Wenn ein Posaunenchor Jubiläum hat, dann ist das auf jeden immer etwas ganz besonderes, so auch in diesem Jahr in Wunsiedel. Der evangelische Posaunenchor feiert dort in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen – und bekommt obendrauf die Pro-Musica-Plakette des Bundespräsidenten verliehen, die höchste Auszeichnung für Amateurmusikensembles. Ein Jahrhundert Bläserdienst, bei Gottesdiensten, Stadtleben, oder bei bestimmten Freiluft Veranstaltungen.
Die offizielle Überreichung der Plakette ist im Festgottesdienst am Sonntag, 18. Oktober, um 10 Uhr in der Stadtkirche Wunsiedel geplant. Predigen wird Regionalbischöfin Berthild Sachs.
Die Pro-Musica-Plakette wurde 1968 von Bundespräsident Heinrich Lübke gestiftet, seit 1969 vergeben. – bundesweit sind es laut Entwurf mittlerweile 2.413 ausgezeichnete Orchestervereinigungen.
Von vier Bläsern zum Markenzeichen der Wunsiedler Gemeinde
Dass der Posaunenchor in Wunsiedel so weit gekommen ist, hat auch mit einem etwas holprigen Anfang zu tun. Im Kirchenboten zum 50-jährigen Jubiläum wird erzählt, wie sich am 29. Juli 1926 vier Bläser unter Leitung von Diakon Schindelbauer in der Stadtkirche zusammenfanden – ausgestattet mit zwei Flügelhörnern, einem Tenorhorn und einer Zugposaune. Das Geld reichte "vorläufig nicht", also halfen Spenden, Freunde und ein Darlehen des Evangelischen Frauenbundes. Die erste Übungsstunde fand in einem "primitiven", aber romantischen Raum, einem ehemaligen Stall des Pfarramts statt. Und schon am 15. August 1926 spielte die kleine Gruppe in einem Gottesdienst in Vordorf.
Damals wie heute war das Ganze mehr als Musik: ein Dienst an Gemeinde und Stadt. Im Rückblick auf 50 Jahre wird von rund 2000 Einsätzen gesprochen – in Krankenhäusern, bei Standmusiken, Serenaden, Ständchen, bei weltlichen Feiern und Gedenktagen, bei Landes- und Bezirksposaunentagen.
"Reiche Geschichte" – und tolle Gegenwart
Reinhold Schelter, Kirchenmusikdirektor (KMD) und Chorleiter, fasst das Jubiläum in zwei Worten zusammen: "Reiche Geschichte."
Schelter ist seit 2002 in Wunsiedel. Gleichzeitig ist er in der oberfränkischen Region aufgewachsen und "sowieso mit dem Ganzen verbunden". Begonnen hat er selbst früh: mit elf Jahren, die ersten musikalischen Gehversuche in der evangelischen Kirchengemeinde Bernstein bei Wunsiedel und 2026 kommt für ihn ein persönliches Jubiläum dazu: 50 Jahre als Bläser.
Der Wunsiedler Posaunenchor ist aktuell nicht riesig, aber genau das ist ein Teil seines Erfolgsrezepts: elf Leute, "unheimlich treu, unheimlich einsatzfähig", mit ausgewogenen Stimmen.
Menschen, Geschichten, ein 96-Jähriger und der Abschied eines "Dienstältesten"
Schelter erzählt auch von den Personen, die so ein Ensemble prägen. Das Mitglied mit der längsten aktiven Zeit: Karl Rost, der heuer 80 wird und mit dem Jubiläum aufhören möchte. Wunsiedel hatte einmal Bayerns ältesten Bläser. Willi Sauerbrey spielte noch mit 96 Jahren mit, ist auf Fotos zu sehen und starb vor rund zehn Jahren.
Solche Erzählungen sind keine Nostalgie-Nummer, sondern die DNA dieser Arbeit: Da bleibt jemand Jahrzehnte dabei, weil Musik und Glaube zusammenpassen, weil Gemeinschaft entsteht und weil man an vielen Lebensstationen plötzlich "die Bläser" im Ohr hat.
Klangwandel: Von "Kuhlo-Hörnern" bis Rhythmusstücken
Was sich in 100 Jahren verändert? Eine Menge. Schelter beschreibt, wie schon in den 1970ern ein Umbruch begann: neue Stile, Gospel, Swing, Jazz. Heute macht man da kaum noch Schubladen, rhythmische Stücke gehören selbstverständlich dazu.
Dazu kommt ein spannendes Wunsiedler Kapitel: Schelters Vorvorgänger Walter Haffner (als Komponist für Bläser bekannt; sein Sohn ist der bekannte Schlagzeuger Wolfgang Haffner) prägte ein besonderes Klangideal und ließ sogar Instrumente speziell anfertigen – unter anderem eine "Doppelzug-Posaune", die wie eine Tuba tief klingt, aber mit engem Mensurkonzept. Schelter nennt Haffner im Grunde einen Vorreiter historischer Aufführungspraxis in den 1970ern.
Kurz gesagt: Der Chor war nie nur "brav Choräle spielen", sondern hat immer auch experimentiert, gesucht, geformt.
Perfektion? Nett. Menschlichkeit? Unverzichtbar.
Auf die Frage, was wichtiger ist – Perfektion oder Herz/Geist – antwortet Schelter ohne Umwege: "Letzteres." Und er begründet es mit einem Satz, der für jedes Ehrenamt essentiell ist: Es gehe um Miteinander, um das Beste, das gemeinsam möglich ist, "aber niemals auf Kosten von Menschlichkeit".
Vielleicht ist genau das der Grund, warum so ein Posaunenchor über Jahrzehnte funktioniert: weil er musikalisch fordert, aber menschlich nicht frisst.
Pro-Musica-Plakette: Ein Preis mit Papierkrieg und Symbolkraft
Die Auszeichnung mit der Pro-Musica Plakette kam eher zufällig. Der Anstoß kam über eine andere Gemeinde, über den Posaunenchor Streitberg, der diese Plakette erhielt. Der Wunsiedler Dekan Peter Bauer bekam das mit und fragte Schelter, ob das nicht auch etwas für Wunsiedel wäre. Schelter fand es gut und dann kam der Moment: "Oh Schreck" – alles müsse belegt werden, hundert Jahre Aktivität, auch schwierige Zeiten. Gerade weil eine Chronik zwischenzeitlich verloren ging, war es mühsam. Am Ende gelang der Nachweis doch – auch über alte Hinweise im Kirchenboten.
Und ja, "Titel und Orden" seien nicht das Wichtigste, sagt Schelter. Aber: Diese Plakette ist ein öffentliches Signal. Sie sagt: Das hier ist nicht Folklore, sondern Kulturarbeit mit Tiefe.
Posaunenchor ist mehr als kirchliche Musikgruppe
Auch Schelter hat viele Erinnerungen an "seinen Posaunenchor" eine ganze starke war das gemeinsame Blasen mit Dekan Bauer vor sechs Jahren, 2020 zur Corona Zeit. Schelter und Bauer spielten damals immer mittags vom Kirchturm "Verleih uns Frieden gnädiglich" in alle Himmelsrichtungen.
Nach 100 Jahren bleibt damit vor allem eine Erkenntnis: Ein Posaunenchor ist nicht einfach ein Musikverein im kirchlichen Gewand, sondern vielmehr Dienst öffentlichen Raum, Trost, Fest, Tradition, manchmal auch Protest gegen Stille. Und in Wunsiedel jetzt eben auch ausgezeichnet vom Bundespräsidenten.