Statistisch gesehen sterben in Deutschland mittlerweile mehr Menschen durch Selbsttö­tung als insgesamt durch Verkehrsunfälle, Mord, Drogenmissbrauch plus Aids. Sie sind oft depressiv gewesen, jedenfalls am Leben verzweifelt, vielleicht sogar an ihrer reli­giösen Überzeugung. Ihnen fehlte Hoffnung – jenes Grundelement, ohne das man see­lisch kaum mehr Luft zum Atmen be­kommt und die innere Kraft dahinschwindet.

Freitod wirklich eine Tat der Freiheit?

Der sogenannte Freitod – ist er wirk­lich eine Tat der Freiheit oder nicht vielmehr insgeheim ein Notschrei angesichts der Ermangelung an Freiheit? Haben die Worte "Sich das Leben nehmen" nicht einen merk­wür­di­gen Doppelsinn? Spricht sich im Entschluss Sui­zidaler nicht eine tiefe Sehnsucht nach Erfüllung aus, die sie gerade als immer wieder unerfüllte, ungestillte Erwartung in tiefste Frustrationsgefühle treibt?

Von daher aber könnte gerade die Konfrontation mit den visio­nären Berich­ten aus unmittelbarer Todes­nähe für sie eine große Faszination aus­üben, ja einen ver­ändernden Impuls darstellen. Dafür freilich sollten sie dann möglichst wahrnehmen, was die internationale Nahtod-For­schung insgesamt zum Thema zu sagen hat - denn deren Ergebnisse sind kei­nes­wegs einlinig.

Der Tod als Freund

Schon 1937 hat der französische Schriftsteller Georges Barbarin Sterbe-Erlebnisse von Men­schen vergleichend untersucht, die dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen und ins Leben zurückgekehrt waren. Seinem Buch "Der Tod als Freund" zufolge sprechen solche Nahtod-Erfahrungen oder Sterbebett-Visionen von Mal zu Mal dafür, dass "der Tod immer einfach und leicht" sei, ja dass in manchen Fällen sogar ein gewisses Wohlgefühl", jedoch meist kein Schmerz empfunden werde. Doch just für Selbsttötungen gelte diese Regel nicht – hier drohten vielmehr düstere Erfahrungen.

Vierzig Jahre später bestätigte der international be­kann­t gewordene Mediziner und Nahtod-Forscher Raymond A. Moody aufgrund seiner Materialsammlung:

"Zahlreiche Menschen, die eines natürlichen Todes oder bei einem Unfall gestorben waren, haben mir erzählt, ihnen sei kundgetan worden, dass der Selbstmord eine sehr schlimme Tat sei, die eine Bestrafung zu­folge habe."

So habe sich einem aus der Todeszone Zurückgekehrten fest eingeprägt, dass zwei Dinge absolut verboten seien: sich selbst zu töten und einen anderen umzubringen.

Selbstmordversuch brachte keine Lösung

Alle Zeugnisse Suizidaler stimmen laut Moody darin überein, dass ihr Selbstmordversuch gar kei­ne Lösung gebracht habe. Eine Frau beispielsweise habe sich eingesperrt gefühlt in eben der­selben Lebenslage, die sie in den Selbstmordversuch getrieben hatte: "Es kam ihr so vor, als würde sich der Zustand, in dem sie sich vor ihrem ‚Tod‘ befunden hatte, unablässig wieder­holen wie in einem Zyklus." Der Best­seller-Autor Moody betont:

"Alle haben gesagt, nach dem, was sie jetzt erlebt hätten, würden sie nie wieder an einen Selbstmord denken."

Denn ein Sui­zid löse die jeweiligen Probleme weder im Diesseits noch im Jenseits. Auch viele andere Nahtod-Forscherinnen und ‑Forscher sind später zu sehr ähnlichen Resul­taten gelangt. So betonte der bekannte US-amerikanische Psychologie-Professor Kenneth Ring, lange Jahre Präsident der Association for Near-Death-Studies (IANDS), in seinem Mate­rial finde sich kein einziges Beispiel, wonach Suizidale etwa ein erlösendes Lichtwesen erlebt hätten.

Werner Thiede
Dr. Werner Thiede ist außerplanmäßige Professor für Systematische Theologie, Pfarrer im Ruhe­stand und Publizist – zuletzt mit dem Buch "Die Wahrheit ist exklusiv. Gesammelte Aufsätze zum interreligiösen Dialog" (erweiterte Neuausgabe 2022, Hardcover, 26 Euro).

Visionen in Todesnähe

Die amerikanische Ärztin und Nahtod-Forscherin Barbara Rommer hat nega­tiven, unangenehmen Visionen in unmittelbarer Todesnähe, die es eben zu einem klei­neren Prozentsatz auch gibt, ein ganzes Buch gewidmet: "Der verkleidete Segen. Er­schreckende Nah-Todeserfahrungen und ihre Verwandlung" (2004). Darin bringt sie das Bei­spiel einer 29-jährigen Suizidalen, die eine Überdosis Medikamente genommen hatte und dann durchaus eine Art Christus-Begegnung erlebte, allerdings als düstere:

"Alles Schlechte, was ich jemals getan habe, wurde hervorgekehrt. Ehrlich, ich fühlte mich wie in der Hölle. Ich fühlte mich beurteilt in Bezug auf absolut alles, was ich getan habe – danach, ob es gut oder böse war."

Die einstige Atheistin sah sich mit einer zornigen Richtergestalt konfrontiert, die sie in ihrer Lebensrückschau kritisch belehrte.

Um noch einen neueren Bericht anzuführen: 2019 erzählte die Krankenschwester Ingrid Wen­ger öffentlich von einem Suizidversuch mit Rattengift und starken Medikamenten, den sie als Jugendliche unternommen hatte. Obwohl sie unmittelbar vorher sogar noch gebetet hatte, fiel ihre Nahtod-Erfahrung in Mainz albtraumartig aus. Auf der Todesschwelle begeg­neten ihr heulende Dämonen, und lautes Dröhnen schmerzte in ihren Ohren.

Suizidaler kommt "von drüben" zur Begrüßung

Gleichwohl wäre es unsachlich, es bei so gearteten Beispielen zu belassen. Denn die interna­tionale Nahtod-Forschung kennt durchaus auch Fälle von Suizidalen, die kein negatives oder bedrückendes Grenzerlebnis hatten. So berichteten die Thanatologen Russell Noyes und Roy Kletti 1982 von einer 22-Jährigen, die für einen ernsthaften Suizidversuch Arzneistoffe mit sedierender, hypnotischer und narkotischer Wirkung genommen hatte.

Ihre Erfahrung in un­mittelbarer Todesnähe gestaltete sich als eine mystische Erfahrung in einer Art stillstehender Zeit. Sie befand sich in einer "anderen Welt" und meinte, mehr denn je sie selbst zu sein, und zwar tiefer, als sie sich bis dahin gekannt hatte:

"Ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu werden."

Die neue Selbstfindung stärkte sie offenbar innerlich.

In Kenntnis der oft negativen, ja Angst einflößenden Nahtod-Berichte von Suizidalen fragte mich ein seit Langem durch Selbstmord-Gedanken Angefochtener vor einiger Zeit, ob es denn in mei­nem reichlich gesammelten Forschungsmaterial nicht vielleicht doch Fälle gebe, in denen unter den oft freudig und liebevoll aus dem Jenseits zur "Begrüßung" Kom­men­den auch Suizid-Täter aufgetaucht seien. Ich recherchierte daraufhin – und siehe da, einen ein­zigen solchen Fall fand ich tatsächlich.

Der Arzt Michael Sabom zitiert in seinem Buch "Er­innerung an den Tod" (1982) einen Reanimierten, der in einer Nahtod-Vision nach einem Herzstillstand be­richtete:

"Ich kam an irgendeinen Ort, und dort waren alle meine Ver­wand­ten, meine Groß­mutter, mein Großvater, mein Vater und ein Onkel, der kurze Zeit vorher Selbstmord began­gen hatte. Sie kamen alle auf mich zu und begrüßten mich… Sie sahen ge­sünder aus als beim letzten Mal, als ich sie gesehen hatte."

Tatsächlich könnte dieser Fall auch so interpretieren lassen, dass Nahtoderfahrungen – zunächst einmal vorausgesetzt, sie seien als ein wenn auch ver­han­gener Blick über die Todesgrenze hinweg ernst zu nehmen – nicht zwangs­läufig in eine unglückli­che Jenseits-Existenz, jedenfalls nicht in andauernd negative, münden müssen.

Negatives kann sehr schön werden

Stichwort "Andauern": Wie es um den Faktor Zeit in einer jenseitigen Dimension bestellt wäre, ist ja nicht ganz eindeutig zu sagen. Bewegung und Prozesshaftes kommt in den betreffenden Visionen immerhin fast ständig vor. Und es entspricht einem nicht ganz seltenen Muster, dass ein negativ beginnendes, womöglich höllenartiges Nahtod-Erlebnis auf der Todesschwelle sich verwandeln kann in ein doch noch sehr "schönes", wie man sie ohnehin ganz über­wiegend vorfindet.

Davon handeln insbesondere zwei Bücher des US-ameri­kanischen Arztes Maurice Rawlings, die übrigens auch ins Deutsche übersetzt wurden. Offen­bar gibt es nun dergleichen auch im Kontext versuchter Selbsttötungen. So berichtet die briti­sche For­scherin Margot Grey in ihrem Buch "Return from Death" (1985) von einer suizidalen Frau, die sich wegen ihres Suizid-Versuchs von jenseitigen Gestalten zwar zunächst an­geklagt sah und klar erkannte, dass es eine Todsünde sei, sich das Leben zu nehmen, die aber im Fort­gang ihrer Nahtod-Erfahrung schließlich ihren Freispruch erlebte.

Und es gibt sogar Fälle, in denen Suizidale rein positive, gewissermaßen also üblich-schöne Nahtod-Erfahrungen machten, wie sie auf dem Gebiet der Sterbeforschung namentlich von Julius Bahle und Elisabeth Kübler-Ross schon in den 60er Jahren als gängig beschrieben wor­den waren. Kenneth Ring und Stephen Franklin berichteten in einer 1982 ver­öffentlichten Stu­die sogar von 17 Suizidalen, deren Nahtod-Visionen allesamt nach dem be­kannten "schö­nen" Muster verlaufen waren – also charakterisiert durch Gefühle von Frieden, Wohl­be­finden und geradezu himmlischem Licht- und Musik-Erleben, wobei bei einigen auch die Be­grüßung und Kommuni­kation mit "Geistern" geliebter Verstorbener vorkam.

Nicht reduktionistisch verfahren!

Wenn also zum Suizid neigende Personen von der Nahtod-Forschung nähere Auskünfte oder zumindest ein wenig Orientierung er­hoffen, so dürfen sie jedenfalls nicht einseitig informiert werden. Reduktionistische Beschränkungen auf aus­schließ­lich negative, gar "höllische" Be­richte, also bedrohlich klingende Erfahrungen verbieten sich ebenso wie das Anführen rein positiver, angenehmer Visionserlebnisse auf der Todesschwelle. Denn wie dargelegt, gibt es bei­des, ja sogar die Kombination von beidem.

Wichtig bleibt aber auch die grundsätzliche Überlegung, dass solche Nahtod-Berichte kei­nes­falls – und erst recht nicht ihre Weitergabe durch Bücher oder Filme – in naiver Weise als "Offenbarungen" aus dem Jenseits auf- oder hingenommen werden dürfen. Zu den klaren Befunden der Nahtod-Forschung zählt näm­lich die Einsicht, dass das Erleben in unmittelbarer Todesnähe ungeachtet sich wiederholender Muster über verschiedene Kulturen hinweg doch oft auch gut erkennbar von individuellen und kulturellen Einflüssen geprägt ist. Und das ver­wundert nicht; denn allein der Umstand, dass die Betreffenden wieder ins Leben zurück­gekehrt sind, illustriert zur Genüge den Um­stand, dass zumindest Teile des Gehirns und der Psyche noch im Diesseits verwurzelt waren.

Sondererfahrungen lassen sich auch mit diesseitigen Theorien erklären

Im Übrigen lassen sich solche Sondererfahrungen ein Stück weit doch auch mit immanenten, rein diesseitigen Mitteln und Theorien erklären – etwa durch den Einfluss körpereigener En­dorphine, also morphiumähnlicher Hormone, die ihre Wirkung in Bruchteilen von Sekun­den entfalten und dies gerade in der Krisensituation des unmittelbar bevorstehenden Todes tun kön­nen, oder auch durch die jeweiligen psychologische Umstände. Wiederum wird damit nicht alles erklärt, was in solch mystischen Momenten an merkwürdigen Beobach­tungen und er­staun­lichem Wissen auftreten kann. Insofern verbieten sich auch in dieser Hinsicht reduk­tio­­nis­tische Deutungen.

Mit dem Tod und der Frage eines möglichen "Danach" ist es nicht so einfach, wie manche Atheisten, Agnostiker und Esoteriker glauben. Unbestreitbar ist nur eines: Soll­ten die Leugner eines Jenseits richtig liegen, dann werden sie es nach ihrem Tod nie erfahren; sollten dagegen die Verfechter einer Unsterblichkeit der Seele oder Auferste­hung im Recht sein, werden sie und auch alle anderen es erfahren.

Keine letztgültigen Auskünfte

Letztgültig orientierende Auskünfte gibt es auch auf dem Gebiet der Nahtod-Forschung nicht. Doch immerhin zeichnet sich für fragende Suizidale ab: Menschen, die sich das Leben nehmen wollten und dabei eine Nahtod-Erfahrung hatten, neigen kaum zur Wiederholung einer solchen Tat; Aus­nahmen bestätigen die Regel. Vielmehr beflügelt sie meist ein neuer, ins Transzendente weisender und doch wieder ans Diesseits verweisender Lebenssinn nach­haltig. Oft haben sich ihre Gottes- und Selbsterkenntnis vertieft.

Es scheint auch nicht so zu sein, dass wunder­bar-schöne Erlebnisse dazu verführen, womöglich gerade um ihretwillen sehnsuchtsvoll eine Selbsttötung anzustreben. Deren spiritueller Widersinn erweist sich nun als zu offen­sichtlich; sie stünde der Liebe und Weisheit entgegen, die in vielen Visionen von himmlischer Seite her ein­drucks­voll erlebt wird – und die von einem göttlich so Umgrei­fen­den zeugt, dass sogar bei hoffnungslos ver­zweifelten oder erschöpften Suizid­-Täterinnen und ‑Tätern das Wort aus Psalm 103 gelten dürfte:

"Barmherzig und gnädig ist der HERR, ge­duldig und von großer Güte; er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig blei­ben."

Unsterblichkeit der Seele?

Werner Thiede

So sicher der Tod ist, so unsicher bleibt die Frage, ob er das absolute Ende bedeutet - und wenn nicht, was dann folgt. Werner Thiede hat sich viele Jahre mit den entsprechenden Themenfeldern befasst. Als Systematiker und früherer Mitarbeiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) bezieht er neben theologischen Fragen auch Parapsychologie, Esoterik und Nahtod-Forschung mit ein. Spannende Forschungsresultate werden präsentiert, evangelische wie katholische Modelle diskutiert. Thiede sieht die sogenannte "Ganztod"-Theologie kritisch und plädiert für eine die Seelenunsterblichkeit ausdrücklich integrierende Auferstehungshoffnung.

ISBN: 978-3643148780

Seitenzahl: 265

Verlag: Lit Verlag

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