"Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder, sondern nur ein Radio und einen Fernsehapparat."

Ein witziger Lieblingskanon in unserer Familie, beschwingt von mir geschmettert mit den Großeltern, und ach so vielen Tanten, Cousinen, Eltern und Bruder. Nein, ich bin nicht in einem Kult aufgewachsen. Nur in einer riesigen Großfamilie mit mehr Geburtstagsfesten als Wochenenden im Jahr.

Und wir haben viel gesungen. "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder…" Ein scheinbar harmloses Liedchen mit hoch erhobenem pädagogischem Zeigefinger.

Ein Lied, das mir vieles auf einmal vermittelte. Wir sind eine singende Familie und können also nicht böse sein. Wir haben keine Fernseher und hören kaum Radio, sind also was Besseres als all die anderen um uns herum. Denn wir haben uns dagegen entschieden. Nicht aus Armut, sondern aus Vernunft. Wir sind besser als die Freundinnen, die ich insgeheim beneidete, weil sie "Lindenstraße" gucken durften und "Sailor Moon" und rauf und runter Charts im Radio hörten. Wir sind besser als so ziemlich alle anderen um uns herum. Sogar als die Familienangehörigen mütterlicherseits, denn da standen Fernseher im Kinderzimmer.

Bestärkt wurde das gemeinsame Singen durch die vielen romantischen Erzählungen aus der frühen Wandervogelbewegung, die in unserer Familie eng mit der FKK-Bewegung der 1920er Jahre verbunden war. Man zog so natürlich wie möglich durch die Natur, naturgebräunt und gestärkt durch Bäder in kalten Gewässern. Wenn das nicht ging, lief man nackt durchs Haus und prahlte damit, morgens um 6.00 im Garten geduscht zu haben. Bei Wind und Wetter, versteht sich. Luxus sei was für Warmduscher, Krankheit eine Folge dessen. Mitleid für Leute, die Schwäche zeigten, hielt sich entsprechend in Grenzen. Außer natürlich, sie hatten alles richtig gemacht, dann war es einfach Schicksal. Empathie für sich und andere? Gab es nur in Maßen.

Es ist eine Ideologie, die mir erst nach und nach bewusst wird. Weil sie so tief in mir verankert ist. Der tief sitzende Klassismus meiner Familie. Der starke Antimodernismus. Der Körperkult. Alles perfekt anschlussfähig an die NS-Ideologie der Gründungsgeneration dieser Bewegung, meiner Urgroßeltern.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder

"Wo man singt, da lass dich ruhig nieder." Johann Gottfried Seumes Text erschien erstmals 1804 in der "Zeitung für die elegante Welt" als Gedicht "Die Gesänge". Die ursprüngliche Version lautet:

Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt,
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt,
Bösewichter haben keine Lieder.

Mit Gesange weiht dem schönen Leben
jede Mutter ihren Liebling ein,
trägt ihn lächelnd in den Maienhain,
ihm das erste Wiegenlied zu geben.

Auf den ersten Blick klingt das einleuchtend. Gemeinsam Singen, dem Kind ein Wiegenlied singen! Die aufblühende Natur im Mai steckt an, mit den Vögeln, mit den Bienen zu summen und zu brummen. Ja, es stimmt. Der Mai ist herrlich!

Singen ist menschliche Ursprache

Mit anderen zusammen singen verbindet. Fördert die Gemeinschaft, stärkt das Gefühl, zusammenzugehören. Wer singt, kann nicht gleichzeitig schreien.

Singen macht gesund, Der Herzschlag wird ruhiger und gleicht sich an. Es tut mir körperlich gut. Singen beugt Einsamkeit vor und stärkt sogar Empathie. Weil ich auf andere hören muss, mich einfüge in den Klang und gemeinsam Schwingungen produziere und spüre.

Aber Singen kann auch nur Empathie gegenüber der eigenen Gruppe fördern. Und die anderen zu Feinden erklären. Wenn ich Hassparolen oder gewaltverherrlichende Lieder gröle. Dann steigt der Adrenalinspiegel. Ich fühle mich kräftig und stark und unantastbar. Wer mir im Weg steht, ist mir egal.

Der Sonntag heute heißt "Cantate". Singt! im evangelischen Kalender. Ich freue mich jedes Mal darauf. Singt! Aber singt nicht irgendwas, sondern singt zur Ehre Gottes!

Cantate! Singt. Die Psalmen zum Beispiel. Diese manchmal sehr langen und alten Texte. Eigentlich sind es Lieder, gern auf bekannte Melodien gesungen vor langer, langer Zeit. 150 Lieder für alle Lebenslagen. Für Klage und Verzweiflung, Jubel und Dank.

Singen verbindet mich mit mir, meinen Tiefenschichten, mit Gott und den Menschen. Es ist eine Art menschliche Muttersprache. Schon mit 2-3 Monaten machen Babys lange, melodische Laute, sie singen ooooooh und aaaaah. Spielerisch lernen wir so unsere Stimme kennen, juchzen und jubeln schon lange, bevor wir sprechen können.

Pauken und Trompeten zur Ehre Gottes

Cantate! Singt! Mit Posaunen und Trompeten.

So wie damals, zur Einweihung des ersten Tempels auf dem Berg Zion. Durch niemand Geringeren als den fast sagenumwobenen König Salomo. Inbegriff des makellosen Herrschers von Gottes Gnaden. Eines von Gott eingesetzten, gerechten Herrschers. Jedenfalls laut Büchern der Chronik in der Bibel. Während Salomo in den biblischen Büchern der Könige noch durchaus ambivalente Züge trägt, wird er irgendwann zwischen 500 und 150 v. Chr. rückblickend idealisiert. In einer Zeit also, in der das Volk Israel erst lange im Exil lebte und sich nach starken Führern und einem eigenen Land zurücksehnte. Und dann tatsächlich zurückkehren durfte. Allerdings nicht mehr als eigenständig, freies, verwaltetes Volk oder gar als Staat.

In dieser Zeit erinnern die Geschichtsschreiber also das Volk an die gute alte Zeit. Als Israel ein Volk war. Nie homogen, weil ja aus 12 Stämmen bestehend, mit vielen Einwanderungs- und Migrationsgeschichten gespickt. Geeint durch den Glauben an den Gott, der sie aus Ägypten befreit hat, aus der Sklaverei.

König Salomo lässt den ersten Tempel erbauen und weiht ihn, indem er die Bundeslade hineintragen lässt. Das ist die Truhe mit den Gesetzestafeln, die Moses von Gott empfing. Die darauf zu lesenden 10 Gebote sind bis heute bindend für Jüd*innen und Christ*innen. Sie gelten als Zusammenfassung der Gebote der Tora. Das heißt auch: ein gerechter Herrschaftsanspruch von König und Priestertum wird hier untrennbar an das konsequente Lehren der Tora gebunden. Das ist bemerkenswert. Denn, so sehr Salomo und seine Königszeit rückblickend idealisiert werden, der Schlüssel zum Verlust dieser relativ kurzen Blütezeit wird gleich mitgeliefert. Wer die Gebote der Tora nicht einhält, verliert alles. Selbst den Tempel, in dem Gott Wohnung bezogen hat. Wer den Tempel also wieder aufbaut und die Tora nicht hält, weiß schon, worauf es wieder hinauslaufen wird. Wahrscheinlich.

Im 2. Buch der Chronik wird das so erzählt:

Damals ließ Salomo die Ältesten Israels und die Häuptlinge der Stämme, die Fürsten der Väterhäuser der Israeliten sich in Jerusalem versammeln, um die Lade des Bundes des Ewigen hinaufzubringen aus der Davidstadt, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels am Fest. Das ist der siebte Monat.

Da kamen die Ältesten Israels. Und die Leviten trugen die Lade.  Und sie brachten die Lade und das Zelt der Begegnung und alle Geräte des Heiligtums, die im Zelt waren, hinauf. Die levitischen Priester brachten sie hinauf. Und der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die sich vor ihm versammelt hatte, stand vor der Lade.

In der Lade war nichts außer zwei Tafeln, die Mose am Choreb hineingelegt hatte, durch die der Ewige einen Bund mit den Israeliten geschlossen hatte, als sie aus Ägypten auszogen.

Die levitischen Priester sind wichtig. Sie sind diejenigen, die Dienst am Tempel tun und das Heiligtum betreten dürfen, sogar das Allerheiligste zum Ablegen der Bundeslade. Dem König bleibt dieses Privileg verwehrt. Im Allerheiligsten übernehmen dann die Cheruben, die mehrflügeligen, vieläugigen Engel Gottes die Bewachung der Bundeslade. Menschliche Kräfte wären hier zu wenig.

Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligtum kamen, denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, man achtete nicht auf die Dienstabteilungen.

Und die Leviten waren allesamt Sänger. Asaf, Heman, Jedutun und ihre Söhne waren in Byssus gekleidet. Mit Zimbeln, Harfen und Leiern standen sie östlich vom Altar und mit ihnen 120 Priester, die die Trompeten bliesen.

Und es geschah, dass sie wie ein Mann bliesen und mit einer Stimme Gesang hören ließen, um den Ewigen zu loben und zu preisen und als sie anhoben mit Trompeten und Zimbeln und mit anderen Musikinstrumenten, und als sie JHWH lobten:

"Ja, er ist gut, denn ewig währt seine Güte!" Da wurde das Haus von einer Wolke erfüllt.

Und die Priester konnten nicht hinzutreten, um den Dienst zu leisten wegen der Wolke,

denn die Herrlichkeit des Ewigen hatte das Haus Gottes erfüllt. (2 Chron 5, 2-6+10-14)

Hoffnungsbilder aus der "guten alten Zeit"

Es ist ein Text, der sehnsüchtig von einem Paradies erzählt, das nur noch in den Geschichten der Alten lebt. Ein Text, der eine Einigkeit und Einheit eines Volkes herbeischreibt, die es im Exil nicht gibt und auch später nicht. Und wahrscheinlich auch so nie gab. Alle Männer Israels in trauter Einheit, die ganze Gemeinde an einem Ort.

Hier wird ein Zukunftstraum erzählt von Menschen im Exil, die so weit weg von jeder Macht und Einheit sind, dass das gemeinsame Zurückträumen ihre Überlebenskraft erhält. Geschichten wie diese raunen Menschen einander überall auf der Welt zu, die Flucht und Vertreibung erlebt haben. Daraus erwächst die Kraft, weiter zu hoffen. Dass es eines Tages besser wird. Und frei. Das vor allem. Es ist ein Text von Vertriebenen für Verlorengeglaubte. Von Hoffenden für fast Verzweifelte.

Der Text verliert seine träumerische Unschuld jedoch, wenn ihn Menschen mit Macht erzählen. Und feuchte Augen kriegen bei der Vorstellung von ethnischer und religiöser Einheit. Ein Volk, eine Religion, ein Lied, viele Stimmen, die wie eine klingen. Dazu Trompeten oder Posaunen.

Klingt positiv betrachtet wie ein evangelischer Kirchentagstraum. Kann aber schnell zum Albtraum werden.

Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen

Im Jahr 1938 durften die Comedian Harmonists schon keine Konzerte mehr geben in Deutschland. Diese geniale A-Capella-Gruppe, die weltweit gefeiert wurde. Mit "Mein kleiner, grüner Kaktus", "Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück!" 1938 waren sie schon geteilt in den arischen Teil, der in Deutschland auftreten durfte und die jüdischen Sänger, die über Österreich in die USA fliehen konnten. Und gerade mal so mit dem Leben davonkamen.

Die in Deutschland noch erlaubte Gruppe sang ein kleines, albern anmutendes Liedchen: Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen.

Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen, egal was die anderen denken. Egal, wie es klingt, selbst, wenn ich keine Worte finde für das, was ich fühle. Ein unglaublich subversives Lied 1938 in Nazideutschland. Wo alles verzweckt wurde und dem einen großen Traum von "Ein Volk, ein Land, ein Führer" dienen musste. Alles ohne Zweck, alles, was in diesen Traum nicht passte, wurde ausradiert, vertrieben, zerstört. Und in dieser Situation singen sie:

.Wenn ich vergnügt singe, dann ist es mir egal, ob es schön klingt. Dann singe ich aus vollem Herzen. Und mein Körper beginnt, zu fühlen und meine Seele schwingt sich empor. Wenn neben mir andere singen, verbinden sich manchmal unsere Seelen und Herzen. Wir lächeln einander an oder schließen die Augen und spüren die Kraft der Verbindung zwischen Himmel und Erde und Mensch und Mensch.

Chaotische Ordnung mit Gottes Geist

2022 hab ich das bei einem Konzert von Bobby McFerrin erlebt. Eigentlich war es kein Konzert. Es war ein mit Gesang bis unter die Decke gefüllter Raum. Der Chor? Das Publikum. Auf der Bühne 5 Menschen, die diesen Raum zum Klingen und Schwingen brachten. Eine einfache Melodie wurde uns vorgesungen, wir sangen sie nach, wiederholten sie immer und immer wieder. Und dann improvisierten die 5 auf der Bühne über dem Klangteppich. Ich wusste zwischendurch nicht mehr, was meine Stimme ist und welche die meiner Nachbarin. Ich fühlte singend und sang mir die Seele aus dem Leib. Das Beste: ich blieb ich und ging zugleich in der Gruppe auf, ohne vereinnahmt zu werden.

Bobby McFerrin nennt das Circlesongs. Kreisende Lieder. Es ist ein Eintauchen in Klang, Kreativität und Gemeinschaft durch eine Technik des Gruppensingens. Alle Teilnehmenden sind dazu herausgefordert, zu spielen, zu singen, zu erfinden, zu imaginieren und zu entdecken. Jedes Stück ist einzigartig und einmalig. Jedes Lied und jede Stimme hat ihren Platz im Kreis.

Es ist Trost und Offenbarung zugleich, Feier und Gemeinschaft. Aus Chaos wird Ordnung und Ordnung bleibt chaotisch genug, um niemanden zur Ordnung zu zwingen. Ein spiritueller Weg. Viele Ichs, und ein klingendes Wir, das niemandem etwas aufzwingt. Leichtigkeit und Kraft. Geschenkt von der Heiligen Geistkraft. Für mich war es ein Gottesdienst ohne Pfarrer, mit ganz viel spürbarem Geist Gottes.

In der Osternacht, wenn wir früh am Morgen noch im Dunkeln zusammenkommen und das Licht der Osterkerze in die Kirche hineintragen. Und es dann langsam verteilen von Hand zu Hand, von Herz zu Herz. Da haben wir angefangen, kreisend zu singen. Wir bilden einen Klangteppich, suchen unsere Grundtöne, erfüllen die Kirche mit Summen, das aus der Tiefe unserer Seelen emporsteigt. Es entsteht ein Mosaik, bei dem jeder mitbrummen kann. Selbst der, der von sich behauptet, nicht singen zu können. Darüber improvisiere ich dann das Lobgebet. Welcher Ton als nächstes kommt, weiß ich vorab auch nicht. Nur, dass er von Herzen kommt und deshalb trägt. Und dann passiert tatsächlich genau das, was über die Einweihung des Tempels geschrieben wurde:  

 Und es geschah, dass sie wie ein Mann bliesen und mit einer Stimme Gesang hören ließen, um JHWH zu loben und zu preisen und als sie anhoben mit Trompeten und Zimbeln und mit anderen Musikinstrumenten, und als sie JHWH lobten:

"Ja, er ist gut, denn ewig währt seine Güte!" Da wurde das Haus von einer Wolke erfüllt.

Gemeindegesang als Übung in Toleranz und Nächstenliebe

Gemeinsam Singen. In der Kirche. Im Fußballstadion. In Konzertsälen. Es ist kraftvoll. Es macht glücklich. Es erfüllt mich.

Wenn wir singen, um Gott zu loben, dann ist Können zweitrangig. Dann geht es nicht darum, besonders schön zu klingen. Klar, freut man sich über starke Sänger*innen. Aber das Wichtigste ist, dass ich spüre, dass ich nicht allein bin mit meiner Sehnsucht nach Gottes Nähe. Dass sich viele Seelen gemeinsam emporschwingen und den Raum mit Himmelsklängen erfüllen. Mit Brummen und Juchzen, Summen und Singen. Mit schiefen und klaren Tönen. Mit allem, wie Menschen so klingen, wenn sie singen. Inklusive spontan improvisierten Oberstimmen und unfreiwilligen Unterstimmen. In Gottes Ohren klingt es nach Lobgesang.

Und nebenbei ist es eine perfekte Übung in Toleranz und Nächstenliebe. Du magst deine Stimme nicht? Gott hat Freude daran. Du magst die Stimme der anderen nicht? Gott hat auch sie geschaffen. Hauptsache, ihr singt. Am besten so viel wie möglich mit vielen verschiedenen Menschen. Das verbindet euch nämlich miteinander. Und mit Gott. Deshalb, singe, meine Seele! Singe: "Ja, Gott ist gut, denn ewig währt Gottes Güte!"

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörerinnen und Hörer immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.