung entstanden ist. Die Christusbeziehung steht im Mittelpunkt, sodass es beim Ruhegebet nicht auf eine bestimmte christliche Konfession ankommt", sagt der 53-Jährige, der seit einigen Jahren auch Kurse im Benediktinerkloster Plankstetten gibt. In seiner Freizeit, unentgeltlich und ehrenamtlich.

"Das Ruhegebet auch in der evangelischen Kirche weiter zu verbreiten ist mir ein tiefes Bedürfnis", erklärt Markus Knipp. Die Mystik ist nicht allein dem Katholizismus vorbehalten und auch das Denken und Leben Martin Luthers war in die mystischen Traditionen seiner Zeit verankert.

Um es zu beten, sucht man sich eine einfache Formel wie "Jesus Christus, erbarme dich unser" aus und klinkt sich für circa 20 Minuten völlig aus dem Alltag aus. Dabei bedeutet Beten, seine Gedanken, Bilder und Vorstellungen von Gott hinter sich zu lassen.

Ein Gebetswort wird als Mittel benutzt, in die erforderliche Stille zu gelangen. Die Fülle der Gedanken wird durch die strenge Armut eines einzigen Verses mehr und mehr reduziert. Bei regelmäßigen Üben stellt sich eine tiefe Ruhe von Körper, Geist und Seele ein und das Nervensystem und die Psyche werden gereinigt.

"Das Gebetswort ist eine Form der Anrufung Gottes hin zu einem Du, man fällt beim richtigen Beten also nicht in ein grenzenloses Nichts. Es ist ein einfacher und müheloser Weg zu innerer Ruhe, der in die Stille und Gottesbeziehung führt", meint Markus Knipp.

Keine Hektik darf aufkommen

Dieses "zur Ruhe kommen" muss man üben: Immer wieder tauchen in dieser Phase vor dem geistigen Auge verschiedene Gedanken und Bilder auf, wenn die Psyche die Stille nutzt, um Erlebtes zu verarbeiten. Dann solle der Betende sanft zu seinem Gebetswort zurückkehren, um sich so von den Gedanken wieder zu lösen. Wichtig sei daher auch eine kurze Vorbereitungszeit, in der man nicht aus einer Hektik oder einer aufwühlenden Situation heraus mit dem Beten beginnt.

Bekannt gemacht wurde das Ruhegebet in erster Linie durch den Priester Peter Dyckhoff, der bereits zahlreiche Schriften zum Thema verfasst hat. Mittlerweile hat er Lehrende des Ruhegebets ausgebildet, die Einübungs- und Vertiefungskurse anbieten. Im "Kleinen Buch vom Ruhegebet" spricht der mittlerweile 83-Jährige auch von den möglichen körperlichen, geistlichen wie religiösen Auswirkungen.

Nach seiner Erfahrung könne das Ruhegebet unter anderem wohltuend für den Blutdruck sein, die psychische Belastbarkeit stärken und die Lust am Gottesdienstbesuch fördern. Markus Knipp kann bestätigen, dass diese so reduzierte wie tiefgehende Gebetsform sein Leben bereichert hat – im Job und in der Familie ebenso wie in seiner Selbstbetrachtung.

"Die Sehnsucht nach Meditation verspüren viele. Warum sollte man diese nicht in der christlichen Tradition stillen?"

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