14.09.2019
Christentum erklärt

Was ist das Reich Gottes?

"Dein Reich komme" beten Christinnen und Christen im Vaterunser. Aber was ist das überhaupt - das Reich Gottes?
Sich im Kreis haltende Hände

Jesus hat das Reich Gottes verkündet, "gekommen ist die Kirche!": Dieser Seufzer des Theologen Loisy führt mitten hinein in die Spannung, in der die Christenheit seit 2.000 Jahren lebt und die sogar bis weit in die Geschichte Israels zurückreicht. Israel war ursprünglich als Theokratie konzipiert, das heißt, als Volk ohne eigenen König, das sich direkt von Gott und seinen Weisungen regieren lässt. Die Forderung des Volkes nach einem irdischen König wird vom Seher Samuel als Abfall von Gott gewertet. Aber die Sehnsucht der Menschen nach Institutionen, hierarchischen Ordnungen und starken Führern scheint stärker zu sein als die Bereitschaft, gemeinsam täglich neu nach Gottes Willen zu suchen.

Reich Gottes, Reich der Himmel, Königsherrschaft Gottes?

Die gesamte Verkündigung Jesu ist vom "Reich Gottes" oder (bei Matthäus) vom "Reich der Himmel" geprägt. Diese "Königsherrschaft Gottes", wie man auch übersetzen könnte, hat einen zukünftigen Aspekt ("Dein Reich komme!"), aber vor allem einen gegenwärtigen. "Das Reich Gottes ist mitten unter euch" (oder "in euch!"), sagt Jesus. Seine Heilungen und Dämonenaustreibungen sind Zeichen dafür, dass das Gottesreich bereits angebrochen ist, dass Gott selbst kommt, sich der Menschen annimmt und dem Wüten finsterer Mächte ein Ende setzt.

Die frühe Christenheit lebte in der Erwartung, dass Jesus bald endgültig wiederkehrt, um sein Reich auf der Erde zu errichten. Die weltweite Verkündigung und die Heilungswunder der Apostel wurden als Fortsetzung des Wirkens Jesu und als Vorbereitung auf seine Wiederkunft gewertet. Die Taufe war die Initiation in die neue Wirklichkeit Gottes, die Tür in sein Reich: "Das Alte ist vergangen!"

Amtskirche statt Reich Gottes

Das Ausbleiben des Gottesreiches führt bald dazu, dass die glühende Erwartung des Reiches Gottes immer mehr zurücktritt und sich stattdessen eine Amtskirche etabliert, die teilweise versucht, die eigenen Strukturen mit dem Reich Gottes zu identifizieren. Andererseits tritt die offene Spannung zwischen dem Bild des Gottesreiches, das Jesus entworfen hat, und der realen Kirche immer deutlicher zutage. Schon Augustinus versteht die Kirche zwar als Vorweggestalt des Reiches Gottes, sie kann aber mit dem Reich Gottes nicht identifiziert werden, weil in ihr selbst der Kampf zwischen dem Dienst Gottes und dem Dienst des Bösen noch voll im Gange ist.

Fortan bleibt die jesuanische Verkündigung des Reiches Gottes ständiger kirchenkritischer Stachel: Im Gefolge von Joachim von Fiore (1130-1202) entwickelt der radikale Flügel der Franziskaner eine Gesellschaftsutopie und eine neue Naherwartung des Reiches. Verwandte staats- und kirchenkritische Gedanken tauchen in der Reformationszeit bei den Täufern, später im Pietismus, im (säkularisierten) Marxismus und in unserem Jahrhundert in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie auf. In all diesen Bewegungen geht es darum, mit der Realisierung des Reiches Gottes hier und jetzt zu beginnen. Das ist in der Regel mit einer Absage an Macht und Geld (nicht immer auch an physische Gewalt) verbunden. Fast immer wurden diese utopischen Bewegungen von den Großkirchen (blutig) verfolgt.

Entstehung der "Zwei-Reiche-Lehre" nach Martin Luther

Martin Luther entwickelt die Lehre von den "beiden Regierungsweisen Gottes": Durch den Staat regiert Gott mit dem Schwert und dem unerbittlichen Gesetz; durch die Kirche regiert er durch das vergebende Wort des Evangeliums. Daraus entsteht später die "Zwei-Reiche-Lehre", die - anders als Luther - eine "Eigengesetzlichkeit" der weltlichen Ordnung behauptet. Erst 1934 kommt es in der "Barmer Theologischen Erklärung" zu einem Wendepunkt. Die Reichweise des Staates wird begrenzt, der "Eigengesetzlichkeit" weltlicher Ordnungen wird widersprochen.

Die beiden Gestalten, die im deutschen evangelischen Raum der letzten 150 Jahre für eine erneuerte Reich-Gottes-Hoffnung stehen, sind Johann Christoph Blumhardt (1805-1880) und sein Sohn Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1917). Der Vater erlebt als Pfarrer des schwäbischen Dorfes Möttlingen bei der seelsorgerlichen Begleitung einer schwer belasteten Frau die Siegeskraft des Gebets. Die Frau wird vollständig geheilt; die Folge ist eine Buß- und Heilungsbewegung mit ungeheurer Ausstrahlung. Blumhardt erfährt: "Jesus ist Sieger!" Das weckt in ihm eine brennende Naherwartung des Gottesreiches.

Sein Sohn tritt nach dem Tod des Vaters in seine Fußstapfen. Immer deutlicher wird dem jüngeren Blumhardt, dass sich das Gottesreich nicht nur in der Heilung individueller Gebrechen manifestiert, sondern dass die Gesellschaft insgesamt der Heilung bedarf. Im Sozialismus entdeckt er eine treibende Kraft dieser Sehnsucht nach irdischer Gerechtigkeit, obwohl die Hauptvertreter der Arbeiterbewegung Atheisten sind. Er schließt sich der Sozialdemokratie an und wird Landtagsabgeordneter, um ein Zeichen zu setzen: Viele sind in der Kirche, ohne sich um Gottes Reich zu scheren. Und viele arbeiten für Gottes Reich, ohne Christus zu kennen. Bald freilich zieht sich Blumhardt aus der aktiven Politik zurück und stirbt als in sich ruhender, geisterfüllter Beter. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt sich im Gefolge der Blumhardts die bis heute existierende Bewegung der "religiösen Sozialisten".

Institutionalisierung der Kirche verwässerte christliche Botschaft

Jesus wollte offensichtlich keine Institution, sondern die Gemeinschaft von Menschen, die ergriffen sind von seinem Geist und die als "Salz" und "Sauerteig" wirken und zur Veränderung der Welt beitragen. Das Problem des Christentums ist sein Erfolg - und das Ausbleiben der Wiederkunft Christi. Das Wachstum der Kirche erzwang geradezu die Institutionalisierung. Und die Institutionalisierung führte notwendigerweise zu einer Verwässerung der radikalen christlichen Botschaft. Deswegen gehört es auch zum Wesen der Kirche, dass immer wieder kleine prophetische und hingabebereite Gruppen entstehen, die durch ihren Lebensstil an die Anfänge der Kirche erinnern.

Vielleicht sind es heute Gruppen wie die "Jesus Freaks", die kaputten drogenabhängigen und orientierungslosen Jugendlichen in den großen Städten die Liebe Gottes verkünden und ihnen eine heilende Gemeinschaft anbieten fern von den Großkirchen. Vielleicht sind es kleine Gebetsgruppen oder Kreise von Ehrenamtlichen, die sich in den Kirchen um Einsame, Obdachlose und Suchende kümmern. Immer sind es Menschen, die sich nicht abfinden mit dem Bestehenden, und die sich danach sehnen, dass von Gott her etwas besser wird in dieser Welt. Menschen, die glauben, dass Gott auch heute Herzen und Strukturen verändern kann. Immer sind es Menschen, die beten, als wenn alles Engagement nichts nützt und die sich engagieren, als ob alles Gebet nichts nützt. Es gibt sie überall. Sie sind der Sauerteig des Gottesreiches.

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