Haben die Schornsteinfeger eine findige PR-Dame engagiert, die ihr Image so verklärte, dass Bräute seitdem – gerade in England – hoffen, nach der Trauung einem Kaminkehrer zu begegnen? Und allgemein wird ein Rauchfangkehrer als Glückssymbol gewertet: Es werden keine Gedanken an eine Feuersbrunst oder an Raben oder Zauberinnen und Zauberer verschwendet. Wie kann das sein? Schon allein der Dreck, den die Reinigungsspezialisten früher verbreiteten! Wer musste denn den Ruß wegwischen? Wirklich merkwürdig. Oder exzellente Publicity. Das ist jedoch nur Spekulation.

Wer einem Schornsteinfeger begegnet oder ihn sogar berührt, dem soll Glück widerfahren. Dazu lassen sich Belege aus der Geschichte in Büchern von Autorinnen und Autoren finden. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass viele derjenigen, die eifrig Erscheinungen des Aberglaubens gesammelt haben, selbst abergläubisch sind.

Bei diesem Aberglauben fällt auf, dass es ziemlich wenige Funde gibt. Immerhin existiert mancherlei Aberglaube zum Kamin allgemein. Sich vor einem "Chimney Sweep” zu verbeugen, soll Glück bringen, wie Nachweise aus den Jahren 1887 und 1889 zeigen. Er ist "in der Wunschzeit des Neujahrs eine stehende Figur als Glücksbringer geworden”. Wenn in England erklärt wird, der Schornstein sei am Neujahrstag gereinigt worden, sodass das Glück über das ganze Jahr anhalte, ist das unsinnig, da ein guter Abzug und die Minimierung der Gefahr von Rußbrand so wichtig waren, dass dies immer wieder erfolgen musste. Die französische Literatur ist offenkundig besonders unergiebig zum Schornsteinfeger.

Zylinder als Imagefaktor

Die Bezüge auf ihre schwarze Kleidung stehen im Widerspruch zur Gedankenwelt des Aberglaubens. Zudem stellt sich die Frage, seit wann sie schwarz gekleidet waren. Im Allgemeinen wird es eine dunkle Montur gewesen sein, teilweise dazu ein helles Hemd oder ein weißes Halstuch. Es gibt verschiedene Arten der Hülle; bisweilen sieht sie wie ein Alltagsgewand aus. Der Zylinder muss relativ jung sein; es wurden wohl zuerst ausrangierte verwendet. Historische Bilder belegen, dass auch Frauen und Kinder Schornsteinfeger waren.

Der Beruf des Schornsteinfegers hatte sicher nicht die edlen Züge, die er heute hat. Aufgrund des Schmutzes werden es eher Benachteiligte gewesen sein, die diesen Beruf ausüben mussten. Ein tieferer Blick in die Vergangenheit Europas deckt entsetzliche Kinderarbeit auf: Kleine Jungen wurden durch die Schornsteine geschickt. Konkrete Kenntnisse hierzu liegen für England und Italien vor. Es ist zu befürchten, dass dies weit verbreitet war.

Gemäß einem fast hundert Jahre alten Artikel über Kaminfeger galt eine Begegnung "allgemein als gutes Vorzeichen”, "vor allem bei der städtischen Bevölkerung, wenn auch hier in sehr vielen Fällen nur als Reminiszenz an früheren Aberglauben”. Was immer das heißen mag. "Der Grund … liegt vor allem in seiner besonderen Erscheinung”. Das Gegenteil müsste der Fall sein. Der Aussage, sie schützten die Menschen mit ihrer Arbeit, würden eher häufigere Aufträge entsprechen, was aber anscheinend nicht der Fall war.

Aberglaube statt Glaube

Es sei "eine weitere Begründung darin zu suchen, dass die Kaminfegergesellen zu Neujahr die Jahresrechnung in den Häusern einkassierten und unter Glückwünschen Gaben für sich sammelten”. Da sie dabei ein Kalenderblatt verteilten, das in der Wohnung aufgehängt wurde, hatten die Menschen dies das gesamte Jahr vor Augen. Eine derartige Erläuterung ist schwach und wird nur schwächer. Zudem fragt sich, ob es tatsächlich Jahresrechnungen gab: Dann wären die Schornsteinfeger eine fette Beute für Räuber gewesen. Außerdem sollen die Kaminfeger "die ersten Neujahrsgratulanten” gewesen sein, als ob ein Fremder, der gute Wünsche ausspricht, mit Verwandten, Freunden und guten Bekannten vergleichbar wäre.

Auch die Vorgaben, was die Glücksucher tun müssen, wirken nach Gutdünken ausgewählt. Dann kommt zur Begegnung nämlich hinzu, ihm die Hand zu schütteln oder gar die goldglänzenden Knöpfe an seiner Kluft zu drehen. Dieser menschliche Glücksbringer in Schwarz ist eine Form des schlichten, pseudoempirischen Aberglaubens. Wenn empfohlen wird, wie man sich verhalten soll, entsteht eine minimal ritualisierte Form, um die gewünschte Reaktion zu erreichen. Auf die Gegenfrage, wie der Erfolg eintreten solle, wird häufig auf die Praxis als solche verwiesen, um sich zu rechtfertigen: "Meine Großmutter hat dem schon vertraut", lautet die Antwort.

Die Kommentare in Zeitungen, im Internet oder in der Literatur sind nur Versuche einer Rationalisierung. Interessanterweise werden dabei keine transzendenten Kräfte benannt. "Alle eure Sorgen werfet auf ihn” ist einer der vielen Aufrufe der Bibel an uns. Es sind die Unsicherheiten des Alltags, die Kleinigkeiten mit ihren großen Auswirkungen für einen selbst, vor denen sich Menschen fürchten.